Internationaler Tag des Ehrenamtes

Quelle: Privat

Heute ist der Internationale Tag des Ehrenamtes. Wir bei WOLL haben aus diesem Anlass eine Sauerländerin befragt, die einen Teil ihrer Freizeit einem ganz besonderen Projekt spendet.

WOLL: Hallo Christine! Klär´ uns erstmal auf – welche Verbindung hast Du zum Sauerland?

Christine Gough, geb. Schultz: Ich bin echte Fredeburgerin. 1972 im dortigen Krankenhaus zur Welt gekommen als letztes Mitglied – vom Hund mal abgesehen – einer großen und kinderreichen Familie. Grundschule in Fredeburg, Abi und Handball in Schmallenberg, Berufsausbildung in Olsberg. Danach habe ich für Biologie-Studium und Job denLebensmittelpunkt verlegt, aber die Verbindung ins Sauerland ist bis heute geblieben.

WOLL: Heute ist der Internationale Tag des Ehrenamtes. Viele denken dabei zum Beispiel an Engagement auf dem Sportplatz, im kulturellen Bereich oder bei den Tafeln. Du hast ein anderes Projekt gewählt, das Familienhörbuch.

Christine: Das klingt, als hätte ich zu Hause strukturiert überlegt „Ich mach´ mal was Ehrenamtliches“ und mir dann mögliche Projekte angesehen. Es war etwas anders: Ich habe sonntags früh in Solingen, wo ich lebe, WDR 2 gehört. Gisela Steinhauer hatte an diesem Tag die Hörfunkjournalistin Judith Grümmer zu Gast, die von ihrer Idee zum Familienhörbuch berichtete.

Als Medizinjournalistin hatte sich schon früh auf den palliativen Bereich spezialisiert und vermehrt älteren Menschen eine Stimme gegeben, um von dem eigenen Leben zu berichten. Als junge Mutter hat sie sich damals gefragt: Was würde ich machen, wenn ich eine verheerende Diagnose bekäme und müsste meine Kinder zurücklassen? Ihre Antwort war „Einen Kassettenrekorder vollquatschen!“

Der Fokus hat sich verschoben, hin zu eher jüngeren Elternteilen, denen krankheitsbedingt vermutlich nicht viel Lebenszeit bleibt, um gemeinsame Erinnerungen mit ihren Kindern zu erschaffen.

Diese Geschichte hat mich direkt gepackt und nicht mehr losgelassen. Ich habe recherchiert, bin so auf die Website gelangt und dort suchten sie gerade ehrenamtliche Unterstützung. Inzwischen bin ich seit 3 Jahren Teil dieses Teams.

WOLL: Wie ist aus der ersten Idee einer einzelnen Journalistin die heutige Familienhörbuch gGmbH geworden?

Christine: Judith Grümmer hat die Idee ausgearbeitet und 2017 eine Pilotphase gestartet. Ihr Familienhörbuch richtet sich bis heute an Elternteile von minderjährigen Kindern. Eltern, die eine lebensverkürzende Diagnose erhalten haben und Palliativpatienten sind, bekommen die Möglichkeit, die eigene Lebensgeschichte mit der eigenen Stimme einzusprechen. So können sie den oft noch kleinen Kindern ein Zukunftsgeschenk hinterlassen. Es kann sich aber auch viel Positives bei den Erzählenden selbst einstellen, wenn sie sich die kraftvollen und lebenslustigen Seiten ihrer Biografie vergegenwärtigen. Solche Aspekte sind z.B. Bestandteil von begleitenden wissenschaftlichen Studien.

Seit 2019 gibt es die Familienhörbuch gGmbH mit einem Kernteam aus inzwischen 10 Mitarbeitenden plus etwa 20 Ehrenamtliche. Im Zentrum stehen Audiobiograf:innen und Sounddesigner:innen, die die Familienhörbücher hochprofessionell mit viel Erfahrung und Feingefühl produzieren. Über 700 Hörbücher sind so seither entstanden.

WOLL: Was genau machen die Audiobiograf:innen und Sounddesigner:innen?

Christine: Wenn eine betroffene Mutter oder ein betroffener Vater die Zusage für die Erstellung eines Familienhörbuches erhalten hat, wird sie bzw. er mit einem Audiobiografen zusammengebracht.

Diese Teamkolleginnen und -kollegen sind allesamt erfahrene Hörfunkjournalisten, die eine spezielle Aus- und Fortbildung im Bereich Hospiz- und Palliativversorgung durchlaufen haben. Sie werden unter anderem auf die besonderen Herausforderungen des audiobiografischen Arbeitens mit schwerkranken jungen Müttern und Vätern bzw. auch die Lebenssituationen von mit Krankheit und Tod belasteten Familien vorbereitet. Sie bringen also das notwendige Rüstzeug mit, um behutsam durch die Kapitel des Lebens zu führen.

Es werden Termin und Ort für die Aufnahmen abgesprochen. In drei vollen oder sechs halben Interview-Tagen, die je nach Gesundheitszustand zeitlich nah aufeinander folgen, erzählen die Teilnehmer:innen aus ihrem Leben.

Die Tonaufnahmen werden im Anschluss von professionellen Sounddesignern bearbeitet, die ebenfalls die Fortbildung Hospiz- und Palliativversorgung durchlaufen haben. Es werden Hintergrundgeräusche ergänzt, um die passende Atmosphäre zum gesprochenen Wort zu erschaffen. Lieder, die die Papas oder Mamas ausgesucht haben, werden unterlegt. So entsteht ein aufwendig veredeltes und ganz persönliches Hörbuch mit durchschnittlich 6-7 Stunden Hörzeit.

WOLL: Was ist Deine Aufgabe beim Familienhörbuch?

Christine: Ich bin, weil journalistisch interessiert, dem Ressort Gesamtkommunikation angeschlossen und dort im Bereich PR-Recherche / Archivierung tätig. In dieser Funktion recherchiere ich nach Veröffentlichungen aller Art zum Familienhörbuch. Das können Podcasts sein, Radio- oder TV-Beiträge oder ganz klassisch Artikel in Zeitungen oder Magazinen. Die Ergebnisse werden strukturiert archiviert und fließen dann zum Beispiel in die Jahresberichte ein, die regelmäßig auf der Website veröffentlicht werden.

Heutzutage ist es mit Unterstützung von verschiedenen Suchmaschinen gut möglich, Webinhalte ausfindig zu machen. Viele klassische Print-Medien sind zusätzlich digital erhältlich oder auch in den gängigen Social Media-Netzwerken vertreten.

Es kommt aber auch viel aus dem Kernteam, wenn dort PR-Termine angefragt oder Artikel geplant werden. Es ist ein sehr großes Feld an Kommunikationsmöglichkeiten und dadurch äußerst vielfältig.

WOLL: Es sind so viele Personen aktiv beteiligt – das geht nicht alles ehrenamtlich. Was kostet ein Familienhörbuch und finanziert es sich?

Christine: Das Wichtigste zuerst: Für die Projektteilnehmenden ist die Erstellung ihres eigenen Familienhörbuches kostenfrei. So wird sichergestellt, dass nicht der Kontostand darüber entscheidet, wer ein Familienhörbuch aufnehmen kann. Die Voraussetzungen sind andere und werden zu Beginn überprüft.

In einem Familienhörbuch stecken gut und gerne 100 professionelle Arbeitsstunden, die Kosten belaufen sich auf etwa 6.000 €. Die Finanzierung erfolgt ausschließlich über Spenden, mit denen sehr verantwortungsvoll und sorgsam umgegangen wird. In den veröffentlichten Jahresberichten ist sehr transparent dargestellt, wie die Spendengelder eingesetzt werden.

WOLL: Welche Reaktionen erlebst Du, wenn Du vom Familienhörbuch erzählst?

Christine: Am häufigsten fallen die Sätze „Ich kriege Gänsehaut!“ und „Was für eine tolle Idee!“. Genau so ging es mir damals auch, als ich Judith im WDR 2 hörte. Es ist diese Ambivalenz, dass es erst einen tragischen Anlass geben muss, um ein einmaliges und wundervolles Geschenk für die eigenen Kinder zu erschaffen. Liebe für die Ohren.

WOLL: Vielen Dank, dass Du uns von dem Familienhörbuch berichtet hast. Dein Schlusswort?

Christine: Es wäre schön, wenn das Familienhörbuch noch bekannter werden würde. Sowohl bei betroffenen Eltern kleiner Kinder, die mit ihrer eigenen Stimme die eigene Lebensgeschichte aufnehmen möchten und so vor allem auch die Deutungshoheit behalten. Aber natürlich auch bei potentiellen Spenderinnen und Spendern, die dieses Projekt unterstützen möchten.

Meine Empfehlung: Besuchen Sie unsere Website familienhoerbuch.de. Dort finden Sie detaillierte Informationen und beispielsweise auch die Möglichkeit, in ein Familienhörbuch reinzuhören.

WOLL: Und anlässlich dieses besonderen Tages: Vielen Dank an all die Ehrenamtlichen, die sich in ihrer Freizeit in ihren Herzensprojekten engagieren.