Im Arnsberger Geigenbauatelier von Uwe Fischer bekommt Holz eine Klangseele

Geigenbauer Uwe Fischer

Ein intensiver Duft von Holz, altem Lack und frischem Leim erfüllt das kleine Ladenlokal am Arnsberger Alten Markt. Doch im Geigenbauatelier von Uwe Fischer geht es nicht nur um ein altes Handwerk. Jeder Klang und jede Fuge erzählt ihre eigene Geschichte und nimmt die Kundinnen und Kunden mit auf eine Reise in eine Welt, in der Musik und Handwerk untrennbar miteinander verbunden sind.

„Das ist der Duft der weiten Musikwelt“, erklärt der 58-jährige Geigenbaumeister mit einem Lächeln. Seine Werkstatt ist ein bekannter Anlaufpunkt für Musikerinnen und Musiker, die aus dem gesamten Sauerland und ganz Deutschland kommen. „Vor einiger Zeit hatte ich den ehemaligen Intendanten der Münchner Philharmoniker als Kunden“, sagt er stolz. „Er hätte jede Möglichkeit in München nutzen können, um zu einem Geigenbauer zu gehen, aber er ist hier gelandet und war sehr zufrieden.“


Uwe Fischer führt das Fachgeschäft mit angeschlossener Werkstatt, das 1919 von seinem Großvater Otto Laue gegründet wurde, in dritter Generation. Diese über 100-jährige Tradition ist sowohl Ansporn als auch Verpflichtung. „Es ist eher eine Last, denn damit habe ich eine große Verantwortung übernommen“, sagt er. Sein Anspruch ist klar: „Man will ja nicht schlechter werden als die beiden Vorgängergenerationen, sondern man muss vorangehen.“ Diese Motivation treibt ihn an, denn Stillstand wäre für ihn ein Rückschritt.

Das Erbe, das ihm sein Onkel Helmut Laue hinterlassen hat, ist ein unschätzbarer Vorteil. Die Erfahrungen seiner Familie bilden ein solides Fundament, auf dem er aufbauen kann. Ein tiefes Wissen über Materialien, Techniken und die Eigenheiten alter Meister, das man in keiner Schule der Welt von Grund auf lernen kann. Dennoch hat er seine Ausbildung an einer der renommiertesten Schulen für dieses Handwerk absolviert: der Geigenbauschule in Mittenwald. „Das war ein Schmelztiegel der Talente“, erinnert er sich. Hier traf er Lehrlinge aus ganz Deutschland und darüber hinaus, was seinen handwerklichen Horizont deutlich erweiterte.

Für Uwe Fischer sind Geige, Bratsche und Cello weit mehr als nur präzise zusammengefügte Holzteile. „Wenn es für mich einfach nur Holzstücke wären, dann hätte ich nicht den richtigen Beruf gewählt“, sagt er mit dem Grundton der Überzeugung. Die Arbeit erfordert viel Feingefühl, egal ob bei einer Reparatur oder einem Neubau. „So ein Instrument ist etwas, wo ich mich reinfühlen muss.“ Es steckt jede Menge Heimat im Holz, das allerdings nicht aus dem Sauerland stammt.  Die wertvollen Tonhölzer für seine Instrumente benötigen spezielle Wachstumsbedingungen und gedeihen sehr langsam. „Unsere Sauerländer Hölzer wachsen viel zu schnell. Daher verwende ich vor allem Hölzer aus dem Alpenraum.“

„Der Respekt vor einem handgefertigten Instrument ist wichtiger als das eigene Ego“

Uwe Fischer ist seit 1993 Geigenbaumeister in Arnsberg

Doch was ist das große Geheimnis für einen wirklich guten Klang? Der Geigenbaumeister lehnt sich ein wenig zurück und sagt: „Eine einfache Antwort gibt es nicht. Es ist das Zusammenspiel aus allem.“ Holz, Form, Wölbung, Lack und vielleicht ein Hauch von Magie. „Jede von mir neu gebaute Geige ist eine Überraschung.“ Im Laufe der Jahre entwickelt man zwar ein Gespür dafür, wie sie klingen könnte, doch die endgültige Wahrheit zeigt sich erst, wenn die Saiten aufgezogen sind. „Das ist nicht vorprogrammiert, dass es gut wird.“

Dieses entscheidende Moment widerlegt für ihn auch ein verbreitetes Klischee in der Musikwelt. „Ein hartnäckiger Mythos ist, dass neue Geigen immer den alten unterlegen sind“, stellt er klar. „Das stimmt so einfach nicht. Das Alter allein macht noch keine gute Geige.“ Auf seinem Werktisch liegen bereits wahre Schätze und kuriose Fundstücke. Die wohl außergewöhnlichste Reparatur war ein Charango, ein kleines Zupfinstrument aus Bolivien, dessen Korpus aus dem Panzer eines Gürteltieres gefertigt wurde. „Es war runtergefallen und zerbrochen, und ich habe es wieder instand gesetzt“, erzählt er von dieser besonderen Herausforderung.

Das wertvollste Instrument, das den Weg in seine Werkstatt gefunden hat, war zweifellos eine Stradivari aus dem Jahr 1682. „Es ging mehr ums Saubermachen und Beurteilen, aber sie war hier. Das kann auch nicht jeder Geigenbauer von sich behaupten.“ In einem Beruf, in dem es auf Zehntelmillimeter ankommt, sind Misserfolge unvermeidlich. „Es gibt diesen Moment, sowohl bei der Restauration als auch beim Neubau. Dann muss man die Konsequenzen ziehen und es wirklich nochmal angehen.“

Seine Einstellung dazu ist von großer Demut geprägt und fasst die Essenz seiner Philosophie zusammen: „Egal, wie lange man diesen Beruf ausübt, der Respekt vor dem Instrument ist wichtiger als das eigene Ego.“ Er selbst ist kein Geigenvirtuose, was für ihn auch keinen Widerspruch darstellt. „Handwerkerhände sind nicht die filigransten“, meint er nüchtern. Zudem fordert die Selbstständigkeit ihren Tribut an Zeit und Energie. „Ich genieße es, abends eine Stunde mit meinem Hund im Wald zu verbringen oder mich um die Enkelkinder zu kümmern.“

Wenn der Arnsberger ein altes Instrument öffnet, eines, das vielleicht schon 200 Jahre alt ist, hält er inne und spürt die Geschichte. „Man muss sich nur vorstellen, was dieses Holz alles schon erlebt hat. Das hat Kriege durchlebt, viele Stürme überstanden.“ Und man weiß, wie viele Menschen sich schon daran erfreut haben. „Das ist es, was ein Instrument dann auf eine besondere Weise im übertragenen Sinn zu einem spricht.“

Geigenbaumeister Uwe Fischer


Doch um die Zukunft dieses „sprechenden“ Handwerks macht er sich Gedanken. Es gibt zwar junge Leute, die sich für den Beruf interessieren, doch die Hürden sind hoch. „Ich würde nur ausbilden, wenn ich auch die Möglichkeit hätte, die Auszubildenden später zu übernehmen.“ Einen Gesellen fair zu bezahlen, ist heute schwierig geworden. Die größten Herausforderungen seien jedoch „die Steuerlast und die Bürokratie“. Sein zentraler Wunsch für dieses Handwerk ist daher die Wiedereinführung der Meisterpflicht. „Damit man den Kunden wirklich gerecht werden kann und Instrumente nicht irgendwo falsch restauriert werden.“

Die vierte Generation der Geigenbauer-Familie Fischer in Arnsberg wird wohl nicht kommen. Seine Kinder haben früh ihren eigenen Weg eingeschlagen. Doch ein kleiner Funke Hoffnung bleibt. „Mein ältestes Enkelkind ist acht und hat jetzt mit dem Geigenspiel begonnen“, erzählt er leise. Drängen würde er sie aber niemals. „Wenn meine Enkeltochter irgendwann den Wunsch äußert, dann werde ich ihr natürlich mit aller Kraft helfen.“ Bis dahin bleibt die Tür seiner Werkstatt für alle Neugierigen offen. Sei es, um auf einem Cello einen Ton auszuprobieren oder, wie zuletzt ein 70-jähriger Kunde, mit einer Ukulele das Gehirn fit zu halten. Es ist dieser unkomplizierte Zugang zur Musik, der ihm am Herzen liegt und der zeigt, dass in seiner Werkstatt nicht nur Instrumente gebaut, sondern auch Träume zum Klingen gebracht werden.

 www.geigenbau-fischer.de

Auch die „Schnecke“ entsteht mit viel Geschick in Handarbeit