Kräftig schütteln – echtes Lakritz

Matthes Schauerte und Jens Peter Vente. Foto: Sonja Nürnberger

Kölner Schnapsmarke KETTENFETT mit Sauerländer Wurzeln

Es riecht nach Kettenfett, als ich mit meinem Fahrrad in die Einfahrt einbiege, dort, wo ich irgendwo meine heutigen Interviewpartner treffen soll. Der Geruch kommt allerdings aus der Autowerkstatt, an der ich vorbei muss. Hätte vor dem „Fettquarter“ nicht der weiße Transit mit dem großen Logo gestanden, ich wäre wohl ratlos wieder umgedreht. Aber dahinter, ganz versteckt in einem typischen, etwas heruntergekommenen, aber charmanten Kölner Hinterhof mit wilden Sträuchern, die an den Wänden der roten Klinkersteingebäude empor wachsen, winkt mir jemand zu.

Das „Fettquarter“ liegt in Bickendorf, am Rande des hippen Kölner Stadtbezirks Ehrenfeld. Es ist klein, aber gemütlich-chaotisch. In jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken. Kartons mit der Aufschrift „Kettenfett“ stapeln sich an einer Wand bis fast zur Decke, in durchsichtigen Kisten erkennt man Merchandise-Produkte, ein großes The Clash-Poster hängt an der Wand, der Kühlschrank ist über und über mit bunten Aufklebern bedeckt und hinter einem Schreibtisch hängt ein Bild, vermutlich von einem Kind gemalt (oder einem mäßig begabten Künstler): „Mister Kettenfett“ steht darauf. „Ich bin Matthes, Matthes Schauerte“, stellt sich einer der beiden Kettenfett- Geschäftsführer vor. Statt Handschlag begrüßen wir uns, wie zur Zeit üblich, mit dem Ellbogen. „Ich bin Jens Peter Vente. Mit großem V und kleiner Ente“, erklärt sein Kollege. Humor haben sie – und gute Ideen.

„Es war einmal …“

So beginnt Matthes von der Entstehung der Schnapsmarke zu erzählen, die inzwischen mehr als nur ein Geheimtipp und im Sauerland vom Schützenfest nicht mehr wegzudenken ist. Ein Jahrzehnt ist es her, dass die Idee von „Kettenfett“ langsam Gestalt annahm. „Wir hatten einen Finnen kennengelernt, von dem wir erfahren haben, dass es auch gutschmeckende Lakritzliköre gibt. Wir haben probiert und gesagt: Das ist cool, das wollen wir auch machen – bloß noch besser.“

Der passende Name war schnell gefunden und beim Marken- und Patentamt angemeldet. „Der Name ‚Kettenfett‘ spiegelt natürlich auch ein Stück weit unsere Heimat wider“, erklärt Matthes, der aus dem Süden des Sauerlandes, aus Flape, stammt. Jens kommt aus Kirchhundem. „Jeder Sauerländer hat doch schon einmal eine dreckige Kette in der Hand gehabt, beispielsweise von einem Fichtenmoped.“

Foto: Sonja Nürnberger

Es sollte jedoch vier Jahre dauern, bis das Produkt reif für den Markt war. Lieferanten wurden gesucht, Lebensmittel- und Steuerrecht gelernt, alles, was man eben so braucht, aber das Wichtigste war natürlich: die richtige Rezeptur. „Wir haben bei Jens in der Küche viel herumprobiert – jeden Mittwochabend und das ein oder andere Bier nebenher getrunken. Jens stand schon in Lohn und Brot, ich war mitten im Studium. Wir mussten also irgendwie trotzdem am nächsten Tag funktionieren“, erinnert sich Matthes. Viele der Mischungen landeten im Abfluss – kein Wunder: „Wir waren ja auch komplett branchenfremd, kannten uns nicht aus mit Alkohol und Likören und was zusammen harmoniert.“ Vier bis fünf Mischungen probierten sie an diesen Tagen und nach der fünften stellte sich häufig mit etwas schwerer Zunge die Frage: „Wass wa n da jezz eigenlich mitta ersn?“ Jens erklärt: „Irgendwann dachten wir uns, wir sollten uns aufschreiben, was wir gut fanden und was überhaupt drin war – und wurden schließlich doch immer professioneller.“

Die erste Kanne

2014 war es dann so weit: Sie hielten die erste Kanne „Kettenfett“ in Händen und gingen damit im Sauerland hausieren. Jetzt könnte man denken: Was der Sauerländer nicht kennt, frisst er nicht? Von wegen! Mit guten Argumenten in der Hinterhand war der ein oder andere Händler schnell überzeugt – und sollte nicht enttäuscht werden: „Innerhalb von 1,5 Monaten waren ungefähr 80 Prozent der 600 Flaschen, die wir damals produziert hatten, über die Theke gegangen.“ Nach dem Sauerland folgte Bonn. „Bonn war unsere Spielwiese, um zu testen, an welchen Rädchen wir eventuell noch drehen müssen.“ Der erste Versuch in der Studikneipe war aufregend, erinnert sich Matthes: „Der Wirt Jürgen holte fünf seiner Stammgäste hinzu, die mich in die Zange nahmen. Mit zitternder Hand und begleitet von den beruhigenden Worten ‚Ruhisch Jung, alles jooot!‘, goss ich die Gläschen voll – und Jürgen behielt recht: alles wurde gut.“

Mittlerweile kennt man Kettenfett in ganz Deutschland. „Nur unterhalb des Weißwurstäquators, also südlich von Frankfurt, da wird es schwieriger“, gibt Jens zu. „Da ist der Lakritzgeschmack einfach nicht so beliebt.“

Es gibt viel zu tun

Besonders stolz sind die beiden Gründer auch darauf, dass sie alles aus eigener Kraft und ohne Fremdkapital auf die Beine gestellt haben. Inzwischen beschäftigen sie noch drei weitere Mitarbeiter/innen – eine davon ebenfalls aus dem Sauerland. Alleine ist das einfach nicht mehr zu stemmen. „Wir waren auch immer persönlich auf Festivals präsent. Von Freitag bis Montag und den Rest der Woche dann wieder im Büro. Das schlaucht – auch emotional, schließlich ist das unser Ding und wir stecken all unsere Energie hinein.“

Für die Zukunft heißt es erstmal: weiterwachsen. „Da sind wir auch auf jeden Einzelnen angewiesen. Geht in die Läden und sagt: Organisiert mir Kettenfett!“ Auch neue Merch-Produkte gibt es speziell für Weihnachten in ihrem Online-Schnapsladen, ein größeres „Fettquarter“ wird gesucht und ganz vielleicht, wenn einmal ein wenig Zeit ist, um neue Ideen zu entwickeln, ja, dann wird es vielleicht auch irgendwann noch einen zweiten Schnaps geben.

Foto: Sonja Nürnberger