Quelle: Familie Ünver
Als Vater Hayrettin Ünver (51) und Mutter Füsun Ünver (46) im Frühjahr 2019 in Schmallenberg ankommen, ahnt niemand, welch weiten Weg sie hinter sich haben. In einem offenen Gespräch für das WOLL-Magazin erzählen sie von ihrer Flucht aus der Türkei, der Suche nach Heimat und ihrem Alltag in unserer Stadt.
Geboren und aufgewachsen in der Türkei, führte die politische Lage die Ünvers nach 2016 unweigerlich aus der Türkei. Hayrettin, einst Schulleiter an einer internationalen Schule, hatte sich mit der Gülen-Bewegung verbunden, die der türkische Ministerpräsident Erdoğan als „Terrororganisation“ brandmarkte.
„Für Präsident Erdoğan war ich, der sich nur mit einem Stift in der Hand der Bildung und Erziehung von Kindern widmete, nun wie viele andere ein Verbrecher und Terrorist geworden.“
(Hayrettin Ünver)
Schon 2013 spürten sie: „Das Leben wird uns zu eng“. Einschreibungen an den Schulen, an denen Hayrettin Ünver unterrichtete, brachen weg, Freunde wurden verhaftet, Geschwister gingen ins Exil. Viele Jahre lang arbeiteten sie an Schulen in verschiedenen Ländern wie Aserbaidschan oder Äqypten. Doch als der Druck zunahm und ihre Pässe abliefen, traf Hayrettin eine Entscheidung: „Ich muss die Türkei verlassen.“
Stationen bis Schmallenberg
Der erste Plan: Kanada. Dann folgte der Umstieg auf Deutschland. Bei einer Übersiedlung nach Kanada gab es zu viele Unwägbarkeiten bei der Familienzusammenführung. Im April 2018 landete Hayrettin mit einem Einreisevisum in Köln. Er sprach weder Deutsch noch kannte er jemanden. Was er mitbrachte: Hoffnung. Fast ein Jahr lang lebte er gemeinsam mit anderen Geflüchteten im Asylbewerberheim „Am Donscheid“ in Bad Fredeburg.
„Ich dachte mir: Warum bin ich hier? Ich war Schulleiter und jetzt sitze ich in einem fremden Heim.
(Hayrettin Ünver)
Ende 2019 folgte die Familie. Füsun und die Kinder, die 23-jährige Sebnem und die 20-jährige Beyza sowie der 15-jährige Muhammed Emin. Sie durchliefen das ohnehin angespannte Flüchtlings- und Asylverfahren. Dank ehrenamtlicher Helfer, darunter der Bad Fredeburgerin Michaele Hesse und anderen Bekannten, fanden die Ünvers schnell Anschluss in ihrem neuen Wohnort. Die beiden Töchter, Sebnem und Beyza leben nicht in Schmallenberg, sondern an ihren jeweiligen Studienorten. Beide studieren im Bereich Sozialwissenschaften bzw. Soziale Arbeit.
Integration durch Engagement
Nicht lange nach der Ankunft begann Hayrettin, sich ehrenamtlich im örtlichen Caritas-Team zu engagieren.
Neben Deutsch-Kursen absolvierte er auch einen Bundesfreiwilligendienst in der Tagespflege und übernahm schließlich eine Stelle als Sprachförderer an der Grundschule Oberkirchen und Schmallenberg.
„Ich wollte nicht im Heim bleiben, ich wollte helfen – und habe auch heute wieder alte Menschen begleitet: Das ist sehr, sehr wichtig.“
(Hayrettin Ünver)
Füsun fand in der örtlichen Frauen-Arbeitsgruppe der Kirchengemeinde ihre erste Anlaufstelle. Sie übersetzte Elternbriefe, half bei Behördengängen und bot Nachhilfe an. Unterstützt von Michaele Hesse, die sie beim Ausfüllen von Formularen und beim Deutschlernen begleitete, absolvierten beide Eltern 2022 erfolgreich den B2-Deutschkurs. Im Februar 2024 erhielten sie aus den Händen von Landrat Dr. Schneider die deutsche Staatsbürgerschaft.
Unterstützt von Michaele Hesse, die sie beim Ausfüllen von Formularen und beim Deutschlernen begleitete, absolvierten beide Eltern 2022 erfolgreich den B2-Deutschkurs. Im Februar 2024 erhielten sie aus den Händen von Landrat Dr. Schneider die deutsche Staatsbürgerschaft.
Alltag in Schmallenberg
Heute ist die Familie Ünver in Bad Fredeburg verwurzelt. Hayrettin geht jeden Morgen seiner Arbeit an zwei Schulen nach. Ihr Sohn Muhammed Emin besucht die Schule in Schmallenberg. Füsun arbeitet mittlerweile auf Minijob-Basis in der OGS der Grundschule in Bad Fredeburg, wo sie zunächst ehrenamtlich angefangen hatte. Die Familie engagiert sich ehrenamtlich in städtischen Organisationen in Bad Fredeburg und Schmallenberg.
„Wir leben hier unter einem Dach. Türken, Deutsche, alle sind Menschen. Jeder hat sein Zimmer, aber wir teilen ein Haus.“
(Hayrettin Ünver)
Zusammen mit ihren Freunden, die mit ihnen aus der Türkei gekommen sind, und ihren deutschen Freunden organisieren sie interreligiöse Iftar-Veranstaltungen und laden ihre Nachbarn während des Ramadan zum Iftar in ihrem Zuhause ein.
„Fastenbrechen ist bei uns kein Geheimnis. Wir sitzen zusammen, sprechen deutsch und türkisch, und alle sind willkommen.“
(Füsun Ünver)
Perspektiven und Wünsche
Trotz aller Hürden sprechen beide Eltern von ihrem Traum, in Deutschland zu bleiben: „Unsere Kinder sollen hier dieselben Chancen haben, die wir früher hatten“, sagt Vater Hayrettin. Seine Frau ergänzt: „Das Deutsche und das Türkische gehört zusammen, es verbindet Familien im Sauerland.“ Hayrettin plant, künftig lokale Sprach-Cafés anzubieten; Füsun will einen Mütter-Sprachtreff gründen. Michaele Hesse ergänzt: „Die Ünvers sind ein Vorbild für gelungene Integration.“
Die Ünvers haben in Schmallenberg ein Zuhause gefunden. Sie gestalten aktiv mit, bauen Brücken zwischen Kulturen und beweisen: Ankommen ist mehr als Eintreten, es ist Mitgestalten. Die WOLL-Redaktion freut sich auf die nächsten Kapitel dieser beeindruckenden Familiengeschichte Ünver.



