Quelle: Privat
Ein Westfelder berichtet von Kindheit, Kriegsjahren und Begegnungen, die ihn bis heute nicht loslassen.
Als Gerhard Voss (93) eingeschult wurde, begann gerade der Krieg. Vieles aus dieser Zeit hat sich in sein Gedächtnis eingeprägt – so deutlich, dass er immer wieder davon erzählt und noch immer geht es ihm nahe. Ihm ist wichtig, dass die Geschichten nicht verloren gehen. Voss ist auf einem landwirtschaftlichen Hof in Westfeld aufgewachsen, wo er immer noch lebt. Dort begegnete er Menschen, nicht nur Sauerländern, sondern auch solchen aus ganz verschiedenen Ländern, die als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden: Ukrainer, Russen, Franzosen. Ein Teil seines Alltags waren Regeln und Verbote, die von der dörflichen Wirklichkeit oft überholt wurden. „Wir saßen zusammen am Tisch, obwohl das eigentlich nicht erlaubt war“, sagt er.
Die Suche nach dem abgestürzten Piloten
Besonders präsent ist ihm ein Ereignis aus dem Jahr, in dem ein englischer Pilot über den Wäldern zwischen Westfeld und Oberkirchen abstürzte und als Einziger seiner Besatzung überlebte. Voss war damals zehn Jahre alt, als die Kinder des Dorfes beauftragt wurden, das Wrack zu suchen. „Wir sollten die Leichen finden. Das war grausam. Wir waren ja noch Kinder“, sagt er rückblickend. Die Mädchen hätten geweint und sich an einen Polizisten geklammert.
Auf ihrem Weg fanden die Kinder einen Fallschirm. „Wir wussten ja, dass es etwas Wertvolles war. Wir schleppten ihn durch den Schnee nach Hause.“ Ein Pfiff schreckte sie auf, sie ließen den Fallschirm fallen und rannten davon. Später erfuhren sie, dass ein Nachbar ihn mitgenommen hatte. Aus dem Stoff ließ er vier Blusen für seine Töchter nähen. „Das gab in Oberkirchen Aufsehen“.
Der überlebende Pilot, John Cleary, wurde nach dem Absturz ins Mescheder Lazarett gebracht und später Kriegsgefangener. Ein Polizist hatte dem Vater von Gerhard Voss damals Clearys persönliche Gegenstände – eine Trillerpfeife und einen Kompass – überlassen. „Der stirbt ja doch“, soll er gesagt haben. Doch Cleary überlebte.
54 Jahre später gab Voss ihm die Gegenstände zurück. Cleary besuchte das Sauerland, um sich dort unter anderem mit dem deutschen Piloten Röcker zu treffen, der ihn damals in besagter Nacht abgeschossen hatte. Gemeinsam mit ihnen besuchte Gerhard Voss die Absturzstelle. Cleary schrieb später: „Es hat mir damals große Freude gemacht, die Leute wiederzusehen, die mir aus der Not geholfen hatten.“
Zwangsarbeiter und dörflicher Alltag im Krieg
Die Erinnerungen an die Zwangsarbeiter auf dem Hof gehören für Voss zu den prägendsten Erfahrungen. „Als erste kam eine junge Ukrainerin. Sie war in der Nacht verhaftet worden, nachdem sie ihre drei Kinder ins Bett gebracht hatte. Sie hat sie nie wiedergesehen“, erzählt der 93-Jährige mit Tränen in den Augen. Nach vier Tagen Fahrt im Waggon kam sie in Westfeld an. „Sie sah schlimm aus.“ Sie blieb bis Kriegsende. Ein weiterer Zwangsarbeiter war der 15-jährige Mitka. Er lebte ein Jahr bei der Familie, bevor er in der Industrie arbeiten musste. Im Winter 1942 stand er plötzlich wieder am Hof – abgemagert, geschlagen, sein Gesicht schlimm zugerichtet. Wie er den Weg zurück geschafft hatte, ist unklar. „Er wollte meine Oma sehen, seine ‚Mama‘. Aber die war einen Tag vorher gestorben.“ Der Junge habe lange vor dem Leichnam gestanden und immer wieder „Meine Mama“ gesagt.
Auch andere Erlebnisse aus dem Dorf sind Voss deutlich geblieben. Vier junge Männer aus der Nachbarschaft warteten damals voller Erwartung auf ihre Einberufung. „Keiner hat das Heimatdorf wiedergesehen“, sagt er.
Die Angst im Dorf nahm zu, als im Arbeitsdienstlager in Winkhausen über 600 Männer untergebracht waren. „Nachts zogen sie teils bewaffnet durch die Dörfer. Wir hatten Angst.“ Der Nachbar läutete jedes Mal die Glocke, wenn wieder etwas vorgefallen war. Außerdem erinnert sich Voss an den jüdischen Nachbarn Emil Friedrichs, der bei einem Onkel auf dem Heuboden versteckt wurde. Aus Auschwitz war eine Warnung gekommen: „Versteckt euch, ihr seid die Nächsten.“
Spätere Brüche und ein Blick zurück
Nach dem Krieg folgte ein Leben, das Voss vor allem durch die Landwirtschaft prägte. Später waren es andere Ereignisse, die das Sauerland erschütterten: Orkan Kyrill, der große Teile des Waldes zerstörte, und der anschließende Borkenkäferbefall. „Unser Wald war nur noch ein Gerippe“, sagt er. Viele Sägewerke hatten kein Holz mehr. Trotz seines Alters sind die Bilder seiner Kindheit für Gerhard Voss bis heute klar. Seine Tochter sagt: „Die Erinnerungen sind oft schwer, aber sie gehören zu seiner Geschichte.“ Und sie erzählt sie gemeinsam mit ihm weiter, damit sie nicht
verloren gehen.



