Quelle: Dr. Andreas Gierse
Wie Andreas Gierse aus Meschede an der Zukunft der Raumfahrt arbeitet
Raketen, Asteroiden und Schwerelosigkeit, das klingt nach ferner Zukunft und fernen Orten. Und doch beginnt diese Geschichte ganz bodenständig im Sauerland. In Meschede, genauer gesagt zwischen Berufskolleg Olsberg, Modellbauleidenschaft und einer ausgeprägten Neugier für Technik. Dr. Andreas Gierse ist heute einer der Projektleiter, die an europäischen Raumfahrtmissionen arbeiten, die weit über unsere Erde hinausreichen. Der 41-Jährige ist verheiratet, Vater eines fünfjährigen Sohnes, lebt und arbeitet in Bremen und kommt regelmäßig und gerne zurück nach Meschede.
„Ich habe im Sauerland immer die Erfahrung gemacht, dass man mit offenen Armen empfangen wird, wenn man wirklich interessiert ist“, sagt Gierse im Gespräch mit der WOLL-Redaktion. Diese Erfahrung prägt ihn bis heute. Sein Weg führte ihn vom Berufskolleg in Olsberg über ein Studium des Flugzeugbaus nach Aachen, später zur Promotion nach Bremen. Kein geradliniger Karriereplan, sondern ein Weg, der sich aus Interesse, Zufällen und Gelegenheiten formte.
Vom Berufskolleg in Olsberg bis zur europäischen Raumfahrt
Schon früh kam er mit Raketen in Berührung, allerdings nicht als Science-Fiction, sondern als handfeste Ingenieursarbeit. In studentischen Teams entwickelte er Experimente für sogenannte suborbitale Raketen, die für wenige Minuten Schwerelosigkeit erzeugen. „Ich bin eigentlich per Zufall in den Raketenbau gekommen. Gebraucht wurde jemand mit Messtechnik-Erfahrung, und genau das hatte ich aus dem Sauerland aus dem Berufskolleg in Olsberg mitgebracht“, erklärt Gierse.
Seine wissenschaftliche Handschrift entwickelte er später in der Mikrogravitationsforschung. In Bremen konstruierte er für den berühmten „Bremer Fallturm“ eine neuartige Schwerelosigkeitsanlage, den GraviTower Bremen, der nicht mehr auf riesige Vakuumröhren angewiesen ist. Statt drei Versuchen am Tag sind nun bis zu 1.000 möglich. „Wir können Experimente extrem oft wiederholen. Das verbessert die Qualität der Ergebnisse enorm“, beschreibt er den Durchbruch. Für die Forschung bedeutet das: schnelleres Lernen, präzisere Daten und neue Perspektiven.
Sauerländer Erfolgsgeschichte
Der „Fallturm Bremen“ wurde 1986 von dem in Nuttlar geborenen und im Sauerland groß gewordenen Prof. Dr. Ing. Hans Josef Rath konzipiert und 1990 in Betrieb genommen. Rath hatte ein Jahr zuvor an der Universität Bremen das Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM) gegründet, welches er bis zu seinem Tode 2012 als geschäftsführender Direktor leitete. Andreas Gierse kam 2012 in das Team für den „Fallturm Bremen“. Von 2016 bis 2022 war er leitend an dieser beispielhaften experimentellen Forschungseinrichtung tätig. Heute kann sich der Sauerländer Gierse durchaus vorstellen, eines Tages einen, nach seinen Plänen noch effizienter funktionierenden Fallturm für die Schwerelosigkeitsforschung und partielle Gravitation wie Mond- oder Marsgravitation, im Sauerland zu errichten. Dann wäre der „Bremer Fallturm“ ganz ohne Zweifel eine sagenhafte Sauerländer Erfolgsgeschichte.
Heute arbeitet Andreas Gierse an internationalen Raumfahrtmissionen der ESA, unter anderem im Bereich der Asteroidenforschung mit den Missionen Hera und RAMSES. Dabei geht es nicht nur um ferne Gesteinsbrocken, sondern um ganz reale Fragen der Zukunft: planetare Verteidigung, Rohstoffe, Technologieentwicklung. „Jede Mission zeigt uns im Grunde, wie wenig wir bisher wirklich verstehen“, sagt Gierse offen. Gerade das treibe die Forschung voran. Als der Asteroid Apophis 2004 entdeckt wurde lag die erste gemessene Einschlagswahrscheinlichkeit des 350m durchmessenden Asteroiden bei fast 4%, bei einem Einschlag hätte Apophis eine Zerstörungswirkung von hunderten von Atombomben. Heute wissen wir, dass er uns knapp verfehlen wird wenn er am Freitag dem 13ten April 2029 an der Erde vorbeifliegt, so knapp allerdings, dass er unter unseren geostationären Satelliten hindurch fliegen wird und in Afrika und Europa mit bloßem Auge zu sehen sein wird. Zusammen mit der ESA und anderen Partnern haben wir einen Antrag gestellt das Jahr 2029 zum „international year for asteroid awareness and planetary defence“ zu erklären und planen bereits jetzt Aktionen um allen Interessierten die Möglichkeit zu geben das Jahrhundertereigniss Apophis hautnah zu erleben.
Warum Asteroidenforschung mehr mit unserer Zukunft zu tun hat, als viele denken
Gleichzeitig verliert er nie den Blick für mögliche Folgen der Raumfahrt. Tausende Satelliten umkreisen inzwischen die Erde, neue Risiken entstehen. „Europa hat hier eine wichtige Rolle: Wir müssen nicht nur schneller werden, sondern auch verantwortungsvoll handeln“, betont der Ingenieur.
Privat ist die Raumfahrt längst im Alltag angekommen. Sein Sohn Friedrich baut bereits eigene Modellraketen. Gemeinsam werden sie gestartet, verbessert, neu gedacht. „Mein Sohn geht da völlig drin auf“, erzählt Gierse lachend.
Und genau darin sieht er auch Chancen für das Sauerland. Berufskollegs, Fachhochschulen, mittelständische Unternehmen: Die Region sei besser aufgestellt, als vielen bewusst ist. „Man kann im Sauerland unglaublich viel lernen und man hat keine Anschlussschwierigkeiten, wenn man offen und proaktiv ist“, sagt er rückblickend.
Sein Appell an junge Menschen ist klar und ermutigend: Neugierig bleiben, Fragen stellen, Kontakte suchen. „Streckt früh die Fühler aus. Raumfahrt ist eine große, aber sehr menschliche Gemeinschaft“, rät Andreas Gierse. Und vielleicht, so seine leise Hoffnung, kehren einige mit ihrem Wissen wieder zurück. Ins Sauerland. Nach Meschede. Dorthin, wo für ihn alles begann.



