Landrat Thomas Grosche Hochsauerlandkreis:

Landrat Thomas Grosche Hochsauerlandkreis

„Das Sauerland ist eine lebens- und liebenswerte Region“

Seit dem 1. November ist Thomas Grosche im Amt als Landrat des Hochsauerlandkreises. Er kennt sich dort aus. Von 1993 bis 1997 absolvierte er im Kreishaus seine berufliche Ausbildung, arbeitete dort ein Jahr und wechselte dann zur Stadtverwaltung Winterberg. Von 2009 bis zum 31. Oktober dieses Jahres war Grosche Bürgermeister der Hansestadt Medebach.

Das WOLL-Magazin hat ein Interview mit dem neuen Landrat geführt. Der 1972 geborene und in Medebach-Küstelberg ansässige Thomas Grosche spricht über seine Prioritäten, Probleme und Herausforderungen für die nächsten fünf Jahre.


WOLL: Sie hatten bei dieser Wahl zwei Drittel der Stimmen. Sind Sie zufrieden mit diesem Wahlergebnis?
Der Landrat: Ich bin sehr zufrieden, weil es gerade bei einem Neuanfang, wenn man keinen Amtsbonus hat, wichtig ist, die Menschen zu überzeugen. Ich wollte die Wahl gewinnen. Über 60 Prozent ist ein Traumergebnis und darum bin ich sehr, sehr zufrieden. Aber ich weiß auch, dass es ein Vertrauensvorschuss der Wählerinnen und Wähler des Hochsauerlandkreises ist, den ich jetzt ab dem ersten Tag erfüllen möchte.

Weiterentwicklung HSK

WOLL: Ihr Vorgänger, Dr. Karl Schneider, hat mal in einem Interview gesagt: „Ich bin kein Verwalter, aber ein Gestalter.“ Wie sehen Sie Ihre Rolle für die kommenden fünf Jahre und haben Sie auch schon ein Leitmotiv?
Der Landrat: Sein Leitmotiv kann ich unterschreiben und tatsächlich fortführen. Es ist auch mein Anspruch, dass wir uns mit der Fortentwicklung und Zukunftsfähigkeit des Hochsauerlandkreises beschäftigen und uns nicht als hoheitliche Verwaltungsbehörde verstehen. Natürlich haben wir gesetzliche Vorgaben und Aufgaben zu erfüllen. Das ist in der Natur der Sache angelegt. Aber die Frage ist auch, welche zusätzlichen Punkte es gibt, die man sich auf die Fahne schreiben kann.
Bei mir ist das der große Bereich der Verwaltungsmodernisierung und Digitalisierung, wo wir in den heutigen Zeiten große Entwicklungspotenziale haben. Die Frage des Einsatzes von künstlicher Intelligenz in der öffentlichen Verwaltung ist ein wichtiger Punkt. Wir haben an der Stelle eine Aufgabe vor uns. Dabei müssen wir selbstverständlich unsere emotionale Intelligenz nicht vernachlässigen, weil wir für unsere Bürgerinnen und Bürger  arbeiten. Aus meiner Sicht ist es eine große Chance, durch künstliche Intelligenz effizienter, schneller und bürgerfreundlicher zu werden. Aber wir machen es für die Menschen, und ein großer Fehler wäre, künstliche Intelligenz einfach unreflektiert einzusetzen. Künstliche Intelligenz kann ein gutes Hilfsmittel sein, wobei wir uns genau anschauen müssen, was aus diesem Prozess herauskommt. Und dabei müssen wir in verschiedenen Prozessen eben auch unsere menschliche und emotionale Intelligenz einbringen. Wenn ich das geschickt zusammenführe, bin ich überzeugt davon, dass die künstliche Intelligenz ein Hilfsmittel ist, das uns wirklich weiterhilft.

WOLL-Magazin im Gespräch mit dem neuen Landrat Thomas Grosche.


Als Vater von vier Kindern liegt mir der Bereich Jugend, Bildung und Familie sehr am Herzen. Und das passt sehr gut in die Strategie, die wir uns vorgenommen haben: 100 Millionen Euro für 100 Prozent gute Bildung. An den Schulen, die uns als Hochsauerlandkreis in der Schulträgerschaft gehören – die Berufskollegs und die Förderschulen – haben wir große Investitionen vor, um eine gute Lern- und Bildungslandschaft zu schaffen. Die größte Investition ist jetzt das Berufskolleg Meschede plus die Rettungsdienstschule, wo wir eine Investitionssumme von geschätzt rund 75 bis 77 Millionen Euro beschlossen haben.

WOLL: Das Sauerland ist geprägt von starken Gemeinden, engagierten Menschen und besonderen Lebensqualitäten. Wo sehen Sie die großen Chancen und Herausforderungen für unsere Region? Wie wichtig ist für Sie die schwarze Null, wenn es um die Finanzen geht?
Der Landrat: Wir haben Industrie, Handwerk, Handel, Dienstleistungen, Land- und Forstwirtschaft und Tourismus – also wirklich eine große Bandbreite. Und gleichzeitig gibt es die Punkte der hohen Lebensqualität. Wir haben Erholungsräume direkt vor der Haustür, eine intakte Natur- und Kulturlandschaft und ein großartiges Ehrenamt, das den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Vereinen, Organisationen, Institutionen wirklich stark trägt und auf das man sich verlassen kann. Hier im HSK zählt das Wort, in den Städten und Gemeinden sind die Strukturen noch in Ordnung.
Die größte Herausforderung ist in der heutigen Zeit der demografische Wandel. Wir müssen schauen, wie sich unsere Bevölkerungsstruktur entwickelt. Dabei spreche ich nicht nur von der Anzahl, sondern auch von der Verschiebung innerhalb der Alterspyramide, die übrigens schon lange keine Pyramide mehr ist.


Auch wegen der Situation der Zuwanderung müssen wir schauen, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt. Wichtig ist diesbezüglich: Wie schaffen wir es zu integrieren, wie schaffen wir es zu inkludieren?
Und es stimmt, dass die Bundesrepublik schon drei Jahre in Folge in einer Rezession ist. Dadurch sind die Kommunalfinanzen unter Druck – ebenfalls eine Herausforderung.

Intergenerative Gerechtigkeit

WOLL: Was bedeutet das für die schwarze Null?
Der Landrat:
Wie bekommen wir die Aufgaben, die uns gesetzlich vorgeschrieben sind und die wir freiwillig machen wollen, umgesetzt? Und dazu die schwarze Null. Ich bin ein großer Freund von solider Haushaltsführung und intergenerativer Gerechtigkeit. Gerade für Wahlbeamte ist es geboten, mit großem Augenmaß heranzugehen. Und das aus zwei Gründen. Erstens: Wir reden immer über Steuermittel. Damit müssen wir sowieso dreimal sorgsamer umgehen als mit dem eigenen Geld. Und zweitens haben wir diese intergenerative Verpflichtung, dass wir nicht auf Kosten der zukünftigen Generationen das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster werfen. Es ist immer einfacher zu sagen, dass man alles realisieren will, statt Prioritäten zu setzen.
Deshalb finde ich es wichtig, an der Stelle verantwortungsvoll damit umzugehen und nachfolgenden Generationen in Politik und Gesellschaft keine finanziellen Scherben zu hinterlassen. Aber es ist auch wichtig, Investitionen zu tätigen, um die Zukunftsfähigkeit der Region zu erhalten. Und da muss man wirklich schauen: Ich kann Belastungen für nachfolgende Generationen entweder auf dem Konto haben, oder ich kann sie in maroder Infrastruktur haben. Es hilft einer zukünftigen Generation nichts, wenn der Haushalt keine hohe Verschuldung ausweist, dafür aber alle Straßen und Gebäude einen Sanierungsstau haben, der in die Millionen geht. Insoweit ist es wichtig, mit Augenmaß die Waage zu halten zwischen Investitionen und intergenerativer Gerechtigkeit. Da wird uns sehr helfen, was im Moment an Infrastruktur-Milliarden an die Städte und Gemeinden ausgekehrt wird.

Wirtschaftsförderung

WOLL: Wie wollen Sie die heimischen Unternehmen in Zeiten von Fachkräftemangel unterstützen?
Der Landrat:
Vor der Wahl habe ich viele Gespräche mit Unternehmen geführt, denn die Wirtschaftsförderung ist eines meiner Top-Themen neben Verwaltungsmodernisierung, Digitalisierung, Jugend, Familie, Bildung und einer soliden Haushaltsführung.
Wir wollen mit den Unternehmerinnen und Unternehmern im ständigen Austausch sein. Nur wenn man in einer guten Kommunikation ist, kann man Probleme erkennen und wissen, was von uns erwartet und gewünscht wird. Wir sind im Moment dabei, durch eine leichte Umstrukturierung in der Organisationsstruktur unsere Wirtschaftsförderungsgesellschaft so aufzustellen, dass sich der Geschäftsführer intensiver um das Thema Wirtschaftsförderung kümmern kann.
Das Thema Fachkräftemangel können wir hier vor Ort mit beeinflussen. Mit unserem Regionalmarketing präsentieren wir die Region interessant nach außen. Und es gibt verschiedene Projekte wie Heimvorteil oder ähnliche Fachkräfte-Akquiseprogramme, bei denen wir an der Seite der Unternehmen zeigen, was die Stärken des Hochsauerlandkreises sind.

WOLL: Was bedeuten für den Landrat Heimat, Sauerland und Sauerländer Lebensart?
Der Landrat:
Heimat bedeutet für mich ein Gefühl, das sich mit vielen Orten, Menschen und Momenten verbindet. Das sind Begegnungen, besondere Momente, aber auch Orte und Menschen, die ich hier kennenlernen durfte – durch meine Tätigkeit als Medebacher Bürgermeister, aber auch Freundschaften, die ich seit Kindesbeinen an habe.
Und das Sauerland ist für mich eine lebens- und liebenswerte Region, die alles bietet, was man zum Glücklichsein braucht. Und der Punkt: Was ist die Sauerländer Lebensart? Das ist die Mischung aus Bodenständigkeit, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, aber auch gepaart mit einer Prise Humor und Lebensfreude, die sich insbesondere auf unseren vielen schönen Festen ausleben lässt.

WOLL: Wenn Sie die kommenden fünf Jahre in die Zukunft blicken – in Ihrer Funktion als Landrat – was wäre für Sie ein persönlicher Erfolg und woran würden Sie sich gerne messen lassen?
Der Landrat:
Das ist eine schwere Frage, weil die Dinge so vielschichtig sind. Ich bin kein Freund von einzelnen Leuchtturmprojekten, mit denen man sich ein Denkmal bauen möchte. Ein Erfolg wäre, wenn die heutige Wirtschaftskraft und die Natur erhalten bliebe und wir es schaffen würden, dass die demografischen Prognosen, die einen deutlichen Bevölkerungsrückgang vorhersagen, nicht eintreffen. Und das alles aus dem Grund, dass wir es geschafft haben, den Hochsauerlandkreis so zukunftsfähig aufzustellen und so weiterzuentwickeln, dass die Menschen weiter gerne hier leben und wir auch für Menschen, die zuziehen, attraktiv sind und Heimat werden.

WOLL: Das bedeutet: kein Ballsaal wie im Weißen Haus und kein Triumphbogen in Washington?
Der Landrat:
Nein. Ich bin im elterlichen Handwerksbetrieb aufgewachsen und habe Bodenständigkeit vorgelebt bekommen. Ich stehe mehr für Bier und Bratwurst und nicht für Kaviar und Champagner. Ich strebe kein einzelnes Leuchtturmprojekt an. Es sind die vielen kleinen Dinge, die sich zu einem Mosaik einer erfolgreichen Region zusammensetzen. Mit den Kolleginnen und Kollegen und den Bürgerinnen und Bürgern möchte ich die Mosaiksteine so legen, dass wir in fünf Jahren positiv auf diese Wahlperiode zurückblicken können.

WOLL: Vielen Dank für das interessante Gespräch und viel Erfolg für die nächsten fünf Jahre als Landrat!