Quelle: Miriam Walkenbach
Das Gedächtnis der Stadt gebündelt, bewahrt und wertgeschätzt
Wer denkt bei Archiv nicht sofort an Staub und Mief der letzten Jahrhunderte, Kartons voller Akten, hohe Regale in kahlen Räumen, die den Charme der 1980er Jahre versprühen? Akten stimmt, Regale auch, aber da enden auch schon die Vorurteile. Die Archivarin Andrea Bräutigam nimmt Besuchergruppen begeistert auf eine spannende Reise durch die Vergangenheit mit.
1984 zog die Stadtverwaltung der Stadt Lennestadt vom Alten Amtshaus in Grevenbrück ins Rathaus nach Altenhundem. Das historische Gebäude hatte zunächst keinen Nutzen mehr, bis 1989 ein Gesetz erlassen wurde, durch das die Kommunen aufgefordert waren, Archive einzurichten. Gemeinsam mit einer landeskundlichen Bibliothek hatte das Stadtarchiv für drei Jahrzehnte nun in Grevenbrück seinen Sitz. Anfang der 1990er Jahre kamen außerdem eine Museumsausstellung und Magazinräume für Museumsexponate hinzu. 2020 zogen das Stadtarchiv, die landeskundliche Bibliothek und das Museumsmagazin in die freiwerdende Grundschule in Elspe und im Alten Amtshaus wurde 2024 das neue Stadtmuseum eröffnet.
Ob Gesetzestexte oder Bauakten – alles wird gesichtet, bewertet und sortiert
Der öffentlich zugängliche Teil des Stadtarchivs umfasst neben der Präsenzbibliothek die umfangreiche heimat- und landeskundliche Bibliothek, deren Bücher und Zeitschriften ausleihbar sind. Hier finden sich über 3.000 Bände Sachliteratur zur Landeskunde von Westfalen, Literatur über den und aus dem Kreis Olpe sowie verschiedene Zeitschriftenreihen und Informationen zur politischen Bildung.
Die Magazinräume im nicht öffentlichen Teil enthalten Fotosammlungen der einzelnen Ortschaften von Lennestadt, Sammlungen von Gesetzestexten (wie die älteste der Königlichen Preußischen Staaten 1810–1899), Zeitungen, historische Karten, Plakate und Schulchroniken. Diese Räume sind nur auf Anfrage im Rahmen einer Führung oder z.B. am Tag der offenen Tür (18.5.2025) für Besucher zugänglich. Weiter werden hier Schriftgut der Stadtverwaltung und Unterlagen von Parteien, Vereinen, Firmen oder Privatpersonen aus dem 19. und 20. Jahrhundert aufbewahrt, wobei der Schwerpunkt auf der Zeit der Industrialisierung liegt. Eine der ältesten Akten ist von 1848, das Statut der Bürgerwehr der Freiheit Bilstein.
„Zu den schwierigsten Aufgaben gehört tatsächlich die Bewertung der Archivalien“, so Andrea Bräutigam, die als Archivarin u.a. dafür zuständig ist, Akten und Unterlagen zu begutachten, und zu entscheiden, ob sie archivwürdig sind oder nicht. „Es gibt bestimmte Kriterien, nach denen ich die Archivalien bewerte – handelt es sich um rechtliche Verträge, spiegelt die Akte den Verwaltungsablauf wider oder ist es von historischem Wert? Die Entscheidung ist für jeden Archivar die Königsaufgabe.“
Familienforschung und Facharbeiten
„Ob es Studenten oder Schüler sind, die ich bei ihren Recherchen zu einer Facharbeit betreue und die dann hier spezielle Literatur finden, die nicht online zur Verfügung steht, oder ob jemand Familienforschung betreibt, um mehr über seine Vorfahren zu erfahren und hier Einblicke in alte Standesamtsunterlagen erhält, ich helfe bei den Recherchen, wo ich kann.“ Das Archiv leistet auch wertvolle Hilfe für junge Menschen, die am Geschichtswettbewerb der Körber-Stiftung teilnehmen. Der Forschungswettbewerb findet alle zwei Jahre statt und zielt darauf ab, dass sich junge Menschen mit der Geschichte Deutschlands auseinandersetzen. Auch viele ältere Menschen aus den umliegenden Orten sind häufige Besucher des Archivs, die sich alte Fotografien ansehen oder Sachliteratur ausleihen und in Erinnerungen schwelgen.
Kinder und Jugendliche für Geschichte begeistern
Seit der Eröffnung von Archiv und Bibliothek steigen die Besucherzahlen kontinuierlich an. „Ein großes Anliegen von mir ist es, noch mehr Menschen Zugang zur Vergangenheit und Geschichte unserer Region zu gewähren und vor allem bei jüngeren Menschen das Interesse daran zu wecken“, so die Archivarin. „Ein Ansatz ist das Angebot eines archivpädagogischen Programms für die Schulen in der Umgebung. Zur Zeit bin ich dabei, ein solches Konzept zu entwickeln, dann wäre es auch möglich, in das Programm der AG Museumslandschaft des Kreises Olpe als außerschulischer Lernort aufgenommen zu werden. Außerdem könnte dann der kostenlose Museumsbus genutzt werden, was die Erreichbarkeit enorm erleichtern würde. Eine Herzensangelegenheit von mir ist es zudem, die Geschichte jüdischer Familien und anderer Verfolgter des NS-Regimes, die vor der Zeit des Nationalsozialismus im Gebiet der heutigen Stadt Lennestadt gelebt haben, in Erinnerung zu halten.“
Eine Herausforderung wird die Digitalisierung der Bestände sein, damit diese auf Onlineportalen wie Archive NRW oder Archivportal D einem größeren Benutzerkreis zur Verfügung stehen.
Auch die Einrichtung eines Langzeitarchivs, in dem alle digitalen Archivalien gespeichert werden, ist eine bedeutende Aufgabe für die Zukunft. Hier kann sich die IT-affine, junge Generation einbringen, Geschichte ist eben generationenübergreifend spannend!
Kontakt
Stadtarchiv und heimat- und landeskundliche Bibliothek
Grundschulweg 10
57368 Lennestadt-Elspe
Ansprechpartnerin: Andrea Bräutigam
Telefon: 02723/608 420
E-Mail: a.braeutigam@lennestadt.de
Öffnungszeiten: Do 9–17 Uhr und nach Absprache


