
Die Handweberei der Abtei Königsmünster
Wer die Weberei der Abtei Königsmünster betritt, spürt eine besondere Atmosphäre: das gedämpfte Klackern der Webstühle und den feinen Duft von Garnen. Ein stiller Klangraum, der Handwerk, Spiritualität und jahrzehntelange Erfahrung vereint. Im Zentrum dieses Ortes steht Bruder Alexander, der seit fast vierzig Jahren die Paramentwerkstatt des Klosters prägt.
1984 tritt der junge Maschinenbau-Techniker ins Kloster ein. Die Frage, welchen Arbeitsbereich er dort übernehmen könnte, beantwortet sich – wie vieles im monastischen Leben – fast zufällig: Ein Mitbruder hatte in Alexanders Heimatort Neuenbeken bei den Schwestern vom Kostbaren Blut Weben gelernt. Das weckt seine Neugier. Ein sechswöchiges Praktikum folgt, 1985 beginnt er die Ausbildung. Vier Jahre später entsteht die eigene Weberei der Abtei. Bruder Alexander wird zu ihrem prägenden Kopf.

Paramentgewebe für die ganze Welt
Heute entstehen hier handgewebte Paramente, die auf der ganzen Welt getragen werden. Von Hildesheim bis Antwerpen, von Jerusalem bis Seattle. Der Grund für diese internationale Strahlkraft liegt in der unverwechselbaren Handschrift des Webers: fließende Farbübergänge, feine Gewebe, eine Kombination aus Seide, Wolle, Leinen und Japangold. Für seine berühmte „Regenbogenstola“ nutzt er 38 Farbübergänge. Mehr als fünfmal so viele wie ein klassischer Regenbogen. Das Geheimnis: ein raffiniertes mechanisches Tauschen der Fäden, mit dem er Grenzen zwischen Farben nahezu auflöst.
Präzision und Kreativität greifen dabei ineinander. „Ein Messgewand besteht aus Vorder- und Rückenteil, die exakt identisch verlaufen müssen“, sagt Bruder Alexander mit einem Lächeln und zeigt auf lange Transparentbahnen, auf denen jede Farbe, jeder Millimeter dokumentiert ist. Mathematik und Intuition, Berechnung und Inspiration gehen hier Hand in Hand.

Farbe, Stoff und Begegnung
Der Arbeitsprozess selbst ist körperlich wie geistig fordernd. Über 4.000 Seidenfäden müssen – Faden für Faden – durch die Litzen gezogen werden. Eine Woche dauert das Einrichten des Webstuhls. Dann beginnt das Weben. Meditation sei das nicht, sagt der Mönch, eher „wie Autofahren“: Vieles läuft automatisch, doch jeder Fehler fordert Aufmerksamkeit. Ein gerissener Faden kann den nächsten mitreißen. Ehrlichkeit, Genauigkeit und Geduld prägen die Arbeit.
Was Bruder Alexander besonders schätzt, ist der enge Kontakt zu den Menschen, für die er arbeitet. Viele Aufträge entstehen erst im Gespräch: Welche Farbe meint jemand, wenn er „ein rotes Gewand“ wünscht? Wie wirkt ein Stoff im spezifischen Kirchenraum? Bei großen Projekten steht er selbst im Dom, wie zum Beispiel in Speyer. Er betrachtet den Raum aus allen Perspektiven und lässt seine Gestaltung in den Raum hineinwachsen.
Die Zukunft der Handweberei sieht er realistisch: Nachwuchs gibt es selten, das Handwerk ist anspruchsvoll, in Deutschland fast verschwunden. Doch solange seine Kräfte es zulassen, will er weitermachen: als Weber, als Mönch, als Hüter eines einzigartigen Kunsthandwerks. Die Freude an Farbe, Stoff und Begegnung treibt ihn weiter an. „Und vielleicht“, sagt er lächelnd, „findet sich ja doch irgendwann jemand, der dieses besondere Erbe weiterführt.“




