
Unterstellt, ein ostwestfälischer Bürger einer mittelgroßen Stadt, die es wirklich gibt, beschließt, nach Meschede umzuziehen, einfach, weil es ihm dort gefallen könnte, so stößt er bei seinen Mitbürgern zumindest auf Mitleid, wenn nicht auf hochgradige Verständnislosigkeit, weil für den Ostwestfalen an sich die Welt oder besser die Heimat in Detmold endet. Paderborn kennen wir, seit es dort einen Flugplatz gibt. Dortmund ist für die Fußballfans natürlich ein Begriff und das Sauerland lässt sich in Stichworten zusammenfassen:
1. Unsere Weihnachtsbäume kommen aus dem Sauerland,
2. in Winterberg kann man Skifahen,
3. auch im Sauerland soll es ordentliches Bier geben.
Solcherart vorbereitet, emigrierte ich aus OWL in den HSK und war zunächst einmal nur verblüfft: Eine wirklich zauberhafte Landschaft und mit unzähligen Kleinodien – Klausen-Kapelle, Waldskulpturenweg, Kleines Welttheater, um meine drei Favoriten zu nennen – haben mich für meine neue Wahlheimat eingenommen. Da konnte ich die ersten Sprachschwierigkeiten leicht in Kauf nehmen:
In Meschede geht man nach und kommt von, okay, daran kann man sich gewöhnen.
Schwer fällt mir allerdings, dass man hier kalt hat, wenn man eigentlich nur friert. Da hilft alles nichts: Menschen mit empfindlichem Sprachempfinden sollten sich in Meschede das Frieren abgewöhnen. Obwohl das auch nicht immer hilft, weil man ja auch warm haben könnte. Das lassen wir jetzt mal so stehen.
Sehr schnell wurde mir auch klar, dass ich ein Buiterling bin, aber in guter Gesellschaft und ohne Diskriminierung. Selbst Menschen, die jahrzehntelang in Meschede gelebt haben, sind nach wie vor Buiterlinge und da hilft es auch nicht, wenn sie nur aus Bestwig oder Olsberg zugezogen sind. Das beruhigt enorm.
Wie der Sauerländer tickt, erfuhr ich nebenbei. Er hat so eine Art, sein gegenüber gleichberechtigt in seine Gedanken und Ausführungen einzubeziehen, die meines Wissens ziemlich einmalig ist. Fragst du also einen Menschen – wenn möglich einen Einheimischen, aber das ergibt sich eigentlich immer von selbst – in Meschede nach einer Straße, z.B., weil du das Finanzamt suchst, so erhältst du in neun von zehn Fällen folgende Antwort: „Also, das ist ganz einfach, Sie wissen doch, wo die Henne in die Ruhr fließt? Und von da aus ist es ganz nah …“ Post? „Also, Sie wissen doch, wo früher die Bahnhofsschranke war? Und von da aus ist es ganz nah …“
Ein ähnliches Phänomen begegnet dem Neubürger, wenn er Mitbürger kennenlernt: „Das ist Familie Kotthoff, also nicht die, die mit den XYZ Kotthoffs verwandt sind, sondern …“ Dasselbe klappt auch mit anderen, häufig anzutreffenden Namen: Immer wird der Nicht-Verwandtschaftsgrad zur Differenzierung verwendet. Und da sage einer, der Sauerländer mache es sich einfach.
Sprachlich wären auch noch der Weltmarktführer zu erwähnen. Ich gehe jede Wette ein, dass außer vielleicht in Dubai, Silicon Valley oder Singapur nirgendwo weltweit der „Weltmarktführer“ so oft erwähnt wird wie in Meschede. Es gibt einfach viele davon im HSK.
Auch kulturell kann ich mich nicht beklagen: Konzerte, Veranstaltungen, Lesungen und Vorträge gibt es reichlich. Auch kleinere Missverständnisse bleiben nicht aus: Als Buiterling studierte ich die lokale Zeitung besonders intensiv, um die Mentalität der Mescheder kennenzulernen. Dabei stieß ich auf den Lokalbericht über folgende Begebenheit im Herzen der Stadt: Ein Dieb hatte in einem Discounter am Bahnhof – juchuh, ich weiß welcher – eine Schachtel Zigaretten mitgehen lassen. Dieser Diebstahl wurde bemerkt und die couragierte Kassiererin verfolgt den Mann, der wiederum ließ seine Beute fallen und entzog sich der Verfolgung durch einen beherzten Sprung in die Gebke. Oh mein Gott, denke ich, ist er ertrunken? Natürlich nicht, da die Gebke an dieser Stelle nicht unbedingt ertrinkungsgeeignet ist. Das kann ein Buiterling nicht wissen. Weiter geht’s im Text: Die benachrichtigte Polizei – ja, die gibt es hier noch, eine ganz normale Polizei, die kommt und nicht vorab ein SEK einrichtet oder Verstärkung anfordert – konnte daraufhin auch ohne Profiler und DANN-Analysen den Bösewicht ausfindig machen: Er war der einzige Mann mit nassen Hosenbeinen, der seine Fluchtmöglichkeit auf Gleis 1 des Mescheder Bahnhofs realisieren wollte. Pech gehabt!
Ja, ich fühle mich hier pudelwohl, Meschede ist meine Stadt. Allerdings habe ich eine große Bitte: Wir sollten das geheim halten, damit nicht zu viele auf den Geschmack kommen, „nach“ hier zu ziehen, weil man es hier so herrlich mitmenschlich „warm hat“.
Erstmalig erschienen in „Mescheder Geschichten“ von Sabina Butz



