Tränen in den Augen

Quelle: "BALLERN! Cycling Shots

Radsportfans erobern die deutschen Straßen zurück. Schreiende Menschenmassen und hupende Traktoren. Aus den Rauchschwaden der Feuerwerkskörper lösen sich tanzende Lipo-Plakate – und erzählen die Geschichte eines deutschen Radsportsommermärchens mit einem Kapitel im Sauerland. Die Deutschland Tour ist ein buntes Lebenszeichen des Radsports. Abseits ihres hohen sportlichen Stellenwerts war die Rundfahrt für mich und mein Team REMBE – Rad-Net ein emotionales Heimrennen.

Die Deutschland-Tour 2025 ist Geschichte. Der Norweger Søren Wærenskjold vom Team Uno-X Mobility hat die siebte Austragung nach der Wiederauflage für sich entschieden. Für mich persönlich waren es fünf harte, aber vor allem unvergesslich emotionale Renntage. Wenn ich ein Fazit ziehen müsste, würde ich sagen, wir haben uns vor unserem Heimpublikum gut verkauft.

Prolog in Essen

Am Mittwoch ging es los mit einem 3,1 Kilometer langen Prolog an der Zeche Zollverein in Essen. Tausende Fans waren da und offenbarten einen Vorgeschmack auf das, was uns in den nächsten Tagen erwarten sollte.

Quelle: Lukas Wintrath

Ich persönlich landete im vorderen Drittel, was in etwa meiner Erwartung entsprach. 3 Minuten und 42 Sekunden all out. Meine Lunge brannte. Ich war völlig im Tunnel. Erst im Ziel realisierte ich die ohrenbetäubende Kulisse ganz bewusst.

Am zweiten Renntag ging es über knapp 215 Kilometer von Essen nach Herford – durch weite Teile meines Trainingsgebiets. Ich schaffte den Sprung in die Spitzengruppe des Tages, gemeinsam mit meinem Teamkollegen Miguel Heidemann. Auf den ersten 100 Kilometern ging es durchs nördliche Ruhrgebiet, vorbei an meiner ehemaligen Hochschule in Gelsenkirchen. Selm, Werne, Hamm, Beckum. Ich habe noch nie so viele Menschen am Streckenrand gesehen. Fans, die extra gekommen waren mit Plakaten, in Kostümen, säumten die mir gut bekannten Straßen. Mein Heimatverein RSV Unna stand am Schloss in Cappenberg.

Quelle: BALLERN! Cycling Shots

Im medialen Rampenlicht

Miguel sicherte sich die Bergwertung des Tages, und sollte das Trikot bis zum letzten Tag der Rundfahrt behaupten. 12 Kilometer vor dem Ziel wurden Vinzent Dorn vom Team Bike Aid und ich als letzte verbliebene Ausreißer gestellt. Jonathan Rottmann wurde Zehnter im Massensprint. Bereits an diesem Tag erfüllten wir als Team unsere Ziele, und nahmen uns ein wenig den Druck für die kommenden Tage.

Dann ging es endlich ins Sauerland. Von Herford führte die zweite Etappe nach Neheim. Dort kam es auf einer schweren Schlussrunde zur harten Selektion des Feldes. Johannes Adamietz konnte sich vorn behaupten und bestätigte seine Ambitionen in der Gesamtwertung.

Quelle: BALLERN! Cycling Shots

Goethestraße in Neheim

In einer abgehängten Gruppe konnte ich die letzten zehn Kilometer bewusst genießen. Die Goethestraße in Neheim – Ziellinie der zweiten Etappe – war komplett überfüllt. Beim Anblick der jubelnden Menschen in Arnsberg am Streckenrand hatte ich Tränen in den Augen. Ich spürte eine tiefe Dankbarkeit Teil dieses Rennens zu sein, das so viel größer ist als sein sportlicher Stellenwert. Und ich spürte Stolz diesen wunderschönen Sport repräsentieren zu dürfen.

Auf der dritten Etappe ging es tief ins Sauerland. Von Neheim aus führte das Rennen über den Möhnesee zur Hirschberger Wand, an der ich fast einen Hörstürz bekam, der alle Schmerzen in den Beinen für etwas eine Minute vergessen machte.

Quelle: BALLERN! Cycling Shots

Die Topteams machten das Rennen ab Hirschberg schwer, sodass sich das Feld schnell verkleinerte. Johannes fuhr erneut vorn mit und sprintete schlussendlich in Kassel mit um den Sieg – auf den 21. Platz.

Gut präsentiert

Am letzten Tag führte die Strecke von Halle an der Saale nach Magdeburg. Einmal mehr säumten zehntausende Menschen die Straßen. Roger sprintete trotz Sturz vor ihm noch einmal auf den 20. Platz, was eine solide Vorstellung unseres Teams abrundete.

Das Level in der World Tour ist abartig hoch. Jeder Tag war konstant schnell. Keine Überraschung, aber dennoch ein Ausrufezeichen.  Wir können insgesamt zufrieden sein. Gerade im Sauerland haben wir uns sehr gut präsentiert. Miguel trug jeden Tag das Bergtrikot. Erst auf der letzten Etappe musste er es an den Niederländer Enzo Leijnse vom Team Picnic – PostNL abgeben.

Allen Organisatoren, Helfern, Streckenposten bin ich dankbar, die dazu beigetragen haben, dem Radsport im Sauerland so eine einzigartige Bühne zu geben. Ich bin mir sicher diese Tage werden lang in Erinnerung bleiben.

Quelle: BALLERN! Cycling Shots