
WOLL: Steffi, wenn Du das Wort „Kneipe“ hörst, welches Bild entsteht als erstes in deinem Kopf?
Steffi Neu: „Kneipe“ ist für mich auf jeden Fall positiv besetzt. Da ist es gemütlich, vertraut, es wird geredet und gelacht, niemand soll und möchte da alleine sein. Für mich ist die Kneipe ein unkomplizierter Treffpunkt, ein Ort der Kommunikation, an dem es egal ist, wer du bist und was du bist. Ein Ort, an dem man ohne komplizierte Verabredungen auf Menschen trifft, die man kennt. Für mich ist die Kneipe ein Ort des Zusammenhaltes, den es in der Großstadt in jedem Viertel, in jedem Dorf in der Nähe der Kirche geben sollte. Meistens in der Nähe der Kirche, weil die Bauern, als ich klein war, nach dem Hochamt sonntags zum Frühschoppen gingen …
WOLL: Erinnerst du dich noch an deine erste richtige Dorfkneipe?
Steffi Neu: In meinem Heimatdorf am Niederrhein gab es in meiner Kindheit noch mehrere Kneipen. Alle waren anders besetzt: Landwirte bei „Roghmann“, die Handwerker und die alten Tanten beim „Bock“, dann gab es noch die Kneipe bei „Tante Grete“. Bei der einen gab es Nuss-Schokolade, bei der anderen Mettbrötchen und Softeis. Da waren die Beerdigungs-Kaffeetafeln, die Jahreshauptversammlungen der Vereine, Frühschoppen der Bauern. Und an Rosenmontag hatten wir im Dorf eine kleine „Kneipenmeile“ in unserem Dorf, in der was los war. Leider existiert keine einzige mehr. Aber in meinem Heimatdorf wurde aus der alten Grundschule die „Dorfschule“ gemacht: In Eigenleistung haben die Dorfbewohner einen tollen Saal für Karneval, mittlerweile sogar neue Kegelbahnen gebaut, die super gebucht sind. Insofern gibt es zum Glück wieder einen Treffpunkt für alle, an dem Seniorenturnen, Versammlungsräume, Hochzeiten und andere Veranstaltungen stattfinden.
Das Sauerland und die Dorfkneipe
WOLL: Viele Dörfer kämpfen um ihre letzte Kneipe. Was geht verloren, wenn eine Dorfkneipe schließt? Kann eine Kneipe Heimat sein?
Steffi Neu: Auf jeden Fall. Ich finde, dass die Dorfkneipe der „Meeting Point“ für das Dorf ist. In Arbeitsklamotten nach der Schicht auf ein Bier, die Jugend trifft sich zum Dart-Spielen, Vereine haben ihren Treffpunkt. Und ein richtig guter Wirt oder Wirtin ist Seelentröster und Sorgen-Schwamm für alle.
„In unserer Kneipe“ – mehr als nur Bier und Theke
WOLL: Sind Kneipen vielleicht die letzten echten analogen sozialen Netzwerke?
Steffi Neu: Davon bin ich überzeugt. Weil da geredet wird, sich angeschaut wird beim Erzählen, weil gelacht und reagiert wird. Weil sich auch gestritten und diskutiert wird. Sicherlich wird sich auch verlebt. Kneipe ist für mich Leben. Analoges Leben.
WOLL: Warum entstehen die besten Gespräche oft an der Theke?
Steffi Neu: Ich glaube, weil es zum einen ein „neutraler“ Ort ist. Und dennoch in gewisser Weise ein geschützter Raum. Ohne Zweifel machen ein, zwei Bier auch redselig. Und man kann den Ort verlassen, wenn auserzählt ist.

WOLL: Welche Typen gehören für dich unbedingt in eine gute Kneipe?
Steffi Neu: Jedes Dorf hat doch seine „Originale“. Menschen mit coolen Spitznamen, die ihren festen Stammplatz an der Theke haben und bei denen der Wirt schon beim Reinkommen weiß, welches Getränk er bringen soll. Es sind die, die was erfahren wollen und natürlich auch Neuigkeiten unters Volk bringen möchten. Es sind die Typen, die in der Kneipe versprechen, morgen vormittag die Bohrmaschine zum Leihen vorbeizubringen. Und das auch tun.
Wandel der Kneipenkultur
WOLL: Warum tun sich viele junge Menschen heute schwerer mit klassischer Kneipenkultur?
Steffi Neu: Vermutlich hat der Begriff „Kneipe“ für einige einen verrauchten, dunklen, abweisenden Beigeschmack. Wenn wir manchmal Krimis gucken, in denen die Ermittler in die Dorfkneipen gehen, schlagen ihnen in der Geschichte oft Ablehnung, Misstrauen und eine feste Wand der Gemeinschaft entgegen, die keiner durchdringen kann. In der klassischen Kneipenkultur wurde geraucht, Schnaps getrunken und viel Geld auf’n Kopp gehauen. Und das alles auch noch „durch die Woche“. Der Lifestyle dieser Zeit ist bei jungen Menschen oft ein anderer.
WOLL: Können Veranstaltungen wie Kneipenquizze helfen, neue Menschen zusammenzubringen?
Steffi Neu: Das merke ich nach zehn Jahren „Steffis Kneipenquiz“ ganz deutlich. Dass Menschen sich nicht kennen, gemeinsam an einem Tisch landen und ein Quizteam sind. Da bei den Shows ja gewollt ist, dass sich die Gäste unterhalten, beratschlagen, austauschen, kommt durch Heiterkeit und Spaß eines zum anderen.
Das Kneipenquiz
WOLL: Was begeistert dich persönlich an diesen Abenden am meisten?
Steffi Neu: Jeder Abend ist anders. Jeder Abend ist anfangs wie ein weißes Blatt Papier und die Gäste sind die bunten Stifte. Dann entwickelt sich aus Spaß und Spontanität ein wunderbares Bild. Ein einmaliges Gefühl von Bodenständigkeit, Nähe und vertrauten Albernheiten. Ich kann von den 250 Abenden, die wir bislang gespielt haben, bis heute zu jedem einzelnen was sagen. Das ist irre. Und immer wieder besonders. Das wird nie langweilig.
WOLL: Gibt es bei deinen Quizabenden Momente, die dich selbst überraschen oder berühren?
Steffi Neu: Jeder Abend hat so unfassbar spontane Momente, die nicht planbar sind. Dass ich vor lachen nicht mehr sprechen kann, weil der auffällige Mann in der Ecke auch noch „Eckbert“ heißt. Wenn der eine Mann im Saal Josef heißt, genauso wie der Kellner und dann rauskommt, dass das Vater und Sohn sind. Es gibt so tolle Geschichten, rührende Momente: Ein Gast, der eigentlich im Krankenhaus war und sich heimlich rausgeschlichen hat, weil er unbedingt dabei sein wollte. Es sind WDR2-Hörerinnen und Hörer, die ich seit mittlerweile 25 Jahren begleiten darf, und da gibt es viel zu erzählen und sich wenig vorzumachen.
Sauerland, Gemeinschaft und Lebensgefühl
WOLL: Ist die Sehnsucht nach echten Begegnungen gerade größer denn je?
Steffi Neu: Ganz sicher. Das merken wir schon daran, dass unsere Abende immer schnell ausgebucht sind. Dass es Gemeinschaftserlebnisse sind, zu denen die Menschen mit der Nachbarschaft, Kollegen, mit dem Kegelclub kommen.
Nicht, um sich berieseln zu lassen, sondern um aktiv am Erfolg des Abends mitzuwirken.
WOLL: Wie wichtig sind Orte, an denen Menschen einfach zusammenkommen dürfen, ohne Termin, App oder Leistungsdruck?
Steffi Neu: Da wir einen komplett analogen Abend mit Zettel und Stift veranstalten, scheint das wichtig zu sein. Ein tiefes Bedürfnis, nichts zu müssen. Nur zu können. Ohne Druck. Einfach Spaß haben.
Komm, einen noch.
WOLL: Welche Musik gehört für dich unbedingt in eine gute Kneipe?
Steffi Neu: Schlager. Ich liebe Schlager und kann echt viele Texte auswendig!
WOLL: Was war der lustigste Kneipenmoment Deines Lebens?
Steffi Neu: Da habe ich Karneval in Köln in einer Kneipe eine Jukebox entdeckt. Und Geld eingeworfen, Lieder gewünscht und auch getanzt. Ich habe gar nicht gemerkt, dass das Ding gar nicht eingestöpselt war. Die Musik kam vom CD-Spieler hinter der Theke …
WOLL: Gibt es einen typischen Satz, den man nur in einer Dorfkneipe hört?
Steffi Neu: Komm, einen noch.
WOLL: Mit welchen drei Menschen würdest du gerne einmal einen langen Kneipenabend verbringen?
Steffi Neu: Meine drei Weihnachtswunder-Buddies Sabine Heinrich, Jan Malte Andresen und Thomas Bug. Das haben wir in den letzten Jahren noch nicht geschafft. Aber jetzt gibt es einen Termin im Sommer! Ich freue mich sehr. Wir haben viel zu erzählen, da sind Vertrauen, Humor und so viele wichtige gemeinsame Momente, über die wir uns gerne austauschen.
WOLL: Was wäre dein persönlicher Kneipenname, wenn du eine eigene Dorfkneipe eröffnen würdest?
Steffi Neu: „Eben zu Steffi“.
Blick nach vorn
WOLL: Was müsste passieren, damit junge Menschen wieder stärker in „unsere“ Kneipe gehen?
Steffi Neu: Vermutlich müsste die „hippe“ Kneipe eher loungig sein, „House“-Musik spielen, gemütliche Sitzgruppen, dazu Salat statt Pommes, Smoothie statt Bier, aber die Liebe und Fürsorge, mit denen der Wirt, die Wirtin unterwegs sind, die sind zeitlos wichtig. Ein Ort mit Willkommenskultur, bei der der Trubel der Welt draußen bleibt.
WOLL: Warum lohnt es sich, für diese Orte zu kämpfen?
Steffi Neu: Weil das Orte sind, zu denen jeder einfach hin kann. Kein Termin, kein Dresscode, keine Aufgabe. Ein Ort einfach zum „sein“. Sein wie man ist, nicht genügen zu müssen. Nicht allein zu sein.
WOLL: Wenn du den Sauerländerinnen und Sauerländern einen Wunsch für ihre Dorfkneipen mitgeben könntest, welcher wäre das?
Steffi Neu: Wenn ein Volk in NRW Kneipe und Kneipenkultur, Tradition, Gemeinschaft drauf hat, dann sind es die Sauerländer. Und ich wünsche, dass die Sauerländer Jugend, die ich sehr schätze, genau das beibehält. Und sich nicht vom mitunter urbanen Geschwätz verunsichern lässt. „Cool“ ist das, was Menschen empfinden. Nicht das, was Außenstehende urteilen.
Kurz und knapp
● Zapfen oder Flaschenbier? – Zapfen!
● Theke oder Tisch? – Zu zweit Theke, mit mehreren Tisch.
● Quizgewinner oder Stimmungsmacher? – Bei mir gewinnt nie der Schlauste, immer der/die Netteste. Also Stimmungsmacher.
● Kölsch, Pils oder Sauerländer Landbier? – Ich trinke so gut wie nie Bier, aber ein Pülleken gerne!!
● Musikbox oder Live-Musik? – Nach der Erfahrung siehe oben doch lieber Live-Musik.
● Was gehört auf den Bierdeckel? – Striche, Krickelkrakel und wenn’s gut läuft, eine Telefonnummer.
● Welcher Kneipengeruch ist sofort Heimat? – Das umgekippte Bier auf dem Boden, dass sich irgendwie eingetreten hat.
● Wann warst Du zuletzt bis zum Thekenschluss unterwegs? – Immer am ersten Advent in Schmallenberg-Oberkirchen bei Schütte an der Bar …




