
25 Jahre Sauerland Initiativ e.V.
Wir schreiben das Jahr 2000. Es ist gutgegangen, alle sind erleichtert. Das Schreckensszenario vom weltweiten Computerchaos zur Jahrtausendwende entpuppte sich als Schwarzmalerei auf hohem Expertenniveau. Zur Erinnerung: Google war gerade erfunden, im Internet dauerte das Laden einer einfachen Website bis zu einer Minute.
Zur Weltausstellung, der „Expo 2000“ in Hannover, ist es ein kurzer Weg über die frisch ausgebaute Autobahn, doch der Weg zu den politischen Entscheidern ist länger geworden. Bundespräsident ist Johannes Rau, Bundeskanzler Gerhard Schröder, der junge Friedrich Merz macht Schlagzeilen als neu gewählter Unions-Fraktionschef im gerade von Bonn nach Berlin umgezogenen Bundestag.
Die Blickwinkel verändern sich, Nordrhein-Westfalen steht nicht mehr im Mittelpunkt. Staatliche Gelder fließen verstärkt in den Osten, der Wettstreit um Aufmerksamkeit und Fördertöpfe bekommt eine neue Dimension.
Ein Land trommelt für sich selbst
Wie sichert man die Zukunft der Region? Was muss geschehen, um in einer Welt der Veränderungen bestehen zu können? „Fordern und Fördern“ ist in NRW zum großen Thema geworden. Trommeln gehört zu Beginn des neuen Jahrtausends landauf, landab zum Handwerk derjenigen, die mit werbenden Worten um die beste Ausgangslage für neue Arbeitsplätze, qualifizierte Fachkräfte und die Schaffung attraktiver Lebensbedingungen konkurrieren.
Das Ruhrgebiet hat, dank öffentlicher Gelder, mit der „IBA Emscherpark“ Milliarden in den Umbau investiert. „Strukturwandel“ ist das Förder-Zauberwort – wieder einmal. Doch bis heute nicht mit wirklich nachhaltiger Wirkung. Der „Initiativkreis Ruhrgebiet“, ein Who’s Who großer Firmennamen, zeigt Muskeln für das Revier. Die starke Rheinschiene Köln-Düsseldorf setzt mit großer Selbstverständlichkeit alles daran, ihr Potenzial zu stärken; an Gönnern in Entscheiderkreisen ist kein Mangel. Plötzlich blicken auch alle nach Ostwestfalen-Lippe: „Toll, was sich da tut!“ In OWL hat man kapiert, dass Klingeln gut für den Marktwert ist.
Und im Sauerland? Da fühlte man sich als verkanntes Land. Die Gefahr, übersehen zu werden, war erkannt. Die heiß diskutierte Verwaltungsstrukturreform sah eine Reduzierung der Regierungsbezirke vor – Alarmstimmung in Arnsberg und drumherum. Es drohte ein Bedeutungsverlust für die ganze Region. Gut vernetzte Verbands-Streiter für ein starkes Westfalen erhoben ihre Stimmen gegen die Macht am Rhein. Der Verdacht, dass sie zwar von Westfalen sprachen, vorrangig jedoch die Interessen von Münster mit der ländlichen Umgebung im Blick hatten, drängte sich aus sauerländischer Sicht auf.
Vom Stillstand zum Aufbruch
Vieles ist im Superjahr 2000 in Bewegung geraten. Alles strömt, alles fließt. Am Sauerland-Stand auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin ist es allerdings ausgesprochen ruhig. Tote Hose am Kahlen Asten, sozusagen. Der Ruf, dass etwas geschehen muss, wenn das Land der tausend Berge und der zahlreichen Weltmarktführer dem Abgehängt-Stempel entgehen will, findet Gehör. Anpacken, Machen, Gegenhalten: Der Wille kann Berge versetzen. Die Zukunft mitgestalten – dieser Gedanke bekommt Flügel.
Mit der Gründung von „Sauerland Initiativ e.V.“ wird ein kräftiger Anstoß aus der Region für die Region gegeben. Hier haben sich Persönlichkeiten fern von Vereinsdenken zusammengefunden, die mit Herz, Sachverstand und Heimatliebe helfen wollen, dass die Menschen auch künftig gerne hier leben und arbeiten. Natürlich auch mit Geld – ohne Moos nichts los. Unternehmer Franz-Otto Falke (2024 mit 101 Jahren verstorben) ist als erster Vorsitzender ein Impulsgeber für die Belange der mittelständischen Wirtschaft und ihrer Mitarbeiter-Familien. Mit Vorstandsmitglied Karl Anton Schütte vom gleichnamigen Landhotel und Gasthof im reizvollen Oberkirchen hat das Tourismusgewerbe einen engagierten Fürsprecher. Von Idylle allein kann man nicht leben.
Stellvertretende Vorsitzende im Gründungsvorstand ist die frühere Chefin der Bezirksregierung, Dr. Raghilt Berve. Vorstandskollege Stephan Schröer von der Benediktinerabtei Königsmünster in Meschede erinnert sich sofort an sehr hilfreiche Kenntnisse der promovierten Raumplanerin und bundesweit ersten Regierungspräsidentin: „Die sagte uns, wie Verwaltungen ticken!“ 2021 wurde sie mit dem NRW-Verdienstorden ausgezeichnet. Auch auf Peter Wagner, Leiter der Sparkasse Hochsauerland in Brilon, hält der Altabt in der Rückschau-Erinnerung große Stücke. Die gute Sache braucht solide Finanzen.
Ein Netzwerk mit Handschlagqualität
Von Beginn an in der Gründer-Runde dabei ist auch der Autor dieses Beitrags. In Sachen Sauerland mittendrin statt außen vor sein – darum geht es. Wichtig ist allen, dass diese Vereinigung der Anschieber politisch und von Verbandsstrukturen unabhängig ist.
Zum Aufbruch ins Zukunftsland von Tradition und Innovation gibt es bei Sitzungen auf dem Abteiberg oder bei Schütte, einer der guten Stuben des Sauerlandes, kein Festessen mit Sekt, sondern Schnittchen mit Kaffee und Wasser. Wie das Land, so die Gründer. Ein erstes Ausrufezeichen: „Pro Sauerland“
Am Tag, nachdem „Sauerland Initiativ“ erstmals an die Öffentlichkeit getreten ist, lautet die Überschrift des Leitartikels in der Westfalenpost vom 10. Februar 2000: „Pro Sauerland“. Der Tenor: Diese wirtschaftlich noch gesunde Region darf im öffentlichen Bewusstsein und bei politischen Weichenstellern nicht am Rande existieren. Jetzt gelte es, Flagge zu zeigen. Die Kraft zur Weiterentwicklung müsse von innen kommen.
Operativ geleitet hat Peter Sieger aus Halver den Zusammenschluss von Lobbyisten im besten Heimatsinne. Protokollführer, Layout-Entwickler, später Geschäftsführer – Wirken für das Sauerland ist mehr als das Erarbeiten von Positionspapieren. Viele wollen mitwirken und sich einbringen. Mit unermüdlicher Ideenkraft ist hier auch Walter Mennekes (Elektrotechnik) zu nennen – in der Welt erfolgreich, zu Hause aktiv. 2004 übernimmt er den Vorsitz.
Namen, die das Sauerland prägten
Weitere bekannte Namen sind unter den Mitgliedern der ersten Stunde: Susanne Veltins, Heinz Kettler, Julius Cronenberg, Freiherr von Fürstenberg, Paul Witteler (Autohandel), Erich Steuber (Koch/Gastronom), Hermann Schulte-Wrede (Panorama-Park), Jochen Bludau (Elspe Festival) und Elmar Bamfaste (Westlotto).
Unternehmen wie Busch-Jaeger (Elektrotechnik), Severin Schulte und Gustav Hensel (Elektro) geben im Jahr 1 nach der Gründung die Richtung vor: Wir sind dabei, macht mit! Bei den Privatmitgliedern ist Winfried Stork, damals HSK-Kreisdirektor und Chef der Bobbahn Winterberg, ein Motor für die Sicherung und Entwicklung im Tourismus.
Kultur, Innovation und Gemeinschaft
Erste Projekte sind Dauerbrenner geworden. Mit anhaltender Unterstützung wird dafür gesorgt, dass Jung und Alt beim jährlichen Brass Festival „Sauerland-Herbst“ Weltklassemusik genießen können. Initiator und Macher Georg Scheuerlein findet unter den Mitgliedern von „Sauerland Initiativ“ verlässliche Förderer der glänzenden Idee.
Besonders helle Köpfe, die man in der Region bekanntlich nicht mit der Lupe suchen muss, werden mit dem „Innovationspreis Sauerland“ ausgezeichnet. Die Anstöße dieser Vereinigung von „Aktivisten“ für die gute Zukunft der Heimatregion in einer globalisierten Welt kann man ohne Jubiläums-Schönfärberei als Basis für spätere große Gemeinschaftsaktionen mit staatlicher Finanzierung ansehen. Südwestfalen-Agentur, „Regionale 2013“ und „Regionale 2025“ sind gute Beispiele für die notwendige Zusammenarbeit von Städten und Kreisen. Wohl nicht zufällig stammen drei der 2011 ernannten „Südwestfalen-Botschafter“ aus den Starter-Reihen der Privatinitiative: Walter Mennekes, Altabt Stephan und der Autor.
25 Jahre nach der Gründung ist vieles erreicht. Das Sauerland ist kein weißer Fleck auf der Karte der wirtschaftlichen Aufmerksamkeit. An der Erfolgsgeschichte vom Mauerblümchen, das eigentlich eine prächtige Rose ist, muss aber weiter gearbeitet werden. Fit machen für die Zukunft bleibt eine „Never Ending Story“.



