Sinnvoll. Sinnstiftend. Zukunftsfähig.

Quelle: Klaus-Peter Kappest

Wie das Smarte Tourismuslabor den „Weg der Sinne“ weiterdenkt

Der Rothaarsteig – der „Weg der Sinne“ – stellt sich damit für die Zukunft auf, er entwickelt sich weiter. Denn auch um ihn herum verändert sich viel: Der Wald wandelt sich unter dem Klimastress und der Borkenkäfer-Plage, die Erwartungen der Wandernden verschieben sich und zwischen notwendiger Digitalisierung und erwünschter Naturbelassenheit will ihnen ein gutes Erlebnis geboten sein. Wie also bleibt der Rothaarsteig ein Sehnsuchtsort? Wie passen wir die Infrastruktur zukunftsfähig an, ohne zu verlieren, was ihn ausmacht? Und wie werden wir dabei unserer Verantwortung für Natur, Klima und Mensch gerecht? Genau diese Fragen treiben uns im Smarten Tourismuslabor an. Wir denken den Rothaarsteig weiter – nicht am Schreibtisch, sondern dort, wo er eingebettet und verankert ist, dort wo er mitgetragen wird: im Wald, an den Rastplätzen, im Gespräch mit den Menschen, die ihn prägen. Unser Ziel: Ein „Weg der Sinne“ – sinnvoll und sinnstiftend.

Quelle: Sauerland Tourismus e.V.

Wo Wandel Wurzeln schlägt

Es gibt so einige Orte am Rothaarsteig, wo sich der Wald öffnet, da wo früher Schatten war. Wo einst Fichten dicht an dicht standen, geht der Blick heute in die Ferne, über offene Flächen, die von Fingerhut oder Ginster bunt gefärbt werden, aber auch über kahle Hänge, über liegendes Holz. Neben neuen Weitblicken führt dies auch zu demütigen Einsichten: Der Klimawandel trifft unseren Wald hart. Trockene Sommer, die Borkenkäferkalamität, ganze Waldareale, die binnen weniger Jahre fielen – im Sauerland, in Siegen-Wittgenstein und in Hessen hat sich das Landschaftsbild verändert. Das ist die ernüchternde Seite der Geschichte. Doch es gibt eine zweite.

Wo Bäume fallen, entsteht Platz für Neues. Für stabile Mischwälder statt anfälliger Monokulturen. Für Baumarten, die der Hitze trotzen. Für eine neue Generation Wald, die viele Dutzende Jahre in die Zukunft wachsen soll. Eines steht fest: Der hoffnungsvolle Teil des Wandels passiert nicht von allein – er wird gemacht. Genau hier setzt auch das Smarte Tourismuslabor mit seinem Beitrag an: Es bündelt für den Korridor des Rothaarsteigs, was bisher nebeneinander lag, und denkt  die Zukunft des Premiumwandwegs aus der heutigen Lage heraus.

Den Umbau im Wald kann man entlang des Weges Schritt für Schritt miterleben – mit all seinen Facetten, seinen Brüchen, seinem Werden. Doch dafür braucht es auch uns, die Waldfreunde, die Wandernden. Denn auch wir gestalten mit. Indem wir geduldig sind, wenn wir die Waldbesitzenden mit ihren Maschinen arbeiten sehen. Indem wir nicht ärgerlich werden, wenn ein Weg von Rädern eines Harvesters oder Holztransporters gezeichnet ist. Indem wir verstehen: Was hier nach Verlust aussieht, ist oft schon der Anfang von etwas Neuem.

Was Wandernde heute wünschen

Wald und Landschaft erleben hat also neue Perspektiven bekommen. Die Wandernden bringen aber auch neue Erwartungen mit. Sie wollen mehr als einen gut angelegten, bestens beschilderten Weg unter den Füßen. Die Fragen sind andere geworden: Welche Etappe passt eigentlich zu mir? Bei welchem Wetter zeigt sie sich von ihrer schönsten Seite? Und wo fülle ich unterwegs meine Trinkflasche auf? Wandernde erwarten heute Orientierung, Sicherheit und Zuverlässigkeit – nicht nur auf dem Weg selbst, auch bei der Inspiration und Planung.

Genau hier möchte das Smarte Tourismuslabor wieder an den bewährten Markenkern des Rothaarsteigs anknüpfen: „Weg der Sinne“. Diese Idee soll weitergedacht werden. Natürlich gibt es bereits Empfehlungen für Etappenwanderungen auf dem Premiumwanderweg – mit angepassten Streckenlängen für gemütlichere oder sportlichere Wandernde. Ein Projekt zur Etappenprofilierung dreht den Blick um: Nicht die Strecke steht im Mittelpunkt, sondern das Erlebnis. Etappe bekommen ihren eigenen Charakter. Vielleicht gibt es Weitblick-Etappe, auf der die Aussicht an klaren Herbsttagen weit übers Land reicht. Oder eine Schatten-Etappe, die tief in den Wald eintaucht und selbst an heißen Tagen kühl bleibt. Manche Abschnitte sind für Stille-Suchende, andere für Botanik-Fans, wieder andere für Familien – je nachdem, was man entdecken, hören und sehen möchte. Eine Wiederkehr zum Rothaarsteig kann dann immer wieder neue Erlebnisse je nach Jahreszeit oder Anlass bieten. 

Was solche Etappen erlebbar macht, ist nicht neue Technik im Wald, sondern der kluge Blick auf das, was ohnehin da ist: schattenspendende Wälder im Sommer, blühende Hänge im Frühling, buntes Laub im Herbst. Eine digitale Unterstützung im Hintergrund kann dabei helfen, diese Qualitäten sichtbar zu machen – etwa durch passgenaue Wetterprognosen. Auch daran wird im Smarten Tourismuslabor vorbereitend gearbeitet. Statt nüchterner Zahlen soll ein Rothaarsteig-Wetterdienst künftig erlebbare Empfehlungen geben: Wann entfaltet eine Etappe ihren besonderen Zauber? „Samstagvormittag zeigt sich der Rothaarsteig von seiner mystischen Seite – Hochnebel in den Tälern, klare Luft auf den Höhen“, das klingt verlockend und zeigt ehrlich: Auch bei Nebel oder Nieselregen gibt es Etappen, die genau dann ihren Charme entfalten.

Doch auch die schönste Strecke wird anstrengend, wenn unterwegs das Wasser ausgeht. Darum laden entlang des Weges Refill-Stationen dazu ein, die Trinkflasche aufzufüllen – frisches Trinkwasser bei den Rothaarsteig-Qualitätsbetrieben, die mit großer Bereitschaft mitziehen. Wer vorbeikommt, füllt auf und geht gestärkt weiter. Im Gastgeberverzeichnis und demnächst auch auf der Website wird gelistet, wo die nächste Station wartet. Eine kleine Geste – und doch ein großer Unterschied an einem heißen Tag.

Und genau diese heißen Tage sind es, die den Rothaarsteig vor neue Aufgaben stellen. Wo der Wald gewichen ist, fehlt der Schatten. An Rastinseln sollen künftig Sonnensegel für Kühlung sorgen – aufgespannt ab dem Frühjahr, abgebaut über den Winter. Voraussichtlich in diesem Jahr sollen die ersten aufgestellt werden. Damit die Pause auch dort erholsam bleibt, wo die Bäume erst wieder wachsen müssen. Damit das alles seine Grundlage hat, erfasst das Förderprojekt derzeit die gesamte Infrastruktur am Weg – jede Bank, jeden Wegweiser, jede Tafel – und zeigt auf, wo Lücken zu schließen sind oder Schilder ersetzt werden müssen.

Quelle: Klaus-Peter Kappest

Gemeinsam handeln – gemeinsam gestalten

Naturerlebnis auf der Strecke, gute Wegeführung, ausgezeichnete Markierung – all das macht den Rothaarsteig aus. Seine Ausgestaltung ist ein Gemeinschaftswerk. Den abwechslungsreichen Charakter verdankt er vor allem den Menschen, die seine Kulisse erschaffen, bewirtschaften und pflegen, den Waldbesitzenden. Für sie ist der Wald Lebensgrundlage. Sie geben ihr Bestes, um den Wald für morgen aufzustellen – in den die Wandernde voller Neugier eintauchen können. Im Smarten Tourismuslabor soll diese Gemeinschaft fortgeschrieben werden. Unter dem Arbeitstitel „WaldMEISTER – Dialog mit Waldbesitzenden“ werden neue Formate für Begegnung und den Austausch von Zukunftsaussichten erörtert. 

Genau das ist die Grundhaltung hinter dem Smarten Tourismuslabor. Seine Schlüsselprojekte, die heute die Richtung weisen, sind nicht am Schreibtisch entstanden. Sie sind das Ergebnis einer echten Gemeinschaftsarbeit: In Workshops haben mehr als 50 Menschen aus Tourismus, Kommunen, Forstwirtschaft, Naturschutz, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft zusammengesessen, diskutiert, sortiert und entwickelt. Auch das sogenannte „Big Picture“, das die Zukunft des Rothaarsteigs anschaulich darstellt, trägt die Handschrift vieler. Das stärkt nicht nur die Ergebnisse, es stärkt das „Wir“.

Was dabei entsteht, setzt konsequent auf Verbindungen. Ein künftiger Fonds etwa könnte Tourismus und Forst zusammenbringen: Mittel aus dem einen Bereich kämen dem anderen zugute, damit zum Beispiel aus geschädigten Beständen widerstandsfähige Mischwälder werden. Wir prüfen noch, ob und wie das gehen kann. Doch überall dort, wo Forst, Naturschutz und Kommunen miteinander reden, entsteht etwas Tragfähigeres, als es ein Alleingang je leisten könnte. 

Damit diese Ausrichtung Bestand hat, braucht es ein verlässliches Fundament. Darum arbeitet der Rothaarsteig an einer zukunftsgerichteten Governance – einer Struktur, die klare Zuständigkeiten schafft, Entscheidungen beschleunigt und alle an einen Tisch holt. Dazu laufen bereits konkrete Gespräche mit den Vorständen und Anrainern. 

Wo Zuhören zu Verständnis führt

Manchmal liegt das Besondere genau dort, wo man zunächst eine Herausforderung vermutet. Der Rothaarsteig führt durch eine Landschaft mit vielen unterschiedlichen, mal kleineren, mal größeren Waldbesitzungen – und auf jeder Fläche wird ein wenig anders gewirtschaftet. Am Wegesrand entfaltet sich ein riesiges Experimentierfeld, in dem sich Nutzung und Natur seit Generationen aneinander erproben.

Auch diese Eigenheit denkt das Smarte Tourismuslabor weiter. Unter dem Arbeitstitel „Rothaarsteig-Waldräume“ möchte es den Weg zum Lernort machen, einen, an dem die Wandernden nicht belehrt, sondern mitgerissen werden. Etwa von der Erkenntnis, dass ein naturnah bewirtschafteter Wald artenreich sein kann. Oder davon, dass Natur ein dynamisches System ist, in dem nichts für immer Bestand hat – ein Gedanke, der mitten hinein in den heutigen Waldwandel trifft.

Diese Aha-Momente sollen erlebbar werden, übers Zuschauen und Zuhören: Kleine Videos und Längere Podcasts sind in Arbeit und möchten diese „Rothaarsteig-Waldräume“ für alle Interessierten öffnen. Vielleicht werden so manche Gäste den Weg mit anderen Augen sehen, wenn sie seine Geschichte(n) kennen. Denn wo Wissen wächst, wächst auch Verständnis.

Der Rothaarsteig in 25 Jahren

Wie wird er aussehen, der Rothaarsteig in 25 Jahren? Das wissen wir im Smarten Tourismuslabor auch noch nicht genau – und das ist in Ordnung so. Denn seine größte Stärke ist die Fähigkeit, sich zu wandeln, ohne sich zu verlieren. In dem Förderprojekt mit seinen ineinandergreifenden Schlüsselprojekten möchten wir den Grundstein für einen gelingenden Wandel legen. 

Es könnte so aussehen: Wahrscheinlich stehen in 25 Jahren dort wieder Wälder, wo heute noch kahle Flächen zu sehen sind – stabiler und vielfältiger. Wandernde werden Etappen erleben, die ihnen immer wieder Neues und Spannendes präsentieren und unterwegs an verschiedenen Lernorten einiges über Nachhaltigkeit in all ihren Facetten erfahren.

Die nächsten 25 beginnen jetzt. Mit jedem Schritt in die Zukunft will sich der „Weg der Sinne“ bei allem Wandel treu bleiben – als Weg, den man nicht nur geht, sondern fühlt.