
Gedanken von Hermann-J. Hoffe
Wem gehört eigentlich das Sauerland? Eine gefährliche Frage. Wirklich gefährlich.
Stellen Sie die Frage einmal auf einem Schützenfest in Attendorn. Oder beim Frühschoppen in Schmallenberg. Oder in Brilon, Arnsberg, Neheim, Olpe, Warstein oder Balve. Sie werden erleben, dass die Antworten ebenso zahlreich sind wie die Sauerländer Schützenvereine. Denn das Sauerland gehört – je nachdem, wen man fragt – immer genau dort, wo der Gesprächspartner gerade lebt.
Die Attendorner verweisen stolz auf ihren Sauerländer Dom. Die Neheimer lächeln milde und erklären, dass ihr Dom selbstverständlich der eigentliche Sauerländer Dom sei. Die Briloner erinnern daran, dass hier der Rothaarsteig beginnt. Schmallenberger wiederum könnten entgegnen, dass der Rothaarsteig ohne Schmallenberg kaum der Rothaarsteig wäre. Und irgendwo meldet sich bestimmt jemand aus dem Märkischen Kreis zu Wort und fragt, warum man überhaupt darüber diskutiere – schließlich sei das Sauerland dort längst zu Hause.
„Bis heute sind die Sauerländer einer der unbekanntesten und unbekanntesten und unverstandensten Stämme unter den Deutschen“.
Ulrich Raulff
Spätestens jetzt wird es kompliziert. Denn erstaunlicherweise hat niemand Unrecht. Das Sauerland besitzt nämlich eine Besonderheit, die nur wenige Regionen Deutschlands für sich beanspruchen können: Es hat keine wirklich festen Grenzen. Es gibt kein Gründungsdatum des Sauerlandes. Keinen Herzog von Sauerland. Kein Königreich Sauerland. Kein historisches Staatsgebiet mit Grenzsteinen, die heute noch im Wald zu finden wären. Das Sauerland war nie ein Land im politischen Sinn. Und trotzdem fühlen sich seit Jahrhunderten unzählige Menschen als Sauerländer.
Wie passt das zusammen? Vielleicht gerade deshalb. Während andere Regionen durch Fürsten, Bischöfe oder Könige entstanden, entwickelte sich das Sauerland eher wie ein guter Wanderweg. Schritt für Schritt. Dorf für Dorf. Tal für Tal. Über Berge, durch Wälder und entlang zahlloser Quellen. Die Menschen verband weniger die Politik als das Leben selbst. Der Wald. Das Wasser. Das Handwerk. Die Landwirtschaft. Später die Industrie. Und vermutlich auch die Erfahrung, dass man sich im Winter gegenseitig besser half, als auf Unterstützung aus einer fernen Hauptstadt zu warten. So wuchs langsam ein Gefühl, das stärker war als jede Verwaltungsgrenze. Bis heute.
„Mit den äußeren Grenzen sind sie, und das ist ja ein sympathischer Zug, nicht so kleinlich.“
Ulrich Raulff
Deshalb kann der Kreis Olpe mit Überzeugung sagen: „Natürlich sind wir Sauerland.“ Der Hochsauerlandkreis nickt zustimmend. Der Märkische Kreis hebt ebenfalls die Hand. Warstein und Rüthen schauen kurz nach Soest und erklären dann, dass sie sich ohnehin schon immer sauerländisch gefühlt haben. Selbst rund um Willingen und das Waldecker Upland hört man gelegentlich den Satz: „Ein bisschen Sauerland sind wir doch auch.“ Und wissen Sie was? Sie haben vermutlich alle recht. Vielleicht ist das Sauerland gar kein Gebiet, das man besitzen kann. Es ist eher ein Gefühl. Ein Gefühl, das nach Fichten und Buchen riecht, nach Schützenfest und Kartoffelbraten, nach Talsperren und Höhenzügen, nach Fachwerk, Mittelstand, Ehrenamt und einer Landschaft, in der man sich noch grüßt.
Wer dieses Gefühl kennt, braucht keine Landkarte. Deshalb ist die Frage „Wem gehört das Sauerland?“ vermutlich falsch gestellt. Die bessere Frage lautet: Wer gehört zum Sauerland? Und die Antwort fällt überraschend einfach aus: Alle, die sagen: „Hier bin ich zu Hause.“ Ulrich Raulff spricht in diesem Sinne von „Sauerland als Lebensform“.
Erklärt das auch, warum das Sauerland bis heute keine eindeutigen Grenzen kennt. Heimat lässt sich eben schlecht vermessen. Sie endet nicht an einem Ortsschild und beginnt auch nicht hinter der nächsten Kreisgrenze. Sie entsteht dort, wo Menschen ihre Landschaft lieben. Und davon gibt es im Sauerland erfreulich viele. Oder, um es mit einem Augenzwinkern zu sagen: Das Sauerland gehört niemandem. Aber jeder hält ein kleines Stück davon in seinem Herzen.
„Und was meinen Sie? Wo beginnt das Sauerland – und wo hört es auf?“
Antworten erwünscht. Gerne an redaktion@woll-magazin.de oder als Kommentar an dieser Stelle.
Literatur: Ulrich Raulff: Sauerland als Lebensform, Aschendorff-Verlag, ISBN 978-3-40222478-6




