WOLL-Geschichte zieht Kreise bis nach Argentinien

Metzgerei Neuhaus/Winter in Altenhundem, Anfang 20. Jh.

Quelle: Familie Winter

Spurensuche mit Nachfahren einer jüdischen Familie aus Altenhundem

Auf der Suche nach interessanten Orten und Geschichten für den nächsten Artikel helfen oft zufällige Begegnungen. So erfuhr ich bei meinem Gespräch für den Artikel über den Kulturbahnhof Grevenbrück, dass es einen alten jüdischen Friedhof in Langenei gibt. Die Idee für den nächsten Artikel war geboren und es lief wie immer: gründliche Recherche, nette Interviews, Fotos, der Artikel steht. Damit ist eine Geschichte normalerweise abgeschlossen. Nicht so bei meinem Bericht über den jüdischen Friedhof in Langenei im Sommer 2022 – die eigentliche Geschichte sollte damit erst beginnen …

Im Oktober 2023 erhalte ich eine E-Mail aus Argentinien und kann es kaum glauben: Lucas, der Urenkel des auf dem jüdischen Friedhof beerdigten Ehepaars Rika und Abraham Winter, stößt bei seiner Recherche für die Beantragung der deutschen Staatsbürgerschaft auf meinen Online-Artikel und kontaktiert die WOLL-Redaktion.

Er möchte über das Leben seiner Vorfahren im Sauerland mehr erfahren, das damit endete, dass seine Großmutter Hedwig Winter und ihre zwölf Geschwister von den Nationalsozialisten verfolgt wurden und aus Deutschland fliehen mussten, weil sie jüdischen Glaubens waren.

Sofort hole ich Andrea Bräutigam vom Stadtarchiv Lennestadt mit ins Boot, die mir bei den Recherchen zu dem Artikel großartige Hilfe geleistet hat, weil ich weiß, dass sie sehr daran interessiert ist, die Geschichten jüdischer Menschen in der NS-Zeit aufzubereiten, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Durch den Kontakt nach Argentinien entsteht nun die einzigartige Möglichkeit, die Geschichte der Familie Winter nach der Emigration 1938 noch detaillierter zu recherchieren.*

Jorge, Sohn von Hedwig Winter, erzählt

Rika und Abraham Winter mit einer Tochter, Anfang 20. Jh.Quelle: Familie Winter

Es ist ein ebenso spannendes wie heikles Thema, die Sprachbarriere macht es nicht leichter und ich nähere mich langsam. Schließlich willigt Lucas‘ Vater, Sohn der mittlerweile verstorbenen Hedwig Winter, ein, mir Fragen zur Familiengeschichte zu beantworten.

Der 75-jährige Jorge ist in Argentinien geboren, lebt mit seiner Frau sowie seinem Sohn und Enkeln in Buenos Aires (seine beiden Töchter leben in Mexiko und Großbritannien), und erzählt, wie er die Flucht und Familiengeschichte seiner Mutter aus Erzählungen in Erinnerung hat: „Meine Mutter Hetty verließ Deutschland am 9. Januar 1939, wie es damals üblich war, mit dem Schiff. Sie reiste mit einem Teil der Familie, etwa sieben der zwölf Geschwister, von denen meine Mutter mit 28 die Jüngste war. Sie haben Deutschland nicht verlassen, sondern sind wegen der Verfolgung, die sie als Juden erlitten, geflohen. Sie reisten mit dem letzten Schiff, das es Juden erlaubte, Deutschland zu verlassen, von Bremen aus, eine lange Vorbereitung war nicht möglich. Die Reise dauerte etwa 20 bis 25 Tage und alle waren froh, sich sicher zu fühlen. Das Schiff kam in Montevideo, Uruguay, an, von dort ging es weiter nach Asunción, Paraguay, da dies neben Bolivien das einzige Land war, das überhaupt noch Juden aufnahm.“ **

Eine Reise ins Ungewisse – Neuanfang in Südamerika

In Montevideo lernte Hedwig Winter ihren späteren Mann Herman Leo kennen (bei der Ankunft war Karneval in Montevideo und sie wohnten im gleichen Hotel), einen Amerikaner mit österreichischen Wurzeln, der 1927 als 16-jähriger Auswanderer nach Argentinien gekommen war und gut Deutsch sprach. Die beiden hielten Briefkontakt und „[…] von Buenos Aires aus organisierte Herman über jüdische Organisationen die heimliche Überfahrt der gesamten Familie Winter nach Argentinien, die am 25. Mai 1939 in Buenos Aires ankam (der 25. Mai ist das Datum der Unabhängigkeit Argentiniens als Staat), ein Datum, das alle Brüder jedes Jahr feierten.“ Einige der Brüder lebten ebenfalls in Argentinien, andere in Paraguay, den USA und Italien. Hedwig und Herman heirateten 1940. 

Familie Winter vor der Metzgerei, Anfang 20. Jh.Quelle: Familie Winter

Jorge kam 1968 nach Lennestadt, wo er das Haus seiner Vorfahren besuchte, das 1939 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden war, sowie das Grab der Großeltern in Langenei. Vor dem Haus in der Hundemstraße sind Stolpersteine angebracht, die an das Schicksal der Familien Winter und Neuhaus erinnern. Jorge berichtet, dass der älteste Bruder seiner Mutter, dessen Frau und zwei Kinder in Auschwitz ermordet wurden und seine Eltern nie den Gedanken hegten, nach Deutschland zurückzukehren.

Hedwig und ihre Tochter Irene Raquel waren 1989, also genau 50 Jahre nach der Flucht, zu Besuch in Lennestadt, aber an eine Rückkehr dachte niemand. Jorge drückt es so aus: „Weder vergessen noch vergeben.“

Töchter der Familie Winter unter Nazi-Flaggen, Anfang 20. Jh.Quelle: Familie Winter

„Herman war ein erfolgreicher Geschäftsmann, er hatte eine Möbelfabrik, die er zusammen mit Hetty als Partnerin gründete. Hetty war eine ausgezeichnete Mutter und Ehefrau, ich habe die glücklichsten Erinnerungen an meine Kindheit“, erzählt Jorge weiter. „Heute bin ich im Ruhestand und genieße mit meiner Frau unsere Kinder und Enkelkinder. Ich glaube nicht, dass ich mir mehr vom Leben wünschen könnte, und vielleicht habe ich Argentinien dieses Geschenk zu verdanken.“

Die Frage nach der Religiosität seiner Familie beantwortet er so: „Das Judentum ist nicht nur eine Religion, sondern ein 5.000 Jahre altes Volk, eine Lebensweise mit einer bestimmten Ethik und Moral. All das verschmilzt zu einer jüdischen Identität.“

Die (wenn auch nur virtuelle) Begegnung mit den Nachfahren der Familie Winter macht Geschichte greifbarer, weil es Menschen mit Namen und Geschichten sind und nicht nur Zahlen aus Geschichtsbüchern. Und gleichzeitig macht es die deutsche Geschichte noch unbegreiflicher, als sie es vorher schon war.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Lucas und Jorge für ihre Offenheit und ihr Vertrauen und wünsche ihnen und ihren Familien alles Gute!

Und alles begann mit einem kleinen Artikel im WOLL-Magazin …

*  Paul Tigges (1994): Flucht nach Ägypten. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden im Kreis Olpe, insbesondere über die Juden, die während der NS-Zeit im Lenneraum zwischen Altenhundem u. Lenhausen lebten.
** übersetzt aus dem Spanischen