Hoch über dem Möhnesee geht Martin Weimer nach fast zwei Jahrzehnten von Bord

Martin Weimer

Es gibt Orte, die besitzen eine besondere Ausstrahlung. Das Heinrich Lübke Haus am Möhnesee gehört definitiv dazu. Hausleiter Martin Weimer hat zeit seines Wirkens aktiv dazu beigetragen. Seit 2017 ist er der Kapitän dieses besonderen Schiffs, das zwischen einer Urlaubsidylle für Familien, einem modernen Tagungszentrum und einer anerkannten Bildungseinrichtung navigiert.

Wenn er im Frühjahr 2026 das Ruder in andere Hände übergibt, wird er weit mehr hinterlassen als nur ein erfolgreich geführtes Haus in malerischer Lage. Er hinterlässt ein Gefühl, eine Haltung und eine lebendige Kultur des Miteinanders, die in jedem Winkel des Hauses spürbar ist. Eine der größten, fast existenziellen Herausforderungen seiner Amtszeit kam leise und legte sich wie ein unsichtbarer Schleier über alles. Als die Pandemie das gesellschaftliche Leben zum Stillstand brachte, zog eine surreal wirkende Stille ein, wo sonst Lachen, angeregte Gespräche und das Klappern von Geschirr die akustische Kulisse bildeten. Ein Haus voller Betten, aber ohne einen einzigen Gast. Ein Ort voller Möglichkeiten, aber ohne die Menschen, für die sie gedacht waren. Für einen Mann, dessen berufliche Leidenschaft die Begegnung und der Austausch sind, war dieser Zustand ein schier unlösbares Paradoxon.

Auch auf der Bühne macht Martin Weimer eine gute Figur.

Doch genau in dieser Stille, im Echo seiner Schritte im leeren Speisesaal, offenbarte sich die wahre Stärke seiner Führung. Anstatt in eine – verständliche – Schockstarre zu verfallen, schmiedete er mit seinem Kernteam Pläne und Visionen. Es ging nicht nur darum, wirtschaftlich zu überstehen oder die Zeit abzusitzen. Es ging viel mehr darum, zusammenzuhalten, die Mannschaft motiviert zu halten und die Zeit sinnvoll für Renovierungen, die während des laufenden Betriebs kaum möglich gewesen wären, zu nutzen.

Als das Leben schließlich zurückkehrte, war das Team noch vollständig an Bord. Bereit, mit neuer Energie und frischem Elan die Segel zu setzen. Dieser unerschütterliche Zusammenhalt ist vielleicht das größte Vermächtnis, das der 64-Jährige in den unvorhersehbaren Stürmen der Zeit geschaffen hat. Wer durch das Heinrich Lübke Haus schlendert, spürt unweigerlich den Charme der 1970er Jahre. Ein Flair aus warmen Holztönen, kräftigen Farben wie Orange und Avocado-Grün, geometrischen Mustern sowie einer Haptik, die weit entfernt ist von der kühlen Glätte moderner Designs.

„Chaos ist hier kein Fehler, sondern gelebte Tradition.“

Martin Weimer geht nach 19 Jahren im Frühjahr kommenden Jahres in Rente.

Martin Weimer ist sich der polarisierenden Wirkung dieses Stils sehr bewusst. „Viele Gäste empfinden das als schön und fühlen sich hier wohl. Andere träumen von einem moderneren Ambiente.“ Er sieht die Zukunft des Hauses in einer behutsamen, schrittweisen Modernisierung. In seiner Amtszeit hat er gezielt dort investiert, wo es am meisten zählt, beispielsweise in die komplette technische und optische Erneuerung des Schwimmbads, denn er weiß: „Wohlfühlen hängt nicht vom Design ab, sondern in erster Linie von Funktion und Sauberkeit. Den eigentlichen Kern des Hauses, seine unverwechselbare Seele, würde ich jedoch niemals antasten.“

Diese Seele besteht für ihn nicht aus Beton oder Holzvertäfelung, sondern aus der bunten, vielfältigen und immer wieder neuen Mischung der Menschen, die hier aus allen Teilen der Republik zusammenkommen. So ist „Die Mischung macht’s!“ auch sein Motto. Die Zukunftsvorstellung, dass ein seelenloser Empfangsroboter das herzliche Lächeln an der Rezeption ersetzt oder Algorithmen die Herzlichkeit im Service steuern, ist für ihn ein Grauen. Technik soll dienen, aber niemals die menschliche Komponente überlagern oder gar ersetzen.

Seiner Nachfolgerin Kirsten Tischer, die am 1. Dezember 2025 ihre Tätigkeit beginnt, gibt er einen Kompass mit auf den Weg, der aus nur drei wichtigen Richtungen besteht: „Bleib neugierig, herzlich und ein bisschen verrückt!“ Diese Anleitung passt perfekt zu seiner eigenen Vision. Wenn Geld keine Rolle spielen würde, träumte er nicht von goldenen Wasserhähnen oder Marmorböden, sondern von einem an das Haus angedockten „Raumschiff“ – einem gläsernen, scheinbar schwebenden Panoramacafé, das einen atemberaubenden Blick über den Möhnesee bietet. Ein verrückter Gedanke, der zeigt, dass seine Wurzeln zwar fest im Boden der Tradition und des Machbaren verankert sind, der persönliche Blick aber immer zu den Sternen und neuen Möglichkeiten gerichtet ist.

Dieser feine Sinn für das Visionäre, gepaart mit einer großen Prise Selbstironie, macht seine Persönlichkeit aus. Sein inoffizieller Ratschlag für das Übergabeprotokoll an seine Nachfolgerin lautet daher auch: „Chaos ist hier kein Fehler, sondern Tradition.“ Es ist die humorvolle Anerkennung, dass ein lebendiges Haus ein Organismus ist, kein präzises Uhrwerk. Man kann es leiten, aber niemals bis ins letzte Detail kontrollieren. Oft sind es die unvorhergesehenen Momente, die die besten Geschichten schreiben.

Der Möhnesee ist fußläufig erreichbar.

Was wird ihm also fehlen, an den ruhigen Montagmorgen im Ruhestand? Es sind nicht die strategischen Überlegungen zu den Buchungszahlen oder die Herausforderungen des Budgets. Es ist das leise, vertraute Summen des Alltags. Das freundliche „Guten Morgen“ am Kaffeeautomaten, die kurzen, ungezwungenen Gespräche über das vergangene Wochenende. Diese kleinen, oft übersehenen, aber unschätzbaren Momente machen das Arbeitsumfeld zu einem zweiten Zuhause. Der erfahrene Kapitän geht von Bord, doch sein guter Geist, geprägt von Menschlichkeit, Weitblick und einer ordentlichen Portion Humor, wird noch lange durch die Flure am Möhnesee spürbar bleiben.