„Winterberg ist begehrenswert, spannend und herausfordernd“ 

Winfried Borgmann

Quelle: Winfried Borgmann

„Winterberg ist begehrenswert, spannend und herausfordernd“ 

Wenn Winfried Borgmann die Lage von Winterberg 2025 in drei Worten beschreiben soll, muss er nicht lange überlegen: „Begehrenswert, spannend und herausfordernd.“ Seit Jahren prägt Borgmann die Entwicklung der Stadt als Tourismus- und Wirtschaftschef. Sein Fazit fällt positiv aus: Die Übernachtungszahlen sind stabil, die Qualität wächst – und das „Winterberg-Gefühl“ ist lebendiger denn je.

Winterberg hat in den letzten zwei Jahrzehnten den Sprung vom klassischen Wintersportzentrum zum attraktiven Ganzjahresziel geschafft. Schon 2019 überschritt die Stadt die Marke von einer Million Übernachtungen. Heute liegt sie laut Borgmann bei rund 1,3 Millionen Übernachtungen jährlich, inklusive der Kleinbetriebe. „Die Menge haben wir – jetzt muss es die Qualität sein, die im Mittelpunkt steht“, sagt er. Diese Qualität zeige sich nicht nur in modernen Unterkünften und Freizeitanlagen, sondern auch in der technischen Innovation: „Was in unseren Hütten und Beschneiungsanlagen steckt, sieht man auf den ersten Blick gar nicht. Da geht es um Energiemanagement, Nachhaltigkeit und Autarkie – das ist spannend und beeindruckend.“

Tourismus als Wirtschaftsmotor
Rund 60 Prozent der regionalen Wertschöpfung hängen am Tourismus. Borgmann erinnert daran, wie brutal der Corona-Einbruch war: „Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie wir da durchgekommen sind. Null im Einzelhandel, Null in den Hotels, Null auf den Pisten – das war wie ein Kinofilm, nur dass wir die Hauptrolle gespielt haben.“

Heute hat sich die Region wieder erholt. Etwa zwei Drittel aller Arbeitsplätze in Winterberg stehen in direktem oder indirektem Zusammenhang mit dem Tourismus. Viele Betriebe bieten inzwischen ganzjährige Arbeitsplätze, sodass Saisonprobleme kaum noch auftreten. „Wir haben kein klassisches Fachkräfteproblem“, so Borgmann. „Wir haben genug Menschen, die arbeiten wollen – man muss sie nur richtig führen und motivieren.“

Gäste aus aller Welt – und aus der Nachbarschaft
Winterberg zieht Gäste aus vielen Ländern an. Etwa ein Drittel der Besucher stammt aus den Niederlanden und Belgien, zunehmend kommen auch Dänen. Der Markt sei jedoch sensibel: „In diesem Jahr haben wir gemerkt, dass die Kokosferien in Holland nicht so liefen wie erwartet. Wirtschaftliche Faktoren, Inflation und Medienberichte über ‚teuren Wintersport‘ haben ihren Teil beigetragen.“ Trotzdem bleibe die Region beliebt – wegen ihrer Nähe, Erreichbarkeit und Vielseitigkeit: „Was die Dänen hier finden, gibt es in dieser Dichte sonst nirgends.“

Winter und Sommer – zwei starke Jahreszeiten
Der Winter bleibt das wirtschaftliche Herz der Stadt. „Ein Skifahrer hat eine ganz andere Wertschöpfung als ein Radfahrer“, erklärt Borgmann. Trotzdem habe sich die „Grünjahreszeit“ deutlich entwickelt. „Es gibt Sommer, in denen der August mehr Übernachtungen bringt als der Januar“, sagt er. „Und das ist gut so – Winterberg ist ein Ganzjahresort geworden.“ Dazu tragen Bikepark, Wanderangebote und Events bei. Ein Erfolgsbeispiel ist die Sauerland-Rundfahrt, die 2021 als Deutsche Meisterschaft stattfand. „Mit jedem Rad, das über die Straße rollte, ging eine Welle der Begeisterung durchs Land“, erinnert sich Borgmann.

Tourismus und Akzeptanz
Ein sensibles Thema bleibt die Akzeptanz des Tourismus bei den Einheimischen. Borgmann erinnert an die Pandemie, als Tausende trotz Lockdown ins Sauerland drängten: „Ich stand mit Blaulicht in Niedersfeld und habe zu den Leuten gesagt: ‚Fahren Sie bitte nach Hause.‘ Das war surreal.“

Seitdem arbeitet die Stadt an Formaten, die Einheimische stärker einbeziehen – etwa über die Bürger- und Beschäftigtenkarte, die Rabatte für lokale Freizeitangebote bietet. „Wir wollen, dass die Menschen hier wissen, was sie an ihrer Heimat haben“, sagt Borgmann. „Wer Winterberg lebt, der liebt auch den Tourismus.“

Das „Winterberg-Gefühl“
Für Borgmann steht fest: „Ohne Kooperation geht nichts.“ Winterberg arbeitet eng mit Nachbarstädten und dem Sauerland-Tourismus zusammen, bleibt dabei aber eigenständig: „Wenn bei uns der Tourismus nicht läuft, haben wir viele Probleme. Deshalb müssen wir unsere Stärken klar zeigen.“ Marketing sei heute eine Mischung aus klassischem Print, Social Media und persönlicher Weiterempfehlung.
„Das Wichtigste ist und bleibt das Erlebnis. Wenn jemand sagt: ‚Das war toll, da fahr ich wieder hin‘ – dann ist das die beste Werbung.“

Borgmann nennt es das „echte Winterberg-Gefühl“, eine Mischung aus Natur, Technik und menschlicher Wärme. „Wir sind oben, wir sind vorne – da, wo wir sind, ist wirklich Winter“, sagt er mit einem Lächeln. Diese Authentizität spüren auch internationale Gäste. Ein Beispiel ist der kanadische Pistenchef des Snowboard-Weltcups: „Der Charles hat gesagt: ‚Es ist verrückt, was ihr hier macht, dass das alles so funktioniert.‘ Das war echtes Team-Feeling.“

Blick nach vorn
Chancen sieht Borgmann vor allem in der Kreativität der Menschen: „Unsere Bevölkerung ist bunt, ideenreich, kritisch und offen. Das ist unsere größte Stärke.“ Risiken liegen dagegen in der wirtschaftlichen Unsicherheit und im Konsumverhalten: „Viele geben lieber Geld für Urlaub aus als für eine neue Waschmaschine – und irgendwie ist das auch verständlich.“

Am Ende bleibt Borgmann optimistisch: „Wir schaffen das – das ist nicht nur das Winterberg-, sondern dieses Sauerland-Gefühl. Wenn wir etwas wirklich wollen, dann kriegen wir das hin. Egal, wie groß das Dorf ist.“