Vergessenes Fundament

Stift Meschede

Auf den Spuren des Stiftes Meschede

In Meschede liegt ein Schatz. Nicht glänzend und greifbar, sondern verborgen unter Erde, Schutt und den Schichten der Jahrhunderte. Rund um die Walburgakirche graben Archäologen seit 2020 im Schatten der Geschichte und fördern Sensationelles zutage. Denn hier stand einst eines der bedeutendsten Frauenstifte Westfalens: das Stift Meschede.

„Die meisten Bürger wissen gar nicht, was für ein Denkmal sie da vor Augen haben“, sagt Grabungsleiter Wolfram Essling-Wintzer von der LWL-Archäologie für Westfalen.
„In der Fachwelt aber ist es ein Begriff. Wahrscheinlich das katholische Bauwerk mit der am besten erhaltenen karolingischen Bausubstanz nördlich der Alpen.“ Ein Satz, der Gewicht hat – und staunen lässt.

Damenstift von sächsischen Rang

Die Geschichte des Stiftes reicht zurück bis ins 9. Jahrhundert, in die Zeit nach den Sachsenkriegen und kurz nach dem Tod Karls des Großen. Die erste schriftliche Erwähnung datiert auf das Jahr 872, aber Funde deuten darauf hin, dass die Gründung bereits um 860 erfolgt sein muss. Es war ein Frauenkloster des Hochadels, wahrscheinlich gestiftet von einer Verwandten des sächsischen Grafen Richtag, einem der mächtigsten Männer seiner Zeit. Aus dieser Linie gingen später die Grafen von Werl hervor – eine Familie, die man nicht ohne Grund als „Herzöge Westfalens“ bezeichnete.

„Westfalen ist reich an Damenstiften“, erklärt Essling-Wintzer. „Das ist Teil unserer Kulturgeschichte – diese Einrichtungen waren nicht nur religiöse Orte, sondern auch politische Machtzentren und Instrumente zur Landesentwicklung.“
Und Meschede war mittendrin: ein Stützpunkt karolingischer Reichspolitik am westlichsten Zipfel des sächsischen Gebiets.

Fundament der Geschichte

Seit den 1960er Jahren überbauten moderne Gemeindebauten den südlichen Kirchenhof – jenen Ort, wo die historische Klausur der Stiftsfrauen lag. Als 2020 im Zuge eines Neubauprojekts ein Eingriff in diesem Bereich geplant wurde, schaltete sich die LWL-Archäologie ein. „Hier wollten wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“, so Wolfram Essling-Wintzer. „Wir wussten aus alten Urkatastern und archivalischen Quellen, dass sich hier der sogenannte Klausurflügel befunden haben musste – das Herzstück jeder Klosteranlage.“

Die Grabung förderte Erstaunliches zutage: Überreste einer karolingischen Klausur samt Kreuzgangwand und originalem Fußboden – mit deutlichen Brandspuren. Eine wissenschaftliche Datierung ergab einen Zeitrahmen zwischen 690 und 974 n. Chr. – ein sensationeller Befund.

„Archäologische Quellen lügen nicht“, sagt Essling-Wintzer.
„Im Gegensatz zu Urkunden, die immer mit Absicht verfasst werden, sind Funde objektiv. Und sie sind unwiederbringlich. Wenn sie einmal zerstört sind, sind sie für immer verloren.“

Zwischen Schutz und Weiterbauen

Der Fund stellte die Pläne der Kirchengemeinde infrage: Ein ursprünglich geplanter Baukörper musste überarbeitet werden. „Wir wollen ja keine Verhinderer sein“, sagt Essling-Wintzer, „aber wir müssen Verantwortung übernehmen – auch für das, was nicht sichtbar ist.“ So entstand ein Kompromiss: Die Planer hoben das Bodenniveau im Neubau leicht an, das darunterliegende Fundament blieb erhalten. Eine Lösung, wie sie für die moderne Denkmalpflege typisch ist – kooperativ, flexibel, zukunftsorientiert.

Doch wo sind die Schätze des Stifts geblieben? Spektakuläre Einzelstücke wie Kelche oder Grabbeigaben wurden bislang nicht gefunden. „Die wurden wahrscheinlich rechtzeitig in Sicherheit gebracht“, meint Essling-Wintzer.

„Aus dem Jahr 1780 wissen wir, dass 38 Grabplatten verkauft wurden – wahrscheinlich Stahlguss. Deshalb finden wir heute keine.“ Auch das ist Teil der Geschichte: Zerstörung, Umbau, Vergessen.

Blick in die Tiefe

Mit Bodenradar, Baggern und feiner Kelle arbeiten sich die Archäologen Schicht für Schicht durch den Untergrund. „Das Jüngste liegt natürlich oben“, erklärt Essling-Wintzer. „Je tiefer man geht, desto weiter reist man in die Vergangenheit.“

Die Arbeit sei oft mühsam, aber lohnenswert. „Manchmal finden wir nichts. Und dann wieder einen Estrichboden, karolingisch, rot eingefärbt – das ist wie ein Gruß aus der Tiefe der Zeit.“

Nächste Generation wird Weitergraben

Wolfram Essling-Wintzer

Was nun kommt, bleibt offen. Derzeit geht es darum, die bisherigen Erkenntnisse zu dokumentieren und zu sichern. Eine vollständige Ausgrabung steht nicht an – zu aufwendig, zu kostspielig. Aber das Wissen bleibt. Und es soll wachsen.

„Was wir hier tun, tun wir nicht nur für die Gegenwart“, sagt Grabungsleiter Wolfram Essling-Wintzer. „Sondern auch für diejenigen, die in 50 oder 100 Jahren mehr über ihre Heimat erfahren wollen.“

Und vielleicht wird eines Tages jemand in Meschede unter der Erde das vollständige Bild des Stiftes entdecken. Bis dahin bleiben die Mauern verborgen – aber nicht vergessen.