Von Missverständnissen, untergebutterten Damen und Hundefressern: Warum heißt im Sauerland der Hund „Ruie“?

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Aus unserer Reihe „Warum heißt eigentlich …?“

„Michael?! Michael hat ‘nen Ruien …“, mein Gegenüber schaute mich an, als erwarte er eine Reaktion. „Seit gestern …“ Okay, Michael wollte also scheinbar „einen Ruhigen machen“, sprich, nicht mit zur Party kommen. Überraschend, ja, aber okay, kann man ja auch mal machen. So jedenfalls meine Antwort. „Nein! Er hat gestern einen Ruien aus dem Tierheim abgeholt!“, lachte Heiko und sein Grinsen wurde breiter, als er die Fragezeichen über meinem Kopf sah. „Einen Ruien … einen Hund!“ Lang ist‘s her und es war einer jener Momente, in denen mir klar wurde, dass ich zwar den einen oder anderen Sauerländer Ausdruck kannte, aber nicht einmal annähernd einen Großteil dessen, was als „Sauerländer Mundart“ oder „Sauerländer Platt“ mittlerweile als bewahrenswertes Kulturgut gilt.

Ruie also, in der Allgemeinsprache „Hund“. Im Sauerland stößt man zudem auf die Varianten „Rüie“, „Ruihe“, „Rüe“ und „Röie“. Aber warum haben die findigen Sauerländer für so eine einfache Bezeichnung wie „Hund“ eine so ganz anderslautende Variante geschaffen? Tja, eigentlich verhält es sich mit dem „Ruien“ etwas komplizierter, denn Von MissverstКndnissen, untergebutterten Damen und Hundefressern: tatsächlich bezeichnet dies allein den männlichen Hund, den Rüden, wie es sich im Wort andeutet. Hier wird die Damenwelt also leider gänzlich „untergebuttert“. Möglicherweise macht sich dabei noch eine in früheren Generationen von Männern dominierte Gesellschaftsform bemerkbar. Im Sauerland natürlich längst Geschichte, oder?!

Das Standardwerk für alle Sauerländisch-Begeisterten – das vom Sauerländer Heimatbund und vom WOLL-Verlag herausgegebene „Sauerländer Platt. Ein Wörterbuch“ – verzeichnet angemessenerweise auch die weibliche Form „Tiewe“, im Altkreis Brilon auch „Tibe“. Im Balver Platt findet sich die Bezeichnung „Tierwe“ für eine Hündin. Übrigens spricht man bei den mit dem Hund verwandten Wölfen und Füchsen bezüglich des weiblichen Tiers von der „Fähe“.

Haben wir es mit mehreren Exemplaren zu tun, möglicherweise einer ganzen Meute von Hunden, spricht man von „Ruies“. Und bei Vertretern der Spezies, die mal so gut wie gar nichts mehr mit ihren wilden Vorfahren zu tun haben und meist ein entzücktes „Wie süüüß!“ provozieren, spricht man von einem „Ruieken“, dem verniedlichenden „Hündchen“.

Ob halb Wolf oder voll Schoßhündchen: Manch bekannte, auf den Hund bezogene Wendung im Deutschen findet sich auch im Sauerländischen wieder, wie z. B. im Ausspruch, dass man bekannt sei „ärren bunten Ruien“. Daneben waren die Sauerländer natürlich selbst kreativ. So verweist Michael Martin in „Wem hörsse?“, seinem „astreinen Wörterbuch für das ganze Sauerland“, auf die unter Sauerländern beliebte Gepflogenheit, lokalen Rivalitäten auch sprachlich mit Feinsinn Ausdruck zu verleihen. Wer also beim Antrittsbesuch bei den Eltern eines neuen Schwarms mit einem geknurrten „Ruienfriärter“ willkommen geheißen wird, muss sich wohl erst noch eines längeren Aufenthalts im Kreise der Familie als würdig erweisen. Denn ist das Nachbardorf nicht unbedingt wohlgelitten, werden die Bewohner schon mal abschätzig als „Hundefresser“ bezeichnet: Wer aller Wahrscheinlichkeit nach kein hochwertiges Vieh sein eigen nennen konnte, würde sicherlich nicht davor zurückschrecken, auch Hunde in Topf und Pfanne zu bringen. Der Sauerländer beziehnungsweise die Sauerländerin ist zwar als „Ruiengeck“ bekannt, dies aber gehört dann doch ins Reich der Mythen!

Bestimmt aber wird beim Vorwurf des Ruienfrärtens vermutet, dass sich die ein oder andere „Töle“ darunter befindet, eine Bezeichnung, die aus dem Niederdeutschen in die deutsche Alltagssprache eingegangen ist und für „Promenadenmischung“ oder – noch abschätziger – für „Köter“ steht. Aber so wenig ein echter Sauerländer Ruie immer ein Rüde ist, so unwahrscheinlich ist hierzulande eine solche Geringschätzung von des Menschen bestem Freund und treuestem Begleiter.

Denken Sie nur an unsere WOLL-Ruien, an Anton oder Emil! Und – Ruie hin, Rüde her – bei meinem Freund Michael war es damals wie heute eine waschechte Tiewe, die ihn auf seinen Spaziergängen, Wanderungen oder Pilztouren durchs Sauerland begleitet. Also, raus ins Grüne mit Ruien, Tiewen oder mit wem auch immer, den Sie gerne an Ihrer Seite haben!