Made in Schmallenberg – gemacht für die Welt

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Idee aus Grafschaft revolutioniert das Biegen von Rohren

Schmallenberg war vor 50 Jahren ein bedeutender Ort der westfälischen Textil- und Bekleidungsindustrie. Zahlreiche Firmen in der Kernstadt, in Fredeburg, Oberkirchen, Dorlar und weiteren Dörfern produzierten Strümpfe, Strick- und Wirkwaren, Teppiche oder andere Textil- und Bekleidungsprodukte. Über die Hälfte aller Beschäftigten hatten 1975 in diesen Unternehmen ihren Arbeitsplatz. Aus der nahen und weiteren Umgebung kamen daher Hunderte von Pendlern in die Stadt.

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Heute, im Jahr 2025, sieht das Bild anders aus. In dem einzigen noch übriggebliebenen Betrieb der Bekleidungsbranche arbeiten knapp 1.000 Menschen. Wesentlich mehr sind unter anderem in Industriebetrieben des Maschinenbaus und anderen Gewerken beschäftigt. Eine dieser Firmen ist transfluid, 1988 gegründet und mit über 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eines der zahlreichen, innovativen und international agierenden Familienunternehmen „Made in Schmallenberg“. Nach einer inspirierenden Werksführung durch den Gründer Ludger Bludau haben wir uns mit ihm und den weiteren Geschäftsführern Stefanie Flaeper, Christoph Tigges und Benedikt Hümmler zu einem Interview getroffen.

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WOLL: Als vor 50 Jahren die Stadt Schmallenberg aus den beiden Gemeinden Schmallenberg und Fredeburg gebildet wurde, gab es die Firma transfluid noch nicht. Wie und wann kam es zur Gründung?

Ludger Bludau:
Im Maschinenbau gab es in den 80er Jahren keine maschinelle Lösung, um kleine Rohrdurchmesser wirtschaftlich zu biegen. Den Gedanken haben mein Kollege Gerd Nöker und ich im Sommer 1987 aufgegriffen. Im Keller von Gerd haben wir mit einfachenMitteln, viel Gehirnschmalz und drei Partnerfirmen einen Prototyp entwickelt. Mechanische Teile, Blechteile, Hydraulikkomponenten usw. kamen von den Partnern. Bei der Elektrik hat uns ein Bekannter unterstützt. Der Hydrauliker hat uns sogar die Komponenten geschenkt – und uns Mut gemacht: „Jungs fangt einfach an, es kommt sowieso anders, als ihr denkt.”Die Stadtsparkasse hat uns das gewünschte Kapital zur Verfügung gestellt. Und so starteten wir vor 37 Jahren in gemieteten Räumen in Schmallenberg-Gleidorf. Schnell kam ein zweites Produkt dazu. Das konnten wir bereits 1989 auf der Hannover-Messe vorstellen. Bei den Hydraulikern schlug er ein „wie eine Bombe“. Von da an ging es steil nach oben. Die Maschine wird heute, in modifizierter Form, immer noch gut verkauft.

Auch nach über 30 Jahren noch ein Renner!
Ludger Bludau

WOLL: Was war damals Ihre Motivation?

Ludger Bludau:
Wir wollten etwas Eigenes aufbauen, mit eigenen Ideen in einem technischen Bereich etwas bewegen. Die Vision war, Lösungen zu schaffen, die in der Praxis wirklich einen Unterschied machen. Frei nach der Devise: Wer in die Fußstapfen eines anderen tritt, kann diesen nicht überholen.

WOLL: Was war für Sie der entscheidendste Meilenstein in der Entwicklung des Unternehmens?

Ludger Bludau:
Ein wichtiges Ereignis war der Umzug 1991 nach Schmallenberg. Damit wurde uns die Möglichkeit eröffnet, zu wachsen und unsere Geschäfte auszudehnen. Die Erweiterung der Geschäftsführung im Jahr 2008, Zukäufe von weiteren Immobilien und Grundstücken sowie die Ausdehnung von Wertschöpfung und Fertigungstiefe in verschiedenen Bereichen gehören ebenfalls dazu. Ein wirklich entscheidender Meilenstein war natürlich auch die Gründung der Tochtergesellschaft in den USA im Jahr 2020.

WOLL: transfluid steht für hochspezialisierte Maschinenlösungen. Was sind aktuell die innovativsten Entwicklungen?

Benedikt Hümmler:
Hier sind auf jeden Fall die Busbar-Biege mit neuem Roboterbieger zum Biegen von Stromschienen für die E-Mobilität, zum Beispiel in PKWs, und der eigene Schaltschrankbau zu nennen. Die Neu- und Weiterentwicklung von Softwareplattformen für unsere Maschinen und Anwendungen zählt ebenfalls zu den herausragenden Leistungen.

WOLL: Wo sehen Sie die größten Wachstumspotenziale?

Stefanie Flaeper:
Wir haben einen gesunden Branchen-, Länder- und Produktmix. Wir sind weiterhin in den klassischen Branchen und Märkten unterwegs, agieren aber auch immer dort, wo wir neue Chancen erkennen. Stichworte: E-Mobilität, Luft-Wärmepumpe, Luft- und Raumfahrt.

Über die Grenzen von Schmallenberg hinaus

WOLL: transfluid ist weltweit aktiv. Wie gelingt es, von Schmallenberg aus ein globales Netzwerk zu steuern?

Stefanie Flaeper:
Entscheidend ist die Begeisterung und Bereitschaft unserer Mitarbeiter, sich weltweit zu engagieren. Von Beginn an haben wir ein weltweites Kooperationsnetz mit Händlern und Vertriebspartnern aufgebaut. Durch persönliche Treffen und der Präsenz auf relevanten Messen konnten wir ein globales Netzwerkmit guten Kontakten installieren, welches ständig gepflegt und ausgebaut wird.

Ludger Bludau


WOLL: Wie vereint man technische Präzision „Made in Germany“ mit den sehr unterschiedlichen Erwartungen internationaler Kunden?

Stefanie Flaeper:
„Made in Germany“ bringt einen Vertrauensvorschuss mit sich. Am Ende zählt aber die Leistung. Durch die systematische Integration von Kundenwünschen und -anforderungen in unsere Produktentwicklungsprozesse können wir den Erwartungen für den konkreten Einsatzbedarf noch besser entsprechen.

In der Region verwurzelt

WOLL: Sie führen transfluid gemeinsam als Team. Wie ergänzen sich Ihre Rollen und Perspektiven in der täglichen Zusammenarbeit?

Burkhard Tigges:
Jeder hat seinen Bereich, den er verantwortet. Gleichzeitig versuchen wir abteilungsübergreifend, sowohl mit den Mitarbeitern als auch in der Führungsebene, offen zu kommunizieren. Wir haben flache Hierarchien und sind dadurch immer nah am Geschehen.

Burkhard Tigges


WOLL: Frau Flaeper, Sie sind eine der immer noch wenigen Frauen in der Führung eines Industrieunternehmens. Wie erleben Sie diesen Umstand?

Stephanie Flaeper:
Tatsächlich ist der Maschinenbau, wie viele technische Branchen, nach wie vor stark männlich geprägt. Was mir persönlich hilft, ist eine klare Haltung, Fachkompetenz und der Wille, Dinge zu gestalten. Ich sehe mich nicht als Ausnahme, sondern als Teil eines Wandels, der dringend notwendig ist, um die Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit unserer Branche zu sichern. Und ich wünsche mir, dass noch viel mehr Frauen diesen Weg gehen.


WOLL: Wie führen Sie ein innovatives Unternehmen durch Veränderung, ohne die Identität zu verlieren?

Ludger Bludau:
Wir sind ein Familienunternehmen. Alle sind stark in der Region verwurzelt. Wir versuchen, vorzuleben, was wir auch von unseren Mitarbeitern erwarten. Wir haben ein offenes Ohr für die Belange der Mitarbeiter und wir sind seit Jahren als familienfreundliches Unternehmen zertifiziert.



WOLL: Der Fachkräftemangel ist auch im Sauerland spürbar. Wie gelingt es Ihnen, qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden und zu halten?

Burkhard Tigges:
Wir sind seit Jahren einer der größten Ausbildungsbetriebe im IHK-Bezirk Arnsberg und bilden inzwischen in neun Ausbildungsberufen aus. Auch hier orientieren wir uns immer an den Bedürfnissen des Unternehmens und integrieren Ausbildungsberufe, die das Unternehmen weiterbringen. So haben wir in den letzten Jahren unser Ausbildungsangebot
– neben Industriekaufmann, Industriemechaniker und Mechatroniker – um die Ausbildungsberufe Elektroniker für Betriebstechnik, Elektroniker für Automatisierungstechnik, Zerspanungsmechaniker, Fachkraft für Lagerlogistik, Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung und ganz neu Mediengestalter Digital und Print erweitert.


Zukunft und Verantwortung

WOLL: Nachhaltigkeit ist heute ein Schlüsselthema. Wie setzen Sie ökologische Verantwortung im Maschinenbau um?

Benedikt Hümmler:
Ein zentrales Zukunftsziel unseres Unternehmens ist die konsequente Ausrichtung auf nachhaltiges Wirtschaften. Entsprechend versuchen wir auch die Nachhaltigkeit in der Konstruktion unserer Maschinen und Anlagen täglich zu verbessern. Das war aber schon immer Grundgedanke unseres täglichen Handelns.

WOLL: Welche Rolle spielt für Sie als Unternehmen das Sauerland – wirtschaftlich, aber auch emotional?

Stefanie Flaeper:
Wir liegen strategisch gesehen in der Mitte Europas. Zwar haben wir keine optimale Verkehrsanbindung an alle Verkehrswege, trotzdem können wir von hier aus die ganze Welt bedienen. Wir haben loyale, heimatverbundene Mitarbeiter aus der Region, denen es etwas bedeutet, dort zu wohnen und zu arbeiten, wo andere Urlaub machen.

WOLL: Wie könnte transfluid im Jahr 2075 aussehen, wenn die Stadt Schmallenberg ihr 100-jähriges Jubiläum feiern wird?

Benedikt Hümmler:
Dann könnte transfluid ein hochdigitalisiertes Technologieunternehmen sein, das mit vernetzten, autonomen Fertigungslösungen weltweit Standards setzt. Wir hoffen, dass transfluid dann immer noch ein Familienunternehmen im besten Sinne ist, mit einem starken Teamgeist, der technologische Exzellenz und Verantwortung für Region und Gesellschaft verbindet.