Marsberger Fachgespräche: Schulabsentismus verstehen

Quelle: Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)

Privatdozent Dr. Manuel Föcker, Chefarzt der Gütersloher Kinder- und Jugendpsychiatrie im Füchtei der LWL-Universitätsklinik Hamm der Ruhr-Universität Bochum, referierte zum Thema „Schulabsentismus.“ Er betonte: „Kinder und Jugendliche, die der Schule aus was für Gründen auch immer fernbleiben, haben ein erhöhtes Risiko für geringere Bildungsabschlüsse und abgebrochene Bildungskarrieren. Kinder und Jugendliche mit psychischen Belastungen sind dabei besonders gefährdet.“

Generell sei es wichtig zu unterscheiden, ob es sich um das klassische „Schule schwänzen“ ohne Wissen der Eltern handle oder um Schulverweigerung mit Wissen der Eltern. „Mit der Schulverweigerung gehen auch oft körperliche Symptome einher wie Schwindel oder Erbrechen“, so der Experte. „Das Kind kann die Trennung von den Eltern als bedrohlich empfinden. Auf der anderen Seite kontrolliert das Kind die Eltern. Deswegen sind systemische Zugänge, die das Kind, Eltern, Schule und die Peergroup mit einbeziehen so wichtig.“ Die Kontrolle über die Fehlzeiten habe absolute Priorität, um schnell und rechtzeitig eingreifen zu können. „In den Erstgesprächen ist es immer wichtig zu erfahren, wer die Motivation hat, etwas zu verändern. Die Eltern, das Kind oder vielleicht schon das Amt. Es gibt Fälle in denen ein Kind vier oder fünf Jahre nicht mehr in der Schule gewesen ist.“ Interessant sei dabei die Beschäftigung während der Fehlzeiten. „In einem Fall hatten wir einen Jungen, der die Fehlzeiten am Smartphone verbrachte. Klare Regeln sorgten dafür, dass er wieder zur Schule gegangen ist.“

Es gehe darum, die konkreten Motive hinter Symptomen wie Angst oder Übelkeit zu verstehen. Eine ausführliche Fallkonzeption und Verhaltensanalyse seien essenziell. „Die Kommunikation zwischen Eltern, Schule und Behandlern müsse enge Kontrollen und zeitnahe Reaktionen aufweisen. Regeln, klare Strukturen und Konsequenzen sind wichtig. Eine kognitive Verhaltenstherapie, Selbstwertförderung und Familienberatung tragen zum Gelingen bei“, so Föcker. „Hilfreich sind Elterngruppen und auch das Einbeziehen von Klassenkameraden.“ Er berichtete von einer Gütersloher Schule, in der Schülerinnen und Schüler selber auf die Idee gekommen sind, einen Raum für Schüler einzurichten, die sich einsam fühlen. „Oft sind es nicht die großen Dinge, sondern viele kleine, die dabei helfen, das Phänomen ´Schulabsentismus` die Schranken zu weisen.

Anke Blank, Ärztliche Direktorin des LWL-Klinikums Marsberg und Chefärztin der LWL-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Privatdozent Dr. Robert Waltereit, Chefarzt der LWL-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, laden zu den Marsberger Fachgesprächen ein. Ein Thema aus der Psychiatrie oder Kinder- und Jugendpsychiatrie steht dabei im Fokus und wird in einem Vortrag näher erläutert. Die Veranstaltungsreihe richtet sich an Fachpublikum und Interessierte.