Harmonische Disharmonie

Kloster Bredelar

Kloster Bredelar zwischen Spiritualität, Schwerindustrie und Kunst

Das ist einmalig: Ein Klostergebäude dieser Art gibt es nach den Recherchen des Fördervereins Kloster Bredelar kein zweites Mal auf der Welt. In die barocke, der Spiritualität gewidmeten Bausubstanz wurden nach der Säkularisierung auf brutalste Weise technische Installationen der Schwerindustrie – eines Hüttenbetriebes und einer Gießerei – eingebaut. Die Wandlung vom Monastischen zum Monetären trug aber nicht bis in die Gegenwart: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lagen mehr und mehr Gebäudeteile brach. Um die Wende zum neuen Jahrtausend konnten engagierte Marsberger einen Förderverein gründen und der damaligen Eigentümergemeinschaft die Anlage abkaufen. Das heutige Gebäude erzählt mit seinen Narben die eigene Geschichte: Stuckwerk wird von Stahlträgern zerschnitten, Glasbausteine ersetzen Buntglasfenster, Pflaster und Schienenfragmente bedecken ehemalige Parkflächen.

Narben erzählen Geschichte
Nach Einschätzung von Johannes Schröder, dem Vorsitzenden des Fördervereins Kloster Bredelar e.V. ist es gerade diese Eigenschaft, die das Gebäudeensemble so besonders erhaltenswert macht: die Fähigkeit, durch die Spuren an Wänden, Böden und Decken die eigene Geschichte plastisch zu erzählen. Und so sieht er auch die wichtigste Aufgabe rund um den Erhalt des Baudenkmals darin, alle Brüche und Kontraste zu erhalten. Alle neuen Zugaben – wie eine lichtdurchflutete Halle für Kunstausstellungen auf den Grundmauern der Ruine des ehemaligen Südflügels – sind sofort als solche zu erkennen. Zisterzienserklosterreste und Theodorshüttenfragmente koexistieren in harmonischer Disharmonie. Barocke Putzreste teilen sich die Wände mit zerschnittenen Stahlträgern und moderner Kunst.

Die ehemalige Klosterkirche und der Gebäudeflügel mit dem Hauptportal sind fertig renoviert und werden ebenso vielfältig wie intensiv genutzt: als Heimat des Heimatmuseums, für Veranstaltungen der VHS, gewinnbringend für Hochzeiten und kostenlos für Aktivitäten aller Vereine der Region – vor allem aber für Kunst vom Konzert bis zur hochkarätigen Ausstellung. Immerhin bietet das Kloster Bredelar heute den größten Kunstausstellungsraum des Sauerlandes. Der Wahl-Esloher Thomas Jessen hat hier schon ebenso die Großzügigkeit der Raumdimensionen dafür genutzt, seine großformatigen Werke zur Geltung zu bringen, wie der deutsch-holländische Künstler Andreas Hetfeld und viele andere.

Drei Programmsäulen
Um den gewaltigen Arbeitsaufwand der durchschnittlich 240 Veranstaltungen und ca. 12.000 Besucher pro Jahr bewältigen zu können, hat der Förderverein gemeinsam mit der Stadt Marsberg 2009 die „Begegnungs- und Kulturzentrum Kloster Bredelar gGmbH“ gegründet, die das Leben in und für die Anlage lenkt. Deren hauptamtliche Geschäftsführerin Marita Veith und ihr Team unterstützen seither die zwölf ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder des Fördervereins bei der Umsetzung der Projekte der Zukunft.

Die drei großen Säulen der Geschichte dieses Bauwerks – Kloster, Schwerindustrie und Kunst – spiegelt auch das Programm. Anne Degenhardt, die Beisitzerin des Vorstandes, erzählt von der aktuellen Interpretation der klösterlichen Säule: Ökumenische Kinderklostertage in den Herbstferien werden von Kindern der Region begeistert angenommen. Und Andreas Melliwa, der 2. Vorsitzende des Fördervereins, bietet jeden ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr eine öffentliche Führung an – ganz stilecht im Gewand der Zisterzienser.

Auch die Schwerindustrie-Säule soll in Zukunft nicht nur durch Bauwunden sichtbar sein. Johannes Schröder erzählt vom ambitioniertesten Zukunftsprojekt des Vereins. In einem Nebengebäude, der „Putzhütte“, soll die Gießerei als Mitmach-Erlebnisgießerei wieder lebendig werden. Hitze, flüssiges Metall und die Chance zum Selbst-Hand-Anlegen verwandeln dann die Putzhütte mit ihren alten Maschinen in viel mehr als ein Museum. Große, weitere Gebäudeteile schlummern noch unter einer dicken Staubschicht und warten auf die Kreativität der Fördervereinsmitglieder bei der Findung neuer Nutzungsformen rund um Begegnung, Kunst und Kultur – der dritten Säule.

Preisgekrönte Vereinsleistung
Die außergewöhnliche Arbeit des Fördervereins Kloster Bredelar e.V. wurde schon mehrfach ausgezeichnet. So hat beispielsweise 2011 niemand geringerer als der Startenor Placido Domingo dem Verein den Europa Nostra-Preis der Europäischen Union für das Kulturerbe überreicht. Der Innovationspreis der Westfalen Weser Energie GmbH & Co. KG, der Bürgerpreis der Stadt Marsberg, der Deutsche Nationalpreis für Denkmalschutz und der „WegWeiser“-Preis der NRW-Stiftung sind nur einige der weiteren Anerkennungen der besonderen Vereinsleistung.

Kloster Bredelar: Vom Zisterzienserkloster zum Zentrum für Natur- und Vogelschutz

Text: Joachim Nierhoff

Weit im östlichen Teil des historischen Herzogtums Westfalen, nicht weit von Marsberg, finden wir das ehemalige Prämonstratenserstift Bredelar im Tal der Hoppecke. Anfangs ein Damenstift des genannten Ordens, wurde es ein Vierteljahrhundert später, 1196, in ein Männerkloster des Zisterzienserordens umgewandelt. Die Zisterzienser waren aus einer Reformbewegung des Benediktinerordens hervorgegangen, und so entstanden in Westfalen und Europa im 13. Jahrhundert eine ganze Reihe von Konventen, besonders im Sauerland. Gerade für Frauen war wohl der Eintritt in ein Kloster besonders attraktiv, da sie damit einen gewissen Grad von Selbstbestimmung erreichen konnten, zumindest innerhalb der Klostermauern. Natürlich führte meist ein männlicher Vogt die Rechtsgeschäfte und vertrat auch die wirtschaftlichen Interessen nach außen, wenn es z. B. um Mühlen oder die Nutzung der verschiedenen Ländereien ging, die oft weit verstreut lagen.

Als besonderes Highlight der frühen Klostergeschichte wird eine im Hohen Mittelalter erstellte Ausgabe der Bredelarer Bibel bezeichnet, deren Schönheit die handschriftliche Kunst der Mönche dokumentiert. Auch sie wurde wie so viele kirchliche Kunstgegenstände nach der Säkularisation in die Universitätsbibliothek nach Darmstadt verbracht. Große Rückschläge im Laufe der Jahrhunderte verursachten der Dreißigjährige und der Siebenjährige Krieg, als das Kloster zu einem Lazarett umfunktioniert wurde. Die größte Katastrophe ereignete sich, als 1787 durch ein Feuer alle Klostergebäude vernichtet wurden. Danach existierte das Kloster mit seinem großen landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Besitz nur noch wenige Jahre, bis es 1802 durch die Hessen endgültig aufgelöst wurde. Nach vier Jahrzehnten als staatliche Domäne kaufte der Hüttenbesitzer Theodor Ulrich das ehemalige Stift und errichtete unter dem Namen Theodorshütte eine Eisengießerei und baute später auch Hochöfen in die Klostergebäude ein. Nach 1931 wurden die Gebäude verschiedentlich genutzt, bis sich im Jahr 2000 der Förderverein Kloster Bredelar e. V. gründete. Mit Hilfe des Landes NRW und der NRW-Stiftung, von Spenden und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz wurde das Gebäude restauriert, in dem heute Vorträge und Ausstellungen stattfinden. Als Nutzungspartner befindet sich hier der Sitz des Vereins für Natur- und Vogelschutz im Hochsauerlandkreis.