„Mit zwei Koffern ins Glück“

Hedwig Nollberg

Quelle: Lena Tomm

Die Lebensreise der Hedwig Nollberg

Von Halbstadt, heute Molotschansk in der Ukraine, nach Dorlar. Das Leben von Hedwig Nollberg spannt einen weiten Bogen durch europäische Geschichte. Heute, mit 94 Jahren, erinnert sie sich im Gespräch mit WOLL an die Stationen, die sie zur Dorlarerin machten: Flucht, Neuanfang, Aufstieg und die Stürme des Lebens.

Hedwig Nollberg wird am 11. Februar 1931 in Halbstadt (Kreis Zaporozhje) geboren, einer deutschsprachigen Siedlung im heutigen Südosten der Ukraine. Ihre Vorfahren stammen mütterlicherseits aus der Region um Stuttgart, väterlicherseits aus Sachsen. „Meine Großeltern durften damals noch Deutsch sprechen“, erzählt sie, „ich aber lernte nur Russisch. Stalin hatte die deutsche Sprache verboten.“

„Ich habe hier in Deutschland erst wieder Deutsch gelernt.“

Kindheit und Flucht

Im Kriegsjahr 1943/44 erreichen die Rückzugsfronten im damaligen Russland auch Halbstadt. Feldpostbefehle künden den Familien an: „Wenn Sie mitwollen, heim ins Reich, müssen sie um vier Uhr am Bahnhof sein.“ Mit zwölf Jahren folgt das junge Mädchen ihren Eltern nach Polen. Nach Beendigung des Krieges findet die Familie Platz in einem Flüchtlingslager bei Helmstedt. Dort trifft die geborene Hedwig Hahn auf ihren späteren Mann Toni Nollberg. 1951 heiraten die beiden Flüchtlingskinder.

Neuanfang in Dorlar

1955 siedeln die Nollbergs nach Dorlar um. Ein Freund hatte sie gefragt, ob sie die Führung einer kleinen Strumpffabrik übernehmen wollen. Mit zwei Koffern und großen Träumen machten sie sich auf die Reise ins Sauerland. Hier geben sie zunächst an, dass sie aus Schlesien stammen.

In einem Nebengebäude der Betonfabrik Pieper übernahmen die Nollbergs die insolvente Strumpffabrik Steucken und produzierten Tag und Nacht Strumpfwaren. Der Bedarf war groß und die strengen Entbehrungen und Fluchtjahre verwandelten sich in Handwerk, Unternehmergeist und lokale Wertschöpfung. Aus bautechnischen Gründen wird nach einiger Zeit die Produktion in den angemieteten Räumen beendet. Der Dorlarer Gastwirt Franz Pieper verkauft ein 2.500 Quadratmeter großes Grundstück an Familie Nolberg, nachdem sich die katholische Kirche ge- weigert hatte, an die „Evangelischen“ ein Grundstück zu verkaufen. Auf dem gekauften Grundstück am Ortsausgang von Dorlar baute die junge Unternehmerfamilie eine geräumige Produktionshalle und ein Wohnhaus.

„Erst als uns Fabrik und Haus gehörten, haben wir erzählt, dass wir aus Russland, bzw. Ukraine kommen.“

Höhenflug und Krise

In den 1970er Jahren boomt die Textilbranche. Doch der langsame Rückgang der heimischen Textilindustrie nagt auch an der Nollberg-Fabrik. 1976 stirbt Toni Nollberg mit nur 51 Jahren. Ein Schicksalsschlag nach Jahren harter Arbeit und geschaffenen Rücklagen für die Familie.

Trotz Trauer hält Hedwig Nollberg, zusammen mit Schwiegersohn Hermann-Josef Düking und Tochter Rita, das Unternehmen bis 2019 am Laufen und erlebt selbst mit 88 Jahren noch den Alltag in der Fabrik.

Generationen im Aufbruch

Heute gilt ihre Aufmerksamkeit vor allem den drei Enkelkindern: einer Volkswirtin, einer Doktorin der Biologie und einer Professorin der Sportwissenschaften.

„Jetzt haben die Kinder Feierabend und Urlaub – das kannten wir nie.“

Hedwig Nollberg ist froh und stolz, dass ihr Lebenswerk den Nachkommen die freie Berufswahl ermöglichte und sie alle Bildungschancen nutzen konnten, die sie selbst als sogenannte Russlanddeutsche zunächst nicht hatten.

Zwischen Erinnern und Abschied

Hedwig NollbergQuelle: Lena Tomm

2012 bekommt Hedwig Nollberg im Rahmen einer Spendenübergabe wertvoller Medikamente an ein Krankenhaus in Kiew die Möglichkeit, die Stadt ihrer Kindheit, Halbstadt im Süden der Ukraine, zu besuchen. Sie erlebt eine Zeitreise in die Vergangenheit und erkennt:

„Mein Halberstadt war zerstört. Da will ich nicht mehr hin.“

Seither fühlt sie sich in Dorlar heimisch: Die deutschen Wurzeln sind lebendig, die russische Kindheit verwebt mit Sauerländer Bodenständigkeit. Zwischen den Sprachen, Kulturen und Zeiten spannt sich ihr Lebensbogen: von der sowjetischen Enklave über Flüchtlingslager bis zum eigenen Fabrikbau. Heute blickt Hedwig Nollberg mit Dankbarkeit und ein bisschen Stolz auf ihr ereignisreiches Leben zurück und erwähnt, wie sehr Dorlar sie aufgenommen hat.

Die 94-jährige Hedwig Nollberg steht für eine Generation, die Weltgeschichte hautnah erlebt hat. Ihre Geschichte von Flucht, Aufbau und Überleben ist gelebte Historie, ein Zeugnis dafür, wie Menschen in der Fremde Wurzeln schlagen und Gemeinschaft gestalten.