
Wasser plätschert leise und gleitet sanft über unzählige Kieselsteine. Am Ufer wächst feuchtes Moos und duftet erdig. Libellen schwirren fröhlich über glitzernde Wasserflächen, während Kinder am Ufer kleine Dämme aus Ästen und Steinen bauen. An vielen Bereichen des Weges, der entlang der Ruhr durch eine lebendige Auenlandschaft führt, können Radfahrer fast überall die Ruhe genießen. Eine Utopie mitten in der Stadt? Nein, das ist mittlerweile Realität an der Ruhr in Arnsberg.
Dieses Idyll ist das beeindruckende Ergebnis eines mutigen Projekts, das sich über ein ganzes Jahrhundert erstreckt. Eine radikale Veränderung für einen Fluss, der in seiner eigenen Stadt fast vergessen war. Dieter Hammerschmidt, einer der Architekten dieser Metamorphose, war entscheidend an der Planung und Umsetzung der Renaturierung beteiligt. Ein Mann der Tat, der die Wunden des alten Flusses ebenso gut kennt wie die sprühende Lebensfreude des neuen.
„Früher war die Ruhr für viele Bürgerinnen und Bürger unsichtbar“, erzählt er mit ruhiger Stimme. „Sie war hinter dichtem Gestrüpp verborgen, eingeengt in ein starres Korsett aus Beton und Stein. Im Grunde genommen war sie nur ein technischer Kanal, der höchstens bei Hochwasser bedrohlich in Erinnerung blieb.“ Die Stadt hatte sich über Jahre hinweg von ihrem Fluss abgewandt. Die einst weite Aue war längst überbaut – mit fatalen Folgen: Die Gefahr von Hochwasser stieg, und wertvoller Lebensraum ging verloren.
Zu Beginn der 2000er Jahre, angestoßen durch die Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie und den zunehmenden Druck durch Hochwasser, fiel in Arnsberg der Startschuss für eine grundlegende Wende. „Wir wussten, wir müssen dem Fluss seinen Platz zurückgeben“, erklärt der 67-Jährige den zentralen Gedanken des Projekts. So begann die Geburt einer Vision: Hochwasserschutz nicht durch höhere Dämme, sondern durch mehr Natur.

Statt den Fluss weiter zu zähmen, wollte man ihn befreien. Der Hochwasserschutz hat sich deutlich verbessert, und gleichzeitig wirkt die Aue wie eine natürliche Klimaanlage, die an heißen Tagen für Erfrischung sorgt – ein unschätzbarer Vorteil in Zeiten des Klimawandels. Was danach folgte, war ein gewaltiger Kraftakt. Über eine Strecke von etwa 15 Kilometern wurden die Uferbefestigungen entfernt, das enge Flussbett erweitert und neue, flache Seitenarme angelegt. Riesige Mengen Schotter und Kies wurden bewegt, um dem Fluss bei Hochwasser Ausweichflächen zu bieten. Der beliebte RuhrtalRadweg wurde an kritischen Stellen kurzerhand umgelegt.
„Wir haben der Ruhr eigentlich nur die Fesseln gelöst. Lebendig und wild geworden ist sie dann ganz von allein.“
Dieter Hammerschmidt war Planer für Gewässerrenaturierung bei der Stadt Arnsberg
„Natürlich gab es anfangs eine gewisse Skepsis“, erinnert sich Hammerschmidt. Die Menschen vor Ort machten sich Sorgen über Mücken, während Angler um zu flache Wasserzonen für ihre Fische besorgt waren. „Deshalb war eine transparente und intensive Kommunikation von Anfang an essenziell. Bereits im Voraus haben wir die Pläne in Veranstaltungen vorgestellt und intensive Öffentlichkeitsarbeit geleistet.“ Aber diese Bürgerbeteiligung war mehr als nur eine lästige Pflicht. „Während der Bauphasen fanden regelmäßig erweiterte Baubesprechungen statt, bei denen Angler, Naturschützer, Kanuten und andere Institutionen Informationen erhielten und ihre Anregungen einbringen konnten“, betont Hammerschmidt.
Die sorgfältige Herangehensweise hat sich mehr als gelohnt und war der Schlüssel zur breiten Akzeptanz des Projekts in der Bevölkerung. Die anfänglichen Bedenken wichen rasch der Begeisterung für das, was mitten in der Stadt entstand. Das wirklich Faszinierende passierte jedoch erst, nachdem die Bagger abgezogen waren. Die Stadt hatte lediglich den Anstoß gegeben; den Rest übernahm die Ruhr mit ihrer eigenen Kraft. „Wir haben bewusst auf eine grobe Initialgestaltung gesetzt und darauf, dass der Fluss seine eigene Dynamik entfaltet“, erklärt der Experte.
Die Ruhr nahm diese Einladung dankbar an. Sie begann, ihr Flussbett neu zu formen, lagerte bei Hochwasser riesige, glatt geschliffene Kiesbänke ab, grub sich neue Seitenarme und schuf steile Lehmufer. Mittlerweile ein wahres Paradies für den Eisvogel, den fliegenden Edelstein unserer heimischen Gewässer, der hier seine Brutröhren gräbt. Das entstandene „blaue Wunder“ ist jedoch mehr als nur ein schöner Anblick. Plötzlich war das Leben zurück, in einer Vielzahl, die alle Erwartungen übertraf. Anspruchsvolle Fischarten wie Äsche und Bachforelle, die klares, sauerstoffreiches Wasser und Kies zum Laichen benötigen, fanden wieder ideale Bedingungen vor. Ihre Bestände erholten sich rasant.

Unter der Wasseroberfläche wimmelt es wieder vor Leben. Im Sommer verwandeln Teppiche aus blühendem Wasser-Hahnenfuß ganze Abschnitte in ein Meer aus weißen Blüten. Selbst seltene Gäste wie der Gänsesäger, ein fischjagender Verwandter der Ente, haben hier nicht nur überwintert, sondern sogar erfolgreich gebrütet – eine kleine Sensation für die Region. Die Arnsberger haben „ihren“ Fluss neu für sich entdeckt. Wo früher eine unzugängliche Barriere war, schlängelt sich heute ein verbindendes blaues Band durch die Stadt. Der optimierte RuhrtalRadweg führt nun durch eine spektakuläre Auenlandschaft und wird intensiver genutzt als je zuvor.
Im Sommer ziehen die flachen Kiesbänke zahlreiche Familien ans Wasser. Die Aue hat sich in ein „blaues Klassenzimmer“ verwandelt, ein faszinierender Abenteuerspielplatz. Anwohner scherzen von ihrem „neuen Dorfplatz“ am Flussufer. Selbst die Kunst hat die Ruhr erobert, mit temporären Installationen, die einen Dialog zwischen Natur und Kultur schaffen. Genau diese Symbiose aus Ökologie, Sicherheit und Lebensqualität hat der Stadt eine Flut von Auszeichnungen eingebracht. Arnsberg ist damit zum Vorbild geworden und zeigt eindrucksvoll, dass die Heilung von Wunden in der Landschaft möglich ist. Die Abkehr vom reinen Beton-Denken hat nicht nur die Natur zurückgebracht, sondern das Wohlbefinden einer ganzen Stadt gefördert. Hier ist die Ruhr keine Gefahr mehr, die gezähmt werden muss; sie ist das wilde und wunderschöne Herz Arnsbergs.

Die Arnsberger Ruhr-Renaturierung
Was: Umfassendes Projekt zur ökologischen Wiederbelebung und zum Hochwasserschutz der Ruhr im dicht besiedelten Stadtgebiet Arnsberg.
Laufzeit: Seit 2003, angelegt als fortlaufendes „Jahrhundertprojekt“.
Umfang: Renaturierung von über 15 Kilometern der Ruhr und ihrer Nebengewässer.
Kosten und Finanzierung:
• Gesamtvolumen: Bis 2015 wurden rund 11,8 Mio. Euro investiert.
• Finanzierungsmodell: 80 % der Kosten übernahm das Land NRW. Der städtische Eigenanteil von 20 % wurde kostenneutral über ein sogenanntes „Ökokonto“ als anrechenbare Ausgleichsmaßnahme refinanziert.
Zentrale Ziele:
• Verbesserung des Hochwasserschutzes, indem der Fluss mehr Raum erhält.
• Erreichen des „guten ökologischen Zustands“ nach der EU-Wasserrahmenrichtlinie.
• Schaffung attraktiver Naherholungsräume und Steigerung der städtischen Lebensqualität.
Wichtige Maßnahmen:
• Entfernung von Uferbefestigungen aus Stein und Beton.
• Aufweitung des Flussbettes auf die teilweise doppelte Breite.
• Anlage von Flutmulden und Reaktivierung von Auenbereichen.
• Initialgestaltung mit Kiesbänken und Totholz, um die natürliche Eigendynamik des Flusses zu fördern.
Nachweisliche Erfolge:
• Signifikante Absenkung der Hochwasserspiegel bei Starkregenereignissen.
• Rückkehr seltener Leitfischarten wie Äsche und Bachforelle.
• Etablierung von Brutpopulationen des Eisvogels und des Gänsesägers.
• Vielfache nationale Auszeichnungen, u. a. als „Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen“.


