
Wandern in schöner Natur macht mich in höchstem Maße glücklich. Wenn mein Blick auf bewaldete Berge und auf Seen fällt, wenn ich mich an alte knorrige Bäume lehne, am Himmel Wolken ziehen sehe, Flüsse plätschern höre und Schmetterlinge auf Blüten beobachte, dann fehlt mir nichts anderes. Ich schalte ab, lasse los, schaue nach innen, komme zu mir selbst, genieße die vielen Grüntöne, Lichteffekte und Gerüche, bin ganz im Hier und Jetzt, werde demütig und ehrfurchtsvoll. Die Natur ist mein Kraft- und Seelenort. Zum Wander- und Naturfreak bin ich dank meines Berufs geworden. Als junge WDR-Redakteurin hatte ich im „Sommerloch“ die Idee, mit Hörern zu wandern, obwohl ich selbst völlig ungeübt war. Es war eine meiner besten Ideen. Weil ich viele schöne Orte und supernette Menschen kennenlernte, sogar neue Freunde fand und mich das Wanderglück richtig gepackt hatte.

Zehn Jahre später lernte ich Rainer Brämer kennen. Der Natursoziologe hielt im Gasthof Platte im Repetal einen Vortrag über das „neue Wandern“, der mit den Worten begann: „Die Wandergreise in rotkarierten Kniebundhosen sind out.“ Moderne Wanderer wünschten sich Naturgenuss in abwechslungsreicher Landschaft auf schmalen Pfaden, Waldmythos, Stille und Abschalten, Lust an Bewegung und eine nutzerfreundliche Markierung der Wege. Von da an war Rainer Brämer mein Wanderpapst. Er hatte meine Wanderwünsche auf den Kopf getroffen. Und er überzeugte auch alle Tourismus-Leute der Region, allen voran Thomas Weber vom Sauerland-Tourismus und Horst Schneider, den Wirtschaftsdezernenten vom Kreis-Siegen-Wittgenstein. Aus Konkurrenten wurden Brüder im Geiste. Sie entwickelten mit Brämer den grenzübergreifenden Rothaarsteig, allein unter landschaftspsychologischen Gesichtspunkten. Ich habe als Journalistin ihre gemeinsamen Kämpfe über Wegeführung mit Waldbesitzern und Forstleuten begleitet und durfte schon 2000, ein Jahr vor der offiziellen Eröffnung und inzwischen Studioleiterin beim WDR in Siegen, alle sechs Etappen des Rothaarsteigs mit unseren Zuschauern erkunden. Viele Kollegen meinten damals „Wer wandert denn heute noch?“ Erstaunt erlebten sie dann Wanderhorden von bis zu 300 glücklichen Menschen in moderner Funktionskleidung und ließen sich teilweise auch anstecken.
Wo immer ich auf schmalen Pfaden wandernd unterwegs bin und nie genau weiß, was mich um die nächste Ecke erwartet, denke ich: „Typischer Brämer-Weg“. Am Rothaarsteig gibt’s inzwischen einige breite Schotterwege, die der Baumabfuhr nach der Borkenkäfer-Invasion und Ansiedlung von Windkraft geschuldet sind. Aber dafür sind die Ausblicke inzwischen fantastisch, und wir erleben wandernd, wie faszinierend schnell sich die Natur verjüngt. Das macht mich immer wieder glücklich. Und natürlich die „schwingenden Landschaften“, die unsere Seele öffnen und den Geist beruhigen. Sie werden immer da sein. Direkt vor unserer Haustür liegt das große Glück!
Beate Schmies, die frühere Studioleiterin des WDR berichtet alle 14 Tage in ihrem WOLLcast „Glückskinder“ über das, was Menschen glücklich macht. Sie spricht mit inspirierenden Gästen über Lebensfreude, Herausforderungen und die kleinen und großen Momente, die das Leben bereichern.


