Vor 70 Jahren: Arnsberg macht mobil

Einstige Kleinschnittger-Parade

Zwei etwa zehnjährige Jungen stehen vor dem Kleinschnittger-Auto im Eingangsbereich des Sauerland-Museums: „Das soll ein Auto sein?“ Für Mitmenschen, die noch die unmittelbare Nachkriegszeit erlebt haben, keine Frage. Es ist ein Auto. Aber aus einer anderen Zeit. Deshalb und weil es von 1950 bis 1957 in Arnsberg gebaut wurde, steht es im Museum. Solche aus heutiger Sicht primitive Kleinstfahrzeuge dominierten nach dem Krieg den noch recht moderaten Straßenverkehr.

Seinen Namen hat das Autochen vom 1909 geborenen Tüftler Paul Kleinschnittger, dem die Stadt Arnsberg 1949 ein Grundstück in Obereimer auf dem Gelände der heutigen Sauerländer Spanplatte anbot, als er 400 Arbeitsplätze in Aussicht stellte, die allerdings nie mehr als 120 zählten. Seine Autopläne hatten die vielen Menschen im Blick, die mit dem Motorrad bei Wind und Wetter unterwegs waren, weil das Einkommen nicht für ein Auto reichte. Ihnen wollte Paul Kleinschnittger ein Fortbewegungsmittel mit vier Rädern, einer Karosserie und einem Verdeck anbieten. Dies zum Preis von 2000 D-Mark statt der über 5.000, die ein VW damals kostete.

Ein F125-Konvoi wird an Seilen zum Bahnhof gezogen

Produktionsstart in Arnsberg
1950 begann die Produktion des F120 in Arnsberg. Viele Teile wie Felgen und Stahlrohre für das Fahrgestell mussten angekauft werden. Außerdem Aluminiumbleche für die Karosserieteile. Diese wurden auf Holzböcke aufgelegt, die die Formen von Kotflügeln, Seitenwänden und Motorhaube hatten. Mit kräftigen Lederklatschen wurde per Hand solange auf die Bleche eingeschlagen, bis sie die Formen der Holzmodelle angenommen hatten, um sie dann zur Karosserie zusammenzuschweißen. Um Kosten und Gewicht zu sparen, verzichtete Kleinschnittger auf Türen, Batterie, Wagenheber, Kardanwelle, Differential und Rückwärtsgang. Zum Auto wurde das Ganze durch Einbau eines Einzylinder-Zweitaktmotors von ILO mit sechs PS aus 0,125 Liter Hubraum. Der F125 war ein offener Zweisitzer mit einem im Heck verstauten Stoffverdeck, das bei Bedarf mit Gestänge ähnlich wie ein kleines Zelt aufgebaut wurde.

Kleinschnittger im Sauerland-Museum: „Das soll ein Auto sein?“

Wenn der stolze F125-Besitzer seine Fahrt antreten wollte, musste er eventuell zunächst das nur 150 Kilogramm leichte Wägelchen am Heck anheben und mangels Rückwärtsgangs in die gewünschte Fahrtrichtung drehen. Mit einem schnell eingeübten Schwung über die tief ausgeschnittene, türlose Seitenwand landete er auf der sofaähnlichen, gepolsterten Sitzbank. Diese bot auch einer zweiten Person recht bequemen Platz, wenn auch mit engem Schulterschluss zum Fahrer. Dieser zog nun kräftig an einem unter dem Armaturenbrett angebrachten Seilzug, der den ILO-Motor meist nach wenigen Versuchen wie bei einem Rasenmäher brummend zum Leben erweckte. Wenn nicht, half ein Blick unter die Motorhaube und einige Eingriffe mit dem stets griffbereiten Werkzeug. An dem kleinen Hebelchen am zierlichen Lenkrad wurde der erste Gang eingelegt und der F125 verabschiedete sich mit Geknatter, eine bläuliche, „duftende“ Zweitakt-Fahne hinterlassend. Bis zu 70 km/h konnte die Fahrt erreichen, weil der Wagen bei Bergabfahrten beim Gaswegnehmen einen Freilauf einschaltete.

Ein aufsehenerregendes Auto
Exakt 1.998 F125 wurden in Obereimer hergestellt. Paul Kleinschnittger war auch sehr auf Publicity bedacht. Gerne organisierte er lange Fahrzeugparaden, wenn die Händler ihre Neuwagen in Arnsberg abholten. Viel Aufsehen erregte es, wenn ein Dutzend der kleinen Autos mit Seilen verbunden in Zweierreihe von einem größeren Wagen zum Verladen in Richtung Bahnhof gezogen wurde. Sogar ein zigarrenförmiger, kotflügelloser F125-Rennwagen errang in seiner Klasse beachtliche Siege.

Wenig Platz für viel Petticoat-Nostalgie

Im Laufe ihrer Produktionsjahre fuhren die Kleinschnittger zweitaktblubbernd ins Wirtschaftswunder hinein. Finanziell ging es den Leuten besser, sodass sie sich komfortablere, wertiger ausgestattete Kleinwagen wie Goggomobil, Isetta oder Lloyd leisten konnten. Auch Paul Kleinschnittger versuchte, ab 1955 auf diesen Trend zu reagieren. So stellte er den Prototyp eines F250 vor, der in Leistung, Größe und Ausstattung durchaus mithalten konnte. Doch der versierte Techniker war ein schlechter Geschäftsmann. Die notwendigen Kredite wurden ihm versagt, sodass 1957 der letzte Kleinschnittger die Werkshallen verließ. Paul Kleinschnittger starb 1998.