Quelle: Matthias Schopp
Seit gestern Morgen um 10 Uhr befinden sich meine Wanderpartnerin und ich auf unserer bislang größten sportlichen Herausforderung: Wir haben uns zum Ziel gesetzt, den kompletten Rothaarsteig in einem Zug durchzuwandern, also ohne Hotelübernachtung. Unser Start liegt mehr als 24 Stunden zurück, in denen wir schon das eine oder andere erlebt haben.
Bei passablen Rahmenbedingungen – kein Regen, kühle Temperaturen – treffen wir uns am Dillenburger Bahnhof und machen uns nach einem Startfoto sofort auf den Weg. Zügig geht es durch die Altstadt hinaus ins Grüne, wo wir etlichen Anwohnern begegnen, die ihren Hund ausführen oder die ein wenig Sonne tanken. Zwei Damen wünschen uns „einen schönen Spaziergang“. Wir müssen Schmunzeln. Wenn die wüssten … Über Manderbach, den Westerwaldblick und Rodenbach steigen wir in Richtung Rothaarkamm hinauf, den wir an der Tiefenrother Höhe erreichen. Unsere Begleitmannschaft hat dort eine Kiste mit Lebensmitteln und Getränken deponiert, zur Sicherheit nicht ohne den Hinweis an die Allgemeinheit, warum wir diese Sachen benötigen. Zu unserer Überraschung finden wir auch einen Zettel von anderen Wanderern mit den besten Wünschen für unser Vorhaben. Im Forsthaus Lahnquelle genehmigen wir uns ein leckeres Abendessen und werden auch sonst toll unterstützt. Sowohl vom Team, als auch von anderen Rothaarsteig-Wanderern, die uns mutmaßlich für nicht ganz richtig im Kopf halten, uns aber ausnahmslos aufbauende Worte mit auf den Weg geben, schließlich liegen noch 115 Kilometer vor uns.
Quelle: Matthias SchoppWir wandern weiter. Der bislang stürmische Wind hält sich nun etwas zurück, die Luft um uns herum riecht nach Abend, und die untergehende Sonne taucht die Landschaft in ein zauberhaftes Licht. Über die Siegquelle und Benfe geht es in die Nacht. Im Edertal sind wir nicht alleine, ganz im Gegenteil. Vor uns auf der Wiese äst ein Rudel Hirsche. Daneben stehen zwei Wildschweine, und auch einige Hasen haben sich eingefunden. Ein harmonisches Bild, bei dem nur noch der sprichwörtliche Fuchs zum Gute-Nacht-Sagen fehlt. Die Ortschaft Lützel ist rasch durchquert, dann geht es via Gillerturm auf neuem Wegverlauf in Richtung Ginsburg. Schon lange vorher wummern uns die Bässe entgegen, denn rund um die Burg findet eine Party statt. Kurz vor Mitternacht sind die meisten auf dem Heimweg, nur wir beide steigen noch hinauf und passen mit unserem Outfit nicht so recht ins Bild. Kein Wunder, dass wir ein wenig Neugier auf uns ziehen. Als wir dem Partyvolk von unserem Ziel erzählen, glaubt der ein oder andere, doch etwas zu tief ins Glas geguckt zu haben.
Über Forstwege geht es weiter, eine Wegmarke nach der anderen wird genommen: Ferndorfquelle, Dreiherrnstein, Schwarzbachtal. Am Rhein-Weser-Turm finden wir um kurz vor 4 Uhr am Morgen die nächste Schatzkiste gefüllt mit Bananen, Energieriegeln und Getränken. Eine Flasche alkoholfreies Bier ist die Belohnung für fast die Hälfte der Strecke. Offiziell passieren wir diesen wichtigen psychologischen Marker kurz nach dem Margaretenstein. 78 Kilometer sind es von Dillenburg hierher und weitere 78 bis nach Brilon. Mittlerweile ist es hell geworden. Jeder von uns musste bereits mit kleineren Wehwehchen kämpfen, seien es Übelkeit, Schmerzen oder Müdigkeit. Zum Glück haben wir beide schon mehrere 100-Kilometer-Märsche absolviert und wissen, wie wir unsere Körper auf Betriebstemperatur halten.
Quelle: Matthias SchoppIm schmucken Höhendorf Jagdhaus beginnt ein geruhsamer Sonntag. Unterdessen ist es bei uns Zeit geworden, die Motivation durch das Abspielen von Musik zu erhöhen. Während der Schützenfestsaison halten wir Marschmusik für angemessen und wandern unter den Klängen von Regimentsgruß und Coburger Marsch entlang der Grenze zwischen Sauerland und Wittgenstein. Am Albrechtsplatz werden wir mit einem dringend benötigten Frühstück verwöhnt, und noch etwas viel wichtigeres wird uns zuteil: Wir haben ab jetzt – bis ins Ziel in Brilon – durchgehend Begleitung. Familie und Freunde unterstützen uns bei unserem Vorhaben, das für mich als gebürtigen Briloner einem kleinen Lebenstraum gleichkommt. Das Wetter indes meint es nicht so gut mit uns. Wind und Nieselregen führen uns auf den Gipfel das Kahlen Asten. Die herrliche Landschaft mit der Hochheide können wir nur bedingt genießen. Stattdessen unterteilen wir unsere Reststrecke in immer kleinere Portionen.
Über Winterberg geht es zur Ruhrquelle, wo frischer Kaffee und Limo aus dem Kofferraum die Lebensgeister wecken. Der Support von lieben Menschen, die uns unterwegs immer und immer wieder selbstlos unterstützen, ist großartig und für uns letztlich der Schlüssel zum Erfolg. In Küstelberg wird die Begleitung gegen frische Kräfte ausgetauscht. Wir hängen uns an unsere „Lok“ und lassen uns zur Hillekopfhütte und zum Clemensberg ziehen. Weit schweift der Blick vom Kreuz über die sauerländische Heimat. An der Hochheidehütte stehen die nächsten Freunde bereit, um sich mit uns auf den Weiterweg zu machen. Wir besteigen den Langenberg als höchsten Gipfel von ganz NRW und treffen am Richtplatz abermals auf Begleitung.
Quelle: Matthias SchoppNun sind wir endgültig auf der letzten der gewöhnlich acht Tagesetappen angekommen, wohl wissend, dass diese die mit Abstand schwerste ist. Hinter der Feuereiche schwingt sich der Kamm der Ginsterköpfe auf. Wer die Strecke schon gegangen ist, weiß, dass der Abschnitt passagenweise Trittsicherheit und gute Kondition erfordert. Beides ist bei uns nach 141 Kilometern nicht mehr ideal ausgeprägt, sodass die Überschreitung der Gipfel nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig ausfällt. Wir beginnen unsere zweite Nacht auf dem Steig. Vor allem ich muss kämpfen, während meine Begleitung gerade wieder voll in Fahrt ist. Auch dank unserer Freunde, die vorangehen und uns den Weg ausleuchten, erreichen wir den Borbergskirchhof mit der Marienkapelle. Nur an wenigen anderen Orten fühle ich Heimat so wie hier. Ich setze mich eine Minute zur Mutter Gottes und versuche, nochmal ein wenig aufzutanken. Es folgen die letzten Passagen: Hillbringse, Petersborn, Poppenberg, Möhnequelle. Wie lange doch zehn Kilometer werden können.
Quelle: Matthias SchoppAls wir Brilon erreichen, ist es 2 Uhr in der Früh. Während die Stadt schläft, nähern sich ein paar müde Gestalten dem großen Ziel. Und dann, um 2:15 Uhr, ist es geschafft. Endlich. 40 Stunden, 27 Minuten, 45 Sekunden; 155,99 km; 4.209 m Aufstieg; 3.980 m Abstieg; 17.977 kcal; 24,028 Liter Flüssigkeitsverlust. Soviel die nackten Zahlen meiner GPS-Uhr. Wir stehen neben dem Stein mit dem Kilometer 0 auf dem Marktplatz vor dem Briloner Rathaus. Keine Euphorie, aber viel Dankbarkeit. Und jetzt, einen Tag später, verblassen allmählich die Schmerzen, und die Freude über das Erlebte und eine tiefe Zufriedenheit breiten sich im Körper aus. Diese Erinnerungen werden bleiben.
Matthias Schopp aus Kirchzarten und Momo Rümelin aus Köln wanderten vom 13. bis 15. Juni 2026 den Rothaarsteig – in 40 Stunden.
Buchtipp: Rothaarsteig mit Sauerland-Höhenflug und Sauerland-Waldroute von Matthias Schopp: https://www.rother.de/de/rothaarsteig.html



