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Wenige Dinge – Fotos, Poesiealben, Postkarten, ein Verlobungsring, ein Kaffeeservice – reichten Autor Henning Sußebach, um das außergewöhnliche Leben seiner Urgroßmutter Anna zu rekonstruieren. In Cobbenrode fand er Spuren, Fragen und eine Haltung: Selbstbestimmung gegen den Strom der Zeit. Ein Gespräch über Recherche, Heimat und die „Annas“ in unseren Familien.
Am Anfang standen nur wenige Hinterlassenschaften. Nach zwei Jahren der Suche setzte sich ein Bild zusammen: Anna, eine Frau, die sich „nahm, was sie zum Leben wollte: Männer, Arbeit, Freiheit.“ Aus diesen Fragmenten wurde ein Buch über Mut und Eigenständigkeit – und über die Frage, was von einem Leben bleibt.
„Zugleich Familiengeschichte und Welthistorie. Sußebach erzählt das außergewöhnliche Leben einer ganz gewöhnlichen Frau.“ (Christiane Hoffmann)
1887, tief im Sauerland: Anna Kalthoff kommt nach Cobbenrode, vorgesehen als Lehrerin – und entscheidet sich doch immer wieder gegen Erwartungen und Konventionen. Sie heiratet (Vogelheim), wird Witwe, heiratet später erneut (Raesfeld) – ein Bruch, ein Neubeginn, immer wieder. 1902 übernimmt sie nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes die Leitung der Postagentur: eine zentrale Position im Dorf, wirtschaftlich wie sozial.
Sußebach erzählt im Interview, wie er die Quellen sichtete – von Kirchenbüchern und Standesamtsregistern über Grundbuch- und Flurkarten bis zu digitalisierten Beständen – und wie er Lücken offen lässt, statt sie zu fictionalisieren. Es ist eine Annäherung: behutsam, präzise, respektvoll. Das Buch ermuntert, in der eigenen Familie nach „Annas“ zu suchen – nach Frauen, deren Entscheidungen bis heute nachwirken.
Ein großer Teil des Gesprächs dreht sich um das Sauerland. Nicht als Postkarte, sondern als Haltung: Verbindlichkeit, Genauigkeit, ein stilles Selbstbewusstsein. Aus Cobbenrode und der Region führt die Spur in die Gegenwart – auch zu wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen zwischen Sauerland und Ruhrgebiet. Sußebach beschreibt, wie sehr die Region unterschätzt werde: landschaftlich bekannt, unternehmerisch oft übersehen.
Besonders eindrücklich: Annas Selbstbestimmung in einer Zeit enger Regeln. Lehrerin, Witwe, Mutter (spät noch einmal), Leiterin der Post – und damit Vorbild für andere. Sußebachs Ansatz verzichtet bewusst auf Schmuck: keine Fiktion, dafür Dokumentation und Deutung. So bleibt Raum für das, was ein Leben ausmacht – und für das, was wir daraus lernen können: über Heimat, Wandel und weibliche Souveränität.
Titel: ANNA ODER: WAS VON EINEM LEBEN BLEIBT
Autor: Henning Sußebach
C.H.BECK 978-3-406836-26-8/23,00 Euro
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