Gestohlene Kirchenglocken und Tauben auf dem Dach

Neerdar bei Willingen  

Willingen steht für die meisten Außenstehenden für Party, Fun, für 6.000 Besucher pro Wochenende und knapp ein Million Übernachtungen pro Jahr. Zu Vor-Coronazeiten. Willingen, die Gemeinde Willingen, steht aber auch für acht Ortsteile, sprich für acht Dörfer mit Fachwerkhäusern, mit traumhafter Natur und verwurzelten Einwohnern. Dörfer wie zum Beispiel Neerdar. 

Stolz und in sich ruhend sitzt Ortsvorsteher Jürgen Bangert am langen Tisch des Holzpavillon in der Ortsmitte. Vor drei Jahren haben sie die überdachte Sitzgarnitur als Gemeinschaftsaktion auf eine leichte Anhöhe gestellt, in den Schatten der historischen Sankt Pankratius-Kirche und direkt neben das Dorfgemeinschaftshaus. „Der Pavillon hat sich zu einem echten Treffpunkt entwickelt“, sagt er sichtlich stolz, „sowohl für uns Neerdarer als auch für die Touristen, die in Neerdar Station machen.“ Manche Besucher meinen, damit wäre auch das einzige Highlight von Neerdar beschrieben. Bangert findet das nicht schlimm, und außerdem stimme das sowieso nicht. 

Mit knapp 100 Einwohnern und 35 Häusern gehört Neerdar eher zu den kleineren Willinger Dörfern. Aber fünf eingetragene Vereine zeugen von einem regen Innenleben. Feuerwehr und Schützenverein sind natürlich gesetzt, dazu kommen der Heimat- und Verkehrsverein, die „Alten Kameraden“ und der Rot-Kreuz-Ortsverein. „Das alles funktioniert aber nur, weil viele Neerdarer, die nicht mehr vor Ort wohnen, trotzdem ihren Vereinen die Treue halten“, erklärt Dennis Kasper von der „Kyffhäuser Schützenkameradschaft, „Das gilt auch für die Vorstandsposten, die ´ne Menge Arbeit bedeuten“.  

Gepflegtes Dorfleben 

Geblieben sind noch eine Kneipe, ein Schreinerei-Betrieb und zwei Landwirte im Nebenerwerb. Nicht wenige fühlen sich in Neerdar abgehängt, weil auch der Öffentliche Nahverkehr so gut wie nicht existiert. Es gibt zwar einen Bahnhof, aber da rauschen die Züge nur durch. Ein attraktives Baugebiet soll junge Familien nach Neerdar locken; zwei Häuser sind auch schon entstanden, fünf Bauplätze noch frei. Wer kommt, sollte flexibel sein, denn zum Einkaufen, zur Schule, zum Arzt oder zur Arbeit geht’s notgedrungen in die Nachbarschaft nach Willingen, Usseln oder Korbach.  

Was bleibt, ist eine wohltuende Abgeschiedenheit und Ruhe, die die Neerdarer eng zusammenleben lassen. Und die immer mehr Touristen zu schätzen wissen. Die Neerdarer setzen auf das Wandern. Einmal geht der Premiumweg „Uplandsteig“ mitten durchs Dorf und auch der Diemelsteig kratzt an der Dorfgrenze. In Neerdar selbst kann man auf dem Köhlerweg, dem Drei-Dörfer-Weg und dem Staatsweg auf ausgeschilderten Routen das Dorf umrunden – die längste Strecke ist knapp sieben Kilometer lang. „Wir werden da von den Willinger Tourismusprofis toll unterstützt“, ist Jürgen Bangert froh. 

Dorfidyll und Großstadttrubel als ideale Mischung 

Der Pavillon in der Dorfmitte ist bei den Wanderern ein beliebter Pausenplatz. „In den Sommermonaten sehe ich hier fast täglich Gruppen rasten“, freut sich Thomas Bangert, „und der Rundumblick zeigt dann auch die verborgene Schönheit unseres Dorfes“. Ortsvorsteher Jürgen Bangert kurbelt das Leben in seinem Dorf kräftig an. Zusammen mit seinem Bruder Thomas hat er zwei nagelneue Tiny-Häuser in den großen parkähnlichen Garten seines Hauses gestellt. „Wir leben gern hier in dieser wunderschönen Natur und merken, dass auch Gäste das zu schätzen wissen! Die Häuser werden supergut angenommen“. 

Die Brüder sehen ihre Heimat mittlerweile aus verschiedenen Blickwinkeln. Während Jürgen als Ortsvorsteher buchstäblich vor Ort lebt und arbeitet, hat es Thomas beruflich nach Berlin verschlagen. „Das Pendeln war eine bewusste Entscheidung, aber ich habe mein Standbein immer noch in Neerdar. Zum Teil in Berlin und zum Teil im Homeoffice in Neerdar, das ist die perfekte Mischung“, sagt der Immobilienfachmann. 

Ein Leben wie im Taubenschlag 

Neerdar ist nämlich ruhig, aber lange nicht tot. Alle vier Jahre gibt’s ein Meilerfest, und alle zwei Jahre ein Schützenfest. Bei allen Festen feiert das Nachbardorf Bömighausen kräftig mit – die sind mit 260 Einwohnern immerhin eineinhalb Mal größer als Neerdar. Man versteht sich ausgezeichnet, was zwischen Nachbardörfern bekanntlich nicht selbstverständlich ist. Und im Sommer haben die Tauben Neerdar für sich entdeckt. Direkt neben dem Dorfpavillon haben die Neerdarer ein Schwalben-Rundhaus gebaut – in rund drei Meter Höhe thronen auf einem Pfahl 25 Schwalbennester aus Holz. Für jedes Nest hat eine Familie eine Patenschaft übernommen.  

Verkaufte Kirchenglocken wieder aufgetaucht 

Auch im Winter wird in Neerdar die Gemeinschaft gepflegt. Jeweils am 29.12. wandert das gesamte Dorf zur Debeshütte im Wald, dort wird das alte Jahr mit einem kleinen Fest, organisiert vom Schützenverein, rustikal verabschiedet. Im Dorf sind dann auch die Glocken der Neerdarer St. Pankratius-Kirche zu hören. Das war nicht immer so: Im 30-jährigen Krieg haben die Neerdarer sie verkauft. Und erst 1972 sind die drei Glocken dann per Zufall im Heizungskeller der Korbacher Kilianskirche wiederentdeckt worden. 333 Jahre nach dem Notverkauf erklangen sie dann wieder an ihrer alten Stelle. Am Heiligen Abend werden sie dann traditionell von Hand geläutet.