Sauerländer Taubenschwänzchen 

Sauerländer Taubenschwänzchen

Quelle: pioabay

„Ilse! Hasse das gesehen! Da ist grad ‘ne Maus vorbeigeflogen! Und die hatte verdammt komische Eltern!“ So oder so ähnlich hört sich vermutlich die Konversation an, wenn der geneigte Sauerländer abends beim Grillen, nach zwei, drei oder vier leckeren Hopfenkaltschalen das erste Mal ein Taubenschwänzchen vorbeifliegen sieht. Und so ganz unrecht hat er damit nicht. Denn so ganz normal sieht das Taubenschwänzchen nun mal nicht aus. Aber es gibt sie immer häufiger, auch bei uns im Sauerland. Um mal den ersten Punkt klarzustellen: Das Taubenschwänzchen ist weder Maus noch Taube noch Kolibri. Es ist ein Falter. Aber warum hat es so viele nicht-Falter-bezogene Namen? Und wo kommt es eigentlich her? Das Dingens kann ja wohl kaum ein Sauerländer Ureinwohner sein! Woll?!

Kommen wir erst einmal zur Namensklärung: Da das Taubenschwänzchen den Schwirrflug beherrscht, also sekundenlang wie ein Kolibri vor Blüten in der Luft schwebt, um seinen etwa drei Zentimeter langen Saugrüssel in die Blüte zu hängen, wird es von vielen zunächst für einen Kolibri gehalten. Dass es dabei Geräusche wie ein brummender Hubschrauber kurz vor dem Absturz macht, ist dabei völlig nebensächlich. Der Sauerländer kennt im Allgemeinen meistens keinen echten Kolibri. Daher ist es bei uns eher eine Maus. Oder eben eine Taube. Der Bezug auf die Tauben geht übrigens auf den Hinterleib des Falters zurück: Die geteilten Haarbüschel erinnern an die Schwanzfedern von Tauben. Um die Herkunft zu klären: Der etwas pelzige Falter ist tatsächlich aus Südeuropa eingewandert. Gerüchteweise geht ein Großteil der Tiere auch im Herbst wieder zurück, um im Warmen zu überwintern, ganz im Stile der Zugvögel. Offiziell ist es ein „Wanderfalter“. Dass dieser auch ins Sauerland kommt, um dort den Sommer zu verbringen, zeigt, dass die Tierchen einen hervorragenden Geschmack und echten Sinn für guten Lebensstil haben.

Taubenschwänzchen haben ein Vielzahl merkwürdiger, aber bei näherer Betrachtung doch sinnvoller und fast sauerländischer Verhaltensweisen. So übernachten sie zum Beispiel häufig gemeinsam, sie bilden am Abend große Schlafgemeinschaften in von der Sonne angewärmten Felswänden. Und scheinbar denken die Tiere recht praktisch, denn dort wird nicht nur gemeinsam übernachtet, das Ganze dient auch gleichzeitig der Partnersuche. So macht das ja auch der Sauerländer bei den ersten Zeltlagern und später dann periodisch wiederkehrend auch beim Schützenfest.

Eigentlich endete diese Kolumne immer mit einem Rezeptvorschlag. So ein Taubenschwänzchen zu verzehren, erscheint aber wenig sinnvoll und macht auch eventuelle Gäste nicht satt. Denn wenn auf dem Grill erst der Pelz abgebrannt ist, bleibt nur wenig dröger Falter übrig. Aber man könnte das ganze ja listig überdenken. Immerhin sieht der kleine Schmetterling aus wie eine fliegende Maus. Und mit der könnte man Katzen fangen. Haben Sie sich jemals gefragt, warum bei den geschlachteten Kaninchen, die sie im Geschäft kaufen können, der Kopf dran bleibt? Falls ja, erkennen Sie den listigen Plan. Falls nicht, googeln Sie mal, der Suchbegriff „Dachhase“ reicht. Ich vermute, statt Taubenschwänzchen bieten Sie Ihren Gästen bald eher edlen Kaninchen-Braten!