Wenn Kinder über sich hinauswachsen

Quelle: Christian Mewes

Die Dämmerung kriecht bereits durch die dichten Zweige der Fichten, und der Wald um sie herum verliert seine Konturen. Als Christian und Mina die Stirnlampen einschalten, fällt das Licht in zwei schmalen Kegeln auf den Pfad vor ihnen. Die letzten Kilometer einer langen Etappe warten auf sie. Wo viele Erwachsene aufgeben und einfach an Ort und Stelle ihr Lager aufschlagen würden, bleibt Mina nur kurz stehen, rückt ihren Rucksack zurecht und blickt zu ihrem Vater auf. In ihren Augen: Erschöpfung, aber noch viel mehr Entschlossenheit. Sie geht weiter, Schritt für Schritt in die Dunkelheit hinein.

Jedes Jahr eine Woche den Alltag abstreifen und gemeinsam ein Abenteuer erleben, das war der Plan, den sich Christian Mewes und seine heute zehnjährige Tochter Mina überlegt hatten. Schon in den letzten Jahren hatten sich Vater und Tochter aus dem Spreewald an das Fernwandern herangetastet. Zunächst auf dem Forststeig. Im vergangenen Jahr sollte es dann der anspruchsvollere Rothaarsteig sein.

Quelle: Christian Mewes

Mit jedem Schritt mehr Selbstvertrauen
Einen Fernwanderweg erwandert man nicht ohne Plan. Die richtige Vorbereitung ist essenziell. Deshalb beginnt jede Tour lange bevor die Wanderschuhe geschnürt werden am Küchentisch. Mina ist natürlich immer mit dabei: Sie plant mit, schaut sich das Kartenmaterial an, vergleicht Etappen und wiegt ihre Ausrüstung auf der Küchenwaage. Im Ultraleicht-Wandern zählt jedes Gramm. „Sie versteht dadurch, warum sie nicht unendlich viel mitnehmen kann“, sagt Christian. „In dem Moment ergibt das, was sie in der Schule lernt, plötzlich Sinn.“ Gewichte umrechnen, Entfernungen abschätzen oder Karten lesen sind auf einmal keine Theorie mehr, sondern Teil des Abenteuers.

Auf dem Rothaarsteig zahlt sich diese Vorbereitung aus. Die Etappen sind länger als auf dem den beiden schon bekannten Forststeig, Unterkünfte liegen weiter auseinander und nicht immer läuft alles nach Plan. Gerade deshalb wächst bei Mina mit jedem Schritt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. „Du merkst irgendwann, wie der Stolz auf die eigene Leistung wächst“, sagt Christian. Sie lernt, dass Pausen dazugehören, dass ein Picknick auch mal eine Stunde dauern darf und dass am Ende nicht die Kilometer zählen. „Wir sind nicht unterwegs, um Strecke zu machen, sondern um gemeinsam etwas zu erleben und Erinnerungen zu schaffen.“

Quelle: Christian Mewes

Erinnerungen für die Ewigkeit
Manche dieser Erinnerungen entstehen genau dann, wenn der Plan mal nicht funktioniert. Einen Abend landen Christian und Mina auf einer Pferdekoppel, dürfen dort ihr Zelt aufschlagen und morgens frische Milch direkt vom Hof trinken und an der Ginsburg werden sie empfangen, als kämen Freunde zu Besuch. „Du hast das Gefühl, jeder Mensch, den du triffst, möchte ein Stück zu deiner Geschichte beitragen“, erinnert sich Christian. Das ist das, was den Rothaarsteig für das Vater-Tochter-Gespann so besonders gemacht hat.

Für Mina endete die Reise aber nicht in Dillenburg. In der Schule gestaltete sie eine Ferienbox mit Erinnerungsstücken von unterwegs. Noch heute erzählt sie von der Wanderung. Nicht nur von den Wäldern, Aussichten und Nächten im Zelt, sondern vor allem von den Menschen, die sie kennengelernt hat. „Der Weg macht ganz doll was mit deinem Herzen“, sagt Christian.

Mehr zu Christian und seinen Abenteuern mit Mina findet ihr auf Instagram: gram.beard oder auf seinem Blog: https://yamayatra.de/index.php/category/blog/wandern/