Wenn der Spaziergang zum Abenteuer wird

Der Taekwondo-Verein Kim Do Kwan (KDK) Attendorn bietet mit seinem Parkour- und Freerunning-Training ein einzigartiges Angebot im Kreis Olpe, bei dem Kinder und Jugendliche lernen, kreativ und akrobatisch „Hindernisse“ in ihrer Umgebung zu überwinden.

Denis Barbarino ist gerade zehn Jahre alt, als er zufällig auf der Videoplattform YouTube im Internet auf einen Clip über Parkour und Freerunning stößt. Ein Sportler springt von Gebäude zu Gebäude, macht Saltos und andere Kunststücke, um über Mauern oder kleine Abhänge zu gelangen. „Das muss ich auch unbedingt probieren“, denkt sich der damalige Schüler, schnappt sich seine Sportschuhe und beginnt, die Tricks nachzuahmen. „Beim Parkour ist das Ziel des Sportlers, unter Überwindung sämtlicher Hindernisse den schnellsten und effizientesten Weg von Punkt A zum selbst gewählten Ziel B zu nehmen.“

„Am Anfang ist es natürlich ziemlich schwierig und herausfordernd, aber ich wurde schnell besser und meine Leidenschaft für diesen Sport war geweckt“, erinnert sich der heute 19-Jährige an seine Parkour-Anfänge. „Ich lernte ein paar Jungs kennen, mit denen ich dann zusammen trainierte. YouTube-Lernvideos, sogenannte Tutorials, halfen uns, neue Tricks zu lernen und auf ungewöhnliche Art und Weise von A nach B zu kommen. Wir trafen uns oft auf dem Hanse-Spielplatz in Attendorn und machten natürlich auch unsere Stadt zu unserem Trainingsgelände, wirbelten über breitere Spalten, über Treppen, Mauern und Baustellen. Das waren abenteuerliche Spaziergänge“, erzählt Denis augenzwinkernd. „Dann kamen die ersten Saltos dazu. Diese Form wird dann mehr Parkour, sondern Freerunning genannt.“

Parkour und Freerunning im KDK Attendorn


Doch das freie Training reicht Denis nicht. Er möchte noch besser werden und auch anderen „seinen“ Sport ermöglichen. So entsteht 2013 die Idee, Parkour und Freerunning im Verein anzubieten. Was liegt näher, als seinen Vater, den bekannten Taekwondo-Trainer und Gründungsvater des KDK Attendorn, Antonio Barbarino, in seine Pläne einzubeziehen. Dieser lässt sich von der Begeisterung seines Sohnes anstecken und nimmt die Sportart mit in das Portfolio seines Kampfsportvereins auf. Mit Julian Borchert und Daniele Cattolico engagiert er zwei junge talentierte Trainer.

Denis, seine Freunde und etwa zwanzig weitere Parkourbegeisterte im Alter von sieben bis 18 Jahren betreiben den Sport seitdem im Verein. Mittlerweile ist Denis selbst Übungsleiter und gibt sein Wissen an seine Trainingsgruppen weiter: „Wir trainieren zweimal pro Woche zwei Stunden.“ Heute darf ich dabei sein.Vom Parkour zum Freerunning

Dabei betont Denis die Wichtigkeit einer verantwortungsvollen Übungsstunde: „Wir fangen natürlich nicht direkt mit Saltos an. Zunächst laufen wir uns warm, um die Verletzungsgefahr zu minimieren. Dann starten wir mit Parkour, das bedeutet, wir trainieren die Hindernisüberwindung ohne Saltos. Erst wenn man in diesem Bereich sicher ist, darf man sich ans Freerunning wagen. Das heißt, wir üben Vorwärts- und Rückwärtssaltos, Front- und Backflips genannt. Dabei kommt auch das große Trampolin, das sogenannte Eurotramp, zum Einsatz, mit welchem sich höhere Sprünge und Schrauben trainieren lassen. Dieses Sportgerät mag ich deshalb besonders.“ Ganz ungefährlich ist dieser Sport natürlich nicht.„Ich hatte schon zahlreiche Blessuren, zum Beispiel brach ich mir meine Nase, nachdem ich den vierfachen Rückwärtssalto probiert hatte. Aber das hält mich nicht davon ab, weiterzumachen“, erzählt er schmunzelnd. „Du kannst einfach vom durchgetakteten Alltag abschalten und du selbst sein. Dieses Gefühl von Freiheit, wenn man über Hindernisse springt, dieses Glücksgefühl, wenn eine Übung nach unzähligen Versuchen plötzlich gelingt, ist einfach unbezahlbar.“Der Traum vom Fliegen

Das findet der 8-Jährige Florian anscheinend auch. Er versucht beim Training mittlerweile zum hundertsten Mal einen Barani zu schaffen: einen Sprung mit Salto und halber Schraube. Gerade ist er zum zweiten Mal falsch aufgekommen, hat sich erst ein wenig am Fuß, dann am Kopf verletzt. Doch er gibt nicht auf und läuft immer und immer wieder an. „Ich will es unbedingt schaffen. Das ist ein tolles Gefühl, wenn man durch die Luft fliegt und der Trick dann irgendwann klappt“, betont er und läuft zum hundertersten Mal an.Auch die 11-Jährige Lilian, das einzige Mädchen der Trainingsgruppe, ist von dem Sport begeistert: „Ich finde es toll, dass es nicht so viele Vorgaben gibt und dass man selbst entscheiden kann, wie man über welches Hindernis springt.“Individuell, kreativ und frei

Denis versteht die Argumente der ehemaligen Turnerin: „Das ist das Besondere unseres Sports. Wir können frei sein und uns mit unseren Bewegungen kreativ austoben. Es gibt immer neue Herausforderungen, denen wir uns stellen, immer neue Tricks, die wir lernen können, und niemand schaut darauf, ob wir sie korrekt ausführen. Uns allein müssen sie gefallen.“


Dass das sogar eher gemütlichen Zeitgenossen Spaß macht, erzählt der 12-jährige Marvin: „Ich habe mich früher nicht so gerne bewegt, aber hier macht es richtig Spaß mit coolen Leuten zu trainieren.“ Das fällt auch mir auf. Die Trainingsgruppe geht sehr respektvoll miteinander um, es herrscht eine entspannte fröhliche Stimmung, bei der jeder jeden unterstützt: sei es in Form von Techniktipps oder einfach als Anerkennung: „Super, Philipp!“, lobt der 18-jährige Luis den 7-jährigen Philipp, der zum ersten Mal einen „Lazy“, eine Hindernisüberwindung mit nur einer Hand geschafft hat. „Diese Sportart ist unglaublich vielfältig, man kann sich austoben und mit Gleichgesinnten neue „Kunststücke“ trainieren. Ich habe bereits mit sechs Jahren damit angefangen,“ erzählt Luis begeistert von seiner Sportart.Popularität durch „Ninja Warrior“ und „Catch“

„Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Parkour und Freerunning noch bekannter werden. Wir freuen uns über jeden neuen Sportler und natürlich jede Sportlerin, die mit uns trainieren möchte. Die Mädels sind bisher noch etwas unterrepräsentiert. Aber das wird sich hoffentlich bald ändern“, beschreibt Denis seine Wünsche für die Zukunft. „Mittlerweile machen auch bekannte TV-Shows wie „Ninja Warrior“ oder „Catch“ unseren Sport immer populärer.“Es sieht wirklich imposant aus, wie die Kinder und Jugendlichen mit Lazys, Kongs, Reverses oder Dashes über die Kästen fliegen. „Lernen kann das jeder, der Spaß daran hat und ein wenig Sprungkraft mitbringt“, sagt Denis und schaut mich herausfordernd an. Ob ich es mal wagen soll…?