Vom Sauerland nach Leavenworth

Karl Rüther mit seinen drei Söhnen Chris, Casey und Michael

Quelle: Karl Rüther

Wie Karl Rüther in den USA seine zweite Heimat fand

Schmallenberg, 1976. Karl Rüther schenkt im Sporthotel Droste in Grafschaft Kaffee ein. Jung, motiviert – ohne zu ahnen, dass dies der Beginn einer Reise ist, die ihn Jahrzehnte später in ein kleines „bayerisches Dorf“ in den USA führen wird.

Karl Rüther ist in Schmallenberg geboren und aufgewachsen. Seine Ausbildung als Kellner im Sporthotel war ein Glücksfall: Das Haus war neu, modern, international geprägt. Nach Ausbildung und Wehrdienst schloss er als Serviermeister ab. Doch im Sauerland waren Aufstiegschancen in der Hotellerie rar. Während andere elterliche Betriebe übernahmen, zog es Rüther in die Ferne.

Auf in die Welt…

Eigentlich wollte er eine Hotelfachschule in Heidelberg besuchen. Doch eine Zeitungsanzeige der Carl Duisberg, Gesellschaft änderte alles: Hotellerie Sommerstudium, und Arbeit in den USA. Die Chance war verlockend, aber teuer – und seine Englischkenntnisse waren dürftig. Zweifel plagten ihn. Würde er bestehen? Wo würde er wohnen? Wie würde er überleben? Doch sauerländische Sturheit setzte sich durch. „I couldn‘t really let that go“, erinnert er sich lachend.

v.r.n.l.: Karl Rüther, seine Frau Denise und die Schmallenbergerin Jenny Müller zu Be- such in Leavenworth.Quelle: Jenny Müller

Ohne Fleiß kein Preis

Er paukte Englisch, bestand die Aufnahmeprüfung und sicherte sich bis zum Studienbeginn einen Job bei Trust House Forte Hotels und Resorts (London). Nach einem Bewerbungsgespräch im Kölner Dom-Hotel erhielt er die Zusage als Restaurant Manager in Southampton. Entschlossen packte er sein Auto und verließ Schmallenberg Richtung England. „Ich hatte keine internationale Erfahrung. Es war ein Sprung ins kalte Wasser“, sagt er heute. Er arbeitete hart, lernte und improvisierte.

Es folgten der Umzug nach New York und das Sommerstudium an der Cornell University. Mit dem neuen Wissen übernahm er eine Stelle im JFK Airport Hotel mit über 700 Betten. „Viele Gäste waren herausfordernd“, schmunzelt er. Rüther erinnert sich an skurrile Bestellungen wie einen Rolls-Royce am Restauranttisch oder daran, in kurzer Zeit alle Passagiere eines ausgefallenen 747-Fluges gleichzeitig unterzubringen. Stresssituationen, die er als Herausforderung sah: „Meine Erfahrung mit anspruchsvollen Kunden der sauerländischen Modeindustrie half mir.“

LeavenworthQuelle: Leavenworth

Ein Sauerländer gibt nicht auf…

Weitere internationale Führungspositionen folgten. Doch dann kam der Einschnitt. Sein damaliger Arbeitgeber meldete Konkurs an. Arbeitslos und auf dem Weg zurück zu seiner amerikanischen Frau fuhr er durch den bayrischen Themenort Leavenworth – und sah es sofort: Ein neues Hotel im Bau. Mit dem sauerländischen Jägerblick erkannte er die Chance.

Karl Rüther suchte den Besitzer – und startete ein neues Kapitel. Als erster Betreiber eines Franchise-Hotels war er ein Exot unter den einheimischen Familienbetrieben. Es dauerte, bis er Akzeptanz fand. Doch Karl Rüther ließ sich nicht beirren. Er engagierte sich politisch, half bei der Gründung des Projekts „Bayern“, das Leavenworth noch authentischer und erfolgreicher machen sollte. Oktoberfest mit originalem Bier, echte Trachten – die Stadt boomte. „Damals kamen bis zu 15 Busse voller Touristen täglich“, sagt er.

Tourismus im Wandel…

Dabei begann alles aus der Not heraus. In den 1960er Jahren wurden Eisenbahn und Sägewerk in Leavenworth stillgelegt. Leavenworth war wirtschaftlich am Ende. Mit viel Mut und wenig Kapital entschieden sich die Bewohner, die Stadt im bayerischen Stil neu aufzubauen – ein riskanter, aber letztlich erfolgreicher Schritt. Heute ist Leavenworth ein touristisches Kleinod. Auch die ausgeprägten Jahreszeiten mit schneereichen Wintern und heißen Sommern tragen zum Erfolg bei. Wanderer, Skifahrer und Kletterer aus aller Welt strömen das ganze Jahr über herbei, auch wenn die Demografie ihre Spuren hinterlässt: „Heute steigen die Leute ins Flugzeug und sind in acht Stunden am anderen Ende der Welt – Busse kommen nur noch selten.“

Und dennoch bleibt die Sehnsucht nach der Heimat. Familie war für Karl Rüther immer zentral. Er erzählt lebhaft von den Amerikabesuchen seiner Mutter, seiner Cousine und alter Freunde:
„Diese Momente haben mich unglaublich glücklich gemacht.“ Karl Rüther kehrte jährlich nach Schmallenberg zurück – einmal sogar mit Familie im Gepäck. Seinen drei Söhnen und den Schwiegertöchtern zeigte er die Heimat. Er verpasste zwar das Schmallenberger Schützenfest, aber das Vogelschießen in Fleckenberg machte alles wieder wett: „Mit einem Bier in der Hand dem Vogelschießen zuschauen – einfach wunderbar!“

LeavenworthQuelle: Leavenworth

Einmal Sauerländer, immer Sauerländer…

Wenn ihn heute das Heimweh packt, greift er zum Telefon. Und wenn er einen materiellen Wunsch frei hätte? „Frischer, weißer Spargel aus dem Sauerland und Knochenschinken von der alten Metzgerei Krämer“, sagt er ohne Zögern.

Seine Botschaft an die Jugend in Schmallenberg: „Träumt groß, bleibt hartnäckig. Hier ist dieser kleine Kerl aus Schmallenberg, der nichts hatte und in der Schule gemobbt wurde. Und schaut, wo ich gelandet bin.“ Karl Rüther ist der lebende Beweis dafür, dass mit Mut, Leidenschaft und ein bisschen sauerländischer Dickköpfigkeit die Welt offensteht.