Sauerländerin für den Bachmannpreis nominiert

Quelle: Boris Breuer

Text: Hermann-J. Hoffe                             Foto: Boris Breuer.

Lena Schätte gehört zu den bemerkenswertesten jungen Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Die 1993 in Lüdenscheid geborene Autorin lebt heute in Altena und hat sich mit ihrer eindringlichen, lebensnahen Erzählweise weit über die Region hinaus einen Namen gemacht. Jetzt wurde sie für den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis 2026 nominiert – eine Auszeichnung, die als einer der wichtigsten Wettbewerbe für deutschsprachige Literatur gilt.

Bevor sie hauptberuflich Schriftstellerin wurde, arbeitete Lena Schätte mehrere Jahre als Psychiatriekrankenschwester im Ruhrgebiet. Die Begegnungen mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen prägen bis heute ihre literarische Arbeit. 2020 begann sie ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, einer der renommiertesten Ausbildungsstätten für Schriftstellerinnen und Schriftsteller im deutschsprachigen Raum.

Menschen in schwierigen Lebenssituationen

Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte sie mit ihrem Roman Das Schwarz an den Händen meines Vaters. Das Buch erzählt von einer Kindheit mit einem alkoholkranken Vater und schildert eindrucksvoll die Auswirkungen von Sucht, Scham, Liebe und familiärem Zusammenhalt. Für ihre klare, schonungslose und zugleich empathische Sprache wurde die Autorin vielfach gelobt. Der Roman stand 2025 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Zu ihren wichtigsten Auszeichnungen zählen der W.-G.-Sebald-Literaturpreis, der Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen sowie die Ernennung zur Erfurter Stadtschreiberin 2026.

Für das Sauerland ist die Nominierung zum Bachmann-Preis ein besonderer Erfolg. Lena Schätte zeigt, dass große Literatur nicht nur in den kulturellen Zentren entsteht. Mit ihren Wurzeln im Sauerland und ihrer unverwechselbaren Stimme gehört sie zu einer Generation von Autorinnen, die den Blick auf gesellschaftliche Realität schärfen und dabei Geschichten erzählen, die lange nachwirken. Im Gespräch mit WOLL-Redakteur Hermann-J. Hoffe, kurz vor den heute Abend beginnenden Lesungen, gibt die Sauerländerin einen kleinen Einblick in ihre Gefühlswelt. Sie selbst trägt ihren neuen Text der Jury am Freitag um 10:00 Uhr vor. Live zu sehen auf 3SAT Mehr Infos hier: Bachmannpreis

Interview mit Lena Schätte vor dem Auftritt in Klagenfurt

50 Jahre Bachmannpreis und der 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann im Juni. 14 Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Literaturraum ringen oder besser lesen um den auf 30.000 Euro Preisgeld erhöhten Ingeborg-Bachmann-Preis. Darunter die Sauerländerin Lena Schätte aus Altena. WOLL hat mit der hoffnungsvollen Autorin vor dem Beginn der Lesungen gesprochen.

WOLL: Frau Schätte, Sie stammen aus Lüdenscheid im Saueland. Welche Spuren Ihrer Heimat finden sich in Ihrem Roman und generell in Ihrem Schreiben wieder – und gibt es etwas typisch Sauerländisches, das Sie als Autorin geprägt hat?

Lena Schätte: Die Spuren von Sauerland und Ruhrgebiet in meinen Texten sind wahrscheinlich nur kleine, figurale Spuren, die man aber sofort erkennt, wenn man selbst von dort kommt. Eine besondere Tonalität, etwas Handfestes, Verknapptes, das Raue und Herzliche, eine gewisse Resilienz, manchmal auch etwas Humorvolles. So, wie die Menschen zu Hause eben sind.

WOLL: Sie haben als Psychiatriekrankenschwester gearbeitet, bevor Sie den Weg an das Deutsche Literaturinstitut Leipzig eingeschlagen haben. Was haben Sie über Menschen gelernt, das heute in Ihren Texten weiterlebt?

Lena Schätte: Die Arbeit in der Pflege hat mir ermöglicht, über die Jahre viele O-Töne und Geschichten zu sammeln: darüber, wie Menschen leben, wie sie durch Krisen gehen, was Erkrankungen und Stigmatisierungen mit ihnen machen, wie sie einander begleiten oder einsam sind. Das hat meinem Schreiben sehr geholfen – mehr als jede theoretische Recherche. Gelernt habe ich dabei vor allem Ambivalenz und Empathie. Menschen tun Dinge aus Gründen; sie sind das Ergebnis ihres Gewordenseins.

WOLL: Ihr Roman „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ erzählt von Alkohol, Familie, Scham und Liebe. Warum sind gerade die unbequemen Geschichten oft die wichtigsten Geschichten?

Lena Schätte: Ich halte das für die große Superkraft der Literatur: dass sie uns in Räume lässt, uns Leben zeigt, die wir nicht selbst leben. Das kann schmerzhaft und unbequem sein und ohne Happy End auskommen. Aber vielleicht bewegt gerade das etwas in uns.

WOLL: Der Ingeborg-Bachmann-Preis gilt als einer der bedeutendsten Literaturwettbewerbe im deutschsprachigen Raum. Was bedeutet Ihnen die Nominierung persönlich – und was geht einer Autorin durch den Kopf, bevor sie einen unveröffentlichten Text vor Jury und Publikum liest?

Lena Schätte: Die Teilnahme war schon lange ein Wunsch von mir. Für mich ist das jedes Jahr wie für andere die WM oder Olympia. Und natürlich ist nun auch Aufregung dabei. Würde es einen nichts kosten, hier mit einem neuen Text anzutreten, wäre wohl alles belanglos.

WOLL: Viele junge Menschen glauben, dass große Literatur nur in Berlin, Hamburg oder Leipzig entsteht. Was würden Sie einem 16-jährigen Mädchen oder Jungen aus dem Sauerland sagen, der davon träumt, Schriftsteller oder Schriftstellerin zu werden?

Lena Schätte: Dem Schreiben ist es egal, ob es in Berlin-Mitte sitzt oder an der Lenne in Altena. Was es allerdings erleichtert, ist der Austausch mit anderen: gemeinsames Brüten über Texte, Vernetzung, Schreibfreundschaften. Um sich ernst genommen zu fühlen und über das Eigene hinauszuwachsen. Mein Rat wäre: lesen, lesen, lesen. Breit und quer durch alle Kategorien, aufmerksam, mit dem Bleistift in der Hand. Und Verbündete finden.

WOLL: Wenn Sie den Ingeborg-Bachmann-Preis gewinnen würden: Wem würden Sie als Erstes danken – und warum?

Lena Schätte: Thomas Strässle, der mich eingeladen hat. Und wahrscheinlich mir selbst.

Vorstellung von Lena Schätte: https://bachmannpreis.orf.at/stories/3354594