
Wie eine Mutter ihren Traum von der Pflege verwirklicht
In Deutschland fehlen laut Krankenhaus-Verbänden über 100.000 Pflegekräfte – ein fataler Engpass, der auch im Sauerland stark spürbar ist. Um gegenzusteuern, setzen Kliniken zunehmend auf familienfreundliche Ausbildungsmodelle wie Teilzeitausbildungen. Eine Mutter, die mit 32 Jahren voller Begeisterung ihre Ausbildung zur Pflegefachfrau angefangen hat, ist Esther Bönninghoff aus Serkenrode. Sie arbeitet am Alexianer Klinikum Hochsauerland.
WOLL: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Ausbildung in der Pflege zu beginnen?
Esther Bönninghoff: Während meiner Schulzeit habe ich ein Praktikum in einem Seniorenheim gemacht – damals dachte ich noch: Das ist nichts für mich. Das Interesse an Medizin und Pflege entwickelte sich erst später. Rückblickend waren es vor allem Lebenserfahrungen wie Kindergeburten, Krankheit und auch Abschiednehmen, die in mir diesen Wunsch geweckt haben.
WOLL: Warum haben Sie nicht direkt nach der Schule eine Ausbildung begonnen?
Esther Bönninghoff: Ich wusste lange nicht, was ich beruflich machen möchte. Dann wurde ich früh Mutter, gründete eine Familie, hatte ein paar Jobs, zuletzt als Schulbegleitung. Das ließ sich gut mit dem Familienalltag vereinbaren. Als meine beiden Kinder merklich selbstständiger wurden, habe ich angefangen, mich neu zu orientieren.
WOLL: Wie kam der Kontakt zum Alexianer Klinikum zustande?
Esther Bönninghoff: Ich sah eine Anzeige für eine Teilzeitausbildung zur Pflegefachfrau. Da die Teilzeitausbildung mit reduzierten Wochenstunden nur alle zwei Jahre beginnt (nächster Ausbildungsstart im Oktober 2026), haben wir gemeinsam eine Lösung gefunden, um eine Vollzeitausbildung möglichst familiengerecht zu gestalten. Da bin ich sehr dankbar für. Wichtig war mir, dass meine Kinder nachmittags nicht zu oft allein sind. Mein Mann und auch die Großeltern unterstützen mich sehr.
WOLL: War es für Sie ein Thema, mit jüngeren Auszubildenden zusammenzukommen?
Esther Bönninghoff: Diesen Gedanken hatte ich kurz, aber er hat sich schnell erledigt. In meiner Klasse sind verschiedene Altersgruppen vertreten, das Miteinander ist sehr angenehm. Der Älteste ist 35 Jahre alt.
WOLL: Wie erleben Sie die Ausbildung bisher?
Esther Bönninghoff: Sehr positiv. Ich gehe morgens mit Vorfreude und Elan zur Arbeit, Lernen fällt mir leicht und jeder Tag ist anders. Langweilig wird es nie. Laut Ausbildungsplan stehen noch viele unterschiedliche Stationen an – es bleibt spannend.
WOLL: Gab es bereits besonders prägende Momente?
Esther Bönninghoff: Ja, vor allem Akutsituationen auf Station, in denen schnelles Handeln mit kühlem Kopf gefragt war. Im Nachhinein zu wissen, dass man dazu beigetragen hat, dass es Menschen wieder besser geht, ist sehr erfüllend. Belastende Situationen werden im Team aufgearbeitet – man steht nie allein da. Und die Dankbarkeit der Patientinnen und Patienten erlebt man tatsächlich häufig. Das ist wirklich schön.



WOLL: Was müsste sich ändern, damit mehr Menschen – besonders Mütter – den Pflegeberuf ergreifen?
Esther Bönninghoff: Flexibilität und Verlässlichkeit sind entscheidend. Viele Mütter haben Angst, all ihren Aufgaben nicht gerecht zu werden. Wenn Kliniken Ausbildung und Arbeitszeiten besser an den Familienalltag anpassen, kann das Mut machen. Mir persönlich hat dieser Neustart in erster Linie viel Energie gegeben.
WOLL: Was wünschen Sie sich, dass Ihre Kinder von Ihrem Weg mitnehmen?
Esther Bönninghoff: Dass jeder seinen eigenen Weg gehen darf, auch wenn er nicht geradlinig ist. Nichts ist verloren, nur weil das Leben anders als geplant verläuft. Mit einem Ziel vor Augen, Mut und Organisation ist vieles zu jeder Zeit möglich.
WOLL: Vielen Dank für das interessante Gespräch!
Alle Informationen zur Pflegeausbildung: www.klinikum-hochsauerland.de/pflegeausbildung



