„Im Thema Alter steckt Musik“

Arnsberg ist mit der Fachstelle „Zukunft Alter“ Vorzeigekommune und setzt auf den Dialog der Generationen

Eine Kommune des langen und guten Lebens: Mit diesem Konzept als Kompass für die Zukunft und der Fachstelle „Zukunft Alter“ als Teil der Zukunftsagentur setzt Arnsberg bundesweit Maßstäbe. Dem Alter mehr Leben geben und dabei auf den Dialog der Generationen setzen, so lautet die Prämisse. „Im Thema Alter steckt Musik“, sagt Marita Gerwin. „Die Kommunen müssen mit klugen Konzepten, Strategien und Netzwerken auf die älter und bunter werdende Gesellschaf reagieren, sonst laufen sie der Musik hinterher.“

Wenn Gerwin über diese „Musik“ spricht, dann geht ihr Herz auf. 20 Jahre hat die Diplom-Sozialpädagogin, die am 30. April 2020 in den Ruhestand gegangen ist, im Team und mit einem großen Netzwerk die Seniorenarbeit und den Aufbau der Fachstelle „Zukunft Alter“ maßgeblich gestaltet. 13 Jahre an ihrer Seite Martin Polenz, ein Diplom-Geograf, der jetzt die Fachstelle leitet.  „Heute können wir stolz sein auf ein differenziertes Netzwerk, in dem ambulante und stationäre Dienstleister, das Klinikum Hochsauerland, bürgerschaftliche Initiativen, Kitas, Schulen, Jugendzentren, Künstler, der Seniorenbeirat und viele weitere Partner gemeinsam agieren, um dem Alter mehr Leben zu geben“, erklärt Gerwin. Wichtig sei die Offenheit der Stadt, eine Gesellschaft des langen und guten Lebens zu entwickeln.

„Die Senioren von heute wollen mitsprechen“ (Marita Gerwin)

„Ausgangspunkt ist die Anerkennung der Vielfalt des Alters“, betont Polenz. Die Potenziale einer bei guter Gesundheit alternden Gesellschaft sollen genutzt werden, bei gleichzeitiger Sorge um diejenigen, die Unterstützung brauchen. „In einer älter werdenden Gesellschaft benötigen wir Rahmenbedingungen, die allen Menschen Entscheidungsmöglichkeiten für die Gestaltung ihres eigenen Lebens bieten.“ Dabei hat sich in den Jahren viel geändert. „Niemand will aus der Welt herausfallen, nur weil er alt ist. Die Senioren von heute wollen mitsprechen“, so Gerwin. „Wir haben viele inspirierende Menschen kennengelernt. Menschen mit sehr viel Lebenserfahrung, die nie aufgehört haben zu lernen und etwas Neues anzufangen“, so Polenz.   

Mit „großem Respekt“ und im Alter von 46 hatte Gerwin am 1. Januar 2000 die Arbeit im Seniorenbüro begonnen. Sie war nach langjähriger Arbeit im Jugendamt, nach Elternzeit und einer zweijährigen Pflege ihrer an Demenz erkrankten Mutter „dem Ruf“ ins Seniorenbüro gefolgt. Ihr „Mentor“ war Fritz Bertelt, u. a. auch langjähriger Chef der Arbeitsgemeinschaft Arnsberger Selbsthilfegruppen (AKIS). „Fritz war es, der den Satz geprägt hat, dass im Thema Alter Musik steckt und dass sich in der älteren Generation ungemein viel bewegt. Damit hatte er im Nachhinein völlig Recht.“ Bahnbrechend war auch eine Umfrage: Die Stadt hatte damals 28.000 Einwohner über 50 Jahren u. a. gefragt, wie sie älter werden und im Alter leben wollen. „Diese Antworten mussten wir aufarbeiten“, so Gerwin, die sich mit viel Elan an die „spannende Aufgabe“ machte.

Aus dem klassischen Seniorenbüro entwickelte sich die Fachstelle „Zukunft Alter“

„Wir haben schnell erkannt, dass wir die Herausforderungen nur meistern können, wenn wir uns mit der Wissenschaft, weiteren Experten vor Ort und überregional vernetzen und uns als lernende Organisation verstehen“, betont die gebürtige Hirschbergerin. „Wir mussten unsere kommunale Rolle neu definieren, als Initiator, Impulsgeber und Vernetzer. Aus dem klassischen Seniorenbüro entwickelt sich die Fachstelle Zukunft Alter Arnsberg.“ Die Fachstelle beschäftigt sich intensiv mit Fragen der wegbrechenden Infrastruktur in den Dörfern und kleineren Stadtteilen, Inklusion, neuen Wohnformen, Einsamkeit oder auch mit Altersarmut und mit Menschen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind. Schnittmengen zur Stadtentwicklung und -planung und zum Quartiersmanagement wurden bestimmt. „Ganz wichtig ist die Tatsache, dass mit Martin Polenz ein Diplom-Geograf noch einmal einen ganz anderen Blick auf das Thema geworfen hat. Martin hatte zudem u. a. die Leitung des Modellprojekts Arnsberger Lern-Werkstadt Demenz übernommen. Die Lern-Werkstadt hat national und international höchste Anerkennung gefunden.“

„Die Altersbilder in den Köpfen mussten verändert werden“ (Marita Gerwin)

Als „wichtige Bausteine“ bezeichnet Gerwin das Miteinander von Alt und Jung. „Die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen musste beendet werden. Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, kreative Köpfe und Querdenker stiegen ins Boot ein. Kitas, Schulen, Jugendzentren und Künstler kamen hinzu. Die Altersbilder in den Köpfen mussten verändert werden. Ein Dialog zwischen den Generationen entwickelte sich.“ Die Zugänge liefen meist über Kunst und Kultur. Es entstanden Projekte wie eine Zirkusgala mit dem Zirkus Fantastello. Eine Opapa-Party wurde veranstaltet. OPAPARAZZI, die Theater-Projekte „Kinder von Damals“ oder „Treffpunkt Friedhof – Ein Spiel“ oder die Spiel-Modulreihe „KIDZEL-Kindern Demenzerklären“ sind weitere Beispiele. Große Beachtung findet auch das Generationen-Magazin SICHT, das von einem bürgerschaftlichen Redaktionsteam erstellt wird.

Arnsbergs Projekte stießen auf große Aufmerksamkeit. So besuchte im März 2015 der damalige Bundespräsident Joachim Gauck die Stadt. Er wollte sich über das Thema Alter informieren. „Das ist nicht selbstverständlich, was in Arnsberg passiert. Sie haben hier eine wache Gesellschaft. Und sie ist ein großer Schatz.“ So lautete die Wertschätzung des Gastes aus Berlin. Für ihre vorbildliche Seniorenarbeit wurde Arnsberg 2010 mit dem Preis „Seniorenfreundlichste Stadt“ ausgezeichnet. Der Preis wurde von der Stiftung „Lebendige Stadt“ vergeben. Im selben Jahr erhielt die Stadt den „Engagement-Preis“ in der Kategorie Politik & Verwaltung.

„Corona-Krise erhöht die Gefahr von Isolation und Einsamkeit gerade bei den Älteren“ (Martin Polenz)

Das Feld ist bestellt, der Blick in die Zukunft positiv ansteckend. Mit Binetha Beckmann verstärkt eine neue Mitarbeiterin die Fachstelle: „Durch meine Arbeit in den verschiedensten sozialen Gebieten werde ich mein Wissen und meine Erfahrungen dafür einsetzen, den Dialog der Generationen weiter zu stärken und noch mehr in die Breite zu tragen“, sagt Beckmann. „Besonders am Herzen liegen mir das miteinander und voneinander Lernen, die guten Möglichkeiten der Teilhabe am öffentlichen Leben und die Erfahrbarkeit der neuen technischen Möglichkeiten, die in einer älter werdenden Gesellschaft das Leben unterstützen und erleichtern helfen.“ Die Fachstelle ist derzeit angesichts der Corona-Krise stark gefordert. „Die Krise erhöht mit den getroffenen Maßnahmen die Gefahr von Isolation und Einsamkeit gerade bei den Älteren“, sagt Polenz. „Wir nutzen die Kontakte zu unseren Netzwerken, um verlässliche Informationen zu verbreiten und Orientierung zu bieten. Wir erfahren hier vielfältige Unterstützung.“

Über die Unterstützung freut sich auch Marita Gerwin: „Arnsberg bietet vielfältige Chancen für ein erfülltes, selbstbestimmtes, schöpferisches und sicheres Leben im Alter“, betont Gerwin. „Ich bin sehr dankbar, dass ich in den letzten 20 Jahren Teil dieses innovativen Netzwerkes sein durfte und werde auch im Ruhestand weiter dabei sein.“ Ihre persönliche Sicht des Alters umschreibt ein Zitat des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber: „Alt sein ist ja ein herrliches Ding, wenn man nicht verlernt hat, was anfangen heißt.“   

„Das ist nicht selbstverständlich, was in Arnsberg passiert. Sie haben hier eine wache Gesellschaft. Und sie ist ein großer Schatz.“ Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck bei seinem Besuch in Arnsberg

„Im Thema Alter steckt Musik“Arnsberg ist mit der Fachstelle „Zukunft Alter“ Vorzeigekommune und setzt auf den Dialog der Generationen– Marita Gerwin
„Im Thema Alter steckt Musik“Arnsberg ist mit der Fachstelle „Zukunft Alter“ Vorzeigekommune und setzt auf den Dialog der Generationen– Binetha Beckmann
„Im Thema Alter steckt Musik“Arnsberg ist mit der Fachstelle „Zukunft Alter“ Vorzeigekommune und setzt auf den Dialog der Generationen– Martin Polenz