Sauerländer Hornissen 

Sauerländer Hornissen

Quelle: WOLL-Verlag

„Ahhhhh!! Eine Hornisse! Bring die Kinder ins Haus! Versteck die Katze! Schließ alle Türen und Fenster! Hol den Flammenwerfer!“ So, oder so ähnlich, habe ich die erste Begegnung mit einer Hornisse in meiner Kindheit in Erinnerung. (Menschen, die mich kennen, wissen um meinen latenten Hang zu Übertreibungen.) Fakt ist, nicht nur die Hornisse damals hat einen Riesenlärm gemacht, denn sie klang wie ein abstürzender Hubschrauber, auch alle Menschen um mich herum sind in direkten Panikmodus gewechselt. Ich war zwar damals noch ein Kind, hatte da aber schon Erfahrung mit sowohl Bienen- als auch Wespenstichen gemacht, und ich dachte nur: „Oha, wenn das Biest so groß und so laut ist, und letztes Jahr der Wespenstich schon weh getan hat, dann werde ich das nicht überleben, wenn mich dieses Biest sticht.“

Zum Glück haben wir alle viel gelernt. Heute wissen wir vor allen Dingen eins: Hornissen stehen unter Naturschutz. Es ist weder erlaubt, sie mit dem Flammenwerfer zu erledigen, noch ihr Nest zu entfernen, geschweige denn, sie für ein unverfängliches, mit viel Honig bezahltes Fotoshooting einzufangen. (Daher an dieser Stelle statt eigener Fotografie ein Stockfoto.) Und vor allen Dingen haben wir gelernt, dass Hornissen viel harmloser sind als ihr Ruf. Die gemeine europäische Hornisse ist zwar im Vergleich zu heimischen Bienen und Wespen eher ein Schwerkaliber, aber sie ist in den meisten Fällen überhaupt nicht aggressiv. Lediglich in direkter Nähe des Nestes, also in zwei bis drei Metern Entfernung, kann es sein, dass sie sich und ihre Nachkommen verteidigen möchte. Trotz der beachtlichen Größe von bis zu vier Zentimetern Länge sind die Tiere friedfertiger als beispielsweise Wespen, da es auch viel weniger Begegnungen zwischen Mensch und Insekt gibt. Zum Beispiel stehen weder Kuchen, Eis noch Deftiges auf dem Speiseplan der Hornissen, sie kommen also nicht uneingeladen im Sommer zur Grillparty. Auf dem Speiseplan stehen aber beispielsweise Wespen. Ein gut entwickeltes Hornissenvolk mit bis zu 600 Tieren vertilgt pro Tag bis zu ein halbes Kilogramm Insekten! Sie sehen: Die Hornisse hat zweifach positiven Einfluss auf unsere lauen Sommerabende – sie stört nicht unsere Grillparty und vertilgt auch noch die potentielle Störenfriede. Gut, wenn man ein paar Hornissen in der Nähe hat, die sich um die ungebetenen Gäste kümmern!

Sollte eine Hornisse sich dennoch einmal bedrängt fühlen und zustechen, ist der Stich nicht viel schmerzhafter als der einer Biene, und auch das Gift ist nicht stärker. Nur etwa zwei Prozent aller Menschen reagieren allergisch auf Hornissengift, wobei sich eine Allergie auch erst nach einem erneuten Stich entwickeln kann. Und da das so unwahrscheinlich ist, wie ein Lottogewinn – ein Schelm, wer Böses dabei denkt –, nehmen wir einfach gegenseitig Rücksicht und freuen uns daran, ein solches Tierchen gesehen zu haben. Denn in einem Punkt können wir uns sicher sein, Hornissen erleben nur einen Sommer – im Herbst stirbt die komplette Kolonie.

Eine Sache, die damals erschreckend war, gilt leider nach wie vor: Die Tiere hören sich immer noch an wie abstürzende Hubschrauber. Kürzlich durfte ich das Geräusch wieder hören, während des Duschens, in der Dusche. Ich habe dem Tierchen dann freundlich und mit sehr langsamen Bewegungen die Dusche überlassen. Wer sein Image so positiv vom grausamen Killer zum großen Insektenkumpel weiterentwickelt hat, den sollte man ja nicht für sein Entspannungsbad warten lassen! Da räume ich dann doch freiwillig das Feld!