Quelle: Archiv Gisela Dickel
Carl Siebert gehört zu jenen Künstlern des 20. Jahrhunderts, deren Werk sich zwischen angewandter Gestaltung und freier Kunst bewegt, ohne sich eindeutig einer Kategorie zuordnen zu lassen. Aufgewachsen im Sauerland in Schmallenberg (*15. Januar 1922 in Schmallenberg; †4. Januar 2012 in Paris) prägten ihn früh Landschaft, Handwerk und die pflichtbewusste Lebenseinstellung der Region.
Seine Ausbildung absolvierte er an der Werkkunstschule in Wuppertal. Dort lernte er Grafik, Illustration und Wandmalerei. In den folgenden Jahren arbeitete Siebert als Grafiker und Illustrator in Köln und Hamburg und fand Anschluss an die visuelle Kommunikation, d.h. das Übermitteln von Botschaften durch Bilder. Diese Phase legte den Grundstein für seine spätere Bedeutung, da sie künstlerisches Denken mit den Anforderungen großer Medienhäuser verband.
Spuren im „Stern“
Zwischen 1956 und 1962 war er Art Director bei der Verlagsgruppe Gruner + Jahr in Hamburg. Dort prägte er maßgeblich die visuelle Sprache bedeutender Publikationen. Besonders bekannt wurde seine Beteiligung an der gestalterischen Entwicklung des Magazins „Stern“, dessen markantes Titelzeichen – rotes Rechteck mit weißem, unsymmetrischem Stern – unter seiner Mitwirkung entstand. Damit hinterließ Siebert nachhaltige Spuren in der deutschen Designgeschichte jenseits der klassischen Kunst.
Nach seiner Tätigkeit im Verlagswesen wandte er sich zunehmend der freien Kunst zu. Er konzentrierte sich auf Malerei, Zeichnung und Bildhauerei. Sein Werk umfasst Radierungen, Gemälde, Zeichnungen und plastische Arbeiten, geprägt von Formensprache und Konzentration auf Material. In dieser Phase wurde sein Blick freier und experimentierfreudiger, zugleich aber noch stärker auf wesentliche Aussagen fokussiert.
Seine Kunst in Schmallenberg
Auch in seiner Heimatstadt hinterließ er sichtbare Spuren. 1979 entstand vor der Friedhofskapelle des „Neuen Friedhofs“ ein Betonrelief, das sich in die Architektur der Friedhofskapelle einfügt und zugleich heraussticht. Einige seiner zumeist heimatlichen Texte und Kurzgeschichten wurden später unter dem Titel „Der Querpfeifer“ veröffentlicht. Regional fanden seine Arbeiten besondere Beachtung, unter anderem im Schieferbergbau- und Heimatmuseum Holthausen, in dessen Sammlung sich Werke von ihm befinden.
Quelle: Archiv Gisela Dickel
Quelle: Archiv Gisela Dickel
Besondere Aufmerksamkeit erhielt jedoch eine Arbeit im öffentlichen Raum: Die 1982 geschaffene Natursteinskulptur am Schützenplatz in Schmallenberg, im Volksmund „Schmallenberger Hammer“ genannt. Zwei massive Gesteinsblöcke, übereinandergeschichtet, wirken aus der Distanz wie eine archaische, keltische Formation. Die Reaktionen reichen bis heute von Anerkennung bis Ablehnung – von „Kunstwerk“ bis „monströs“.
Die Oberflächen der Steine zeigen Gravuren mit Bezügen zur Stadtgeschichte, insbesondere zur Stadtgründung 1244. Erst aus der Nähe werden figürliche Szenen, mittelalterliche Darstellungen und Symbole wie Werkzeuge und Totenköpfe sichtbar, die sich über alle Seiten der Blöcke erstrecken. Trotz witterungsbedingter Abnutzung bleibt die Idee einer Erzählstruktur über die Jahrtausende hinweg erkennbar.
Was will der Künstler damit sagen
Siebert selbst reagierte 1982 in einer Rede in der Stadthalle auf die teils kritische öffentliche Resonanz. Er erklärte die Skulptur als Ausdruck von „Urmaterie“ und als Verweis auf geologische Zeiträume und ursprüngliche Naturkräfte. Der bewusste Kontrast zur modernen, normierten Welt solle Irritation erzeugen und zum Nachdenken anregen. Gleichzeitig knüpfe die Form an megalithische Kulturen an und verbinde Natur, Mythos und Geschichte zu einem „offenen Bedeutungsraum“.
In dieser Lesart ist der „Schmallenberger Hammer“ weniger ein fertiges Denkmal als ein Objekt zwischen Vergangenheit und der daraus entstandenen heutigen Gegenwart. Er deutet Stadtgeschichte nicht als „damals“, sondern als bis heute wirkende Ereignisse künstlerisch um. Wer genau hinsieht, entdeckt möglicherweise sogar einen zeitgenössischen Einschub: einen versteckten virtuellen Geocache, der die Skulptur in die digitale Gegenwart verlängert.


