
Zwei Schwestern aus den USA auf Spurensuche in der alten Heimat
Es sind diese leisen Momente, die bleiben. Der erste Schritt vor das alte Haus. Der Blick über Hügel, Wälder, Orte, deren Namen man ein Leben lang gehört, aber nie wirklich gesehen hat. Für Susan (64) und Laurie (58) ist das Sauerland kein fremder Ort. Es ist Erinnerung. Es ist Gefühl. Es ist ein Stück Familie. Nach Jahrzehnten sind die beiden Schwestern aus den USA zurückgekehrt, dorthin, wo ihre Wurzeln liegen. Ihre Mutter stammte aus dem Sauerland, ihr Vater aus Oberense. Kurz nach dem Krieg zog es beide nach Amerika, nach Detroit. Ein Neuanfang, wie ihn viele suchten und fanden.
„Unsere Mama (Magdalene Schauerte geb. in Kückelheim) hatte das Sauerland immer im Herzen“, erzählen sie. „Sie hat davon gesungen, davon erzählt, jeden Tag ein bisschen.“ Die Sehnsucht der Mutter wurde Teil der Kindheit. Zuhause wurde Deutsch gesprochen, Geschichten von früher waren allgegenwärtig. „Wir haben ihre Sehnsucht mitbekommen. Und irgendwann hatten wir selbst Heimweh.“
Jetzt sind sie hier. Endlich.
Der Moment der Ankunft im Sauerland ist kaum in Worte zu fassen. „Als wir angekommen sind, habe ich gedacht: Endlich sind wir hier“, sagt Laurie, die noch den Familiennamen ihres Vaters, Busemann (Adolf Busemann geb. in Bremen- Oberense) im Pass stehen hat. Es ist mehr als eine Reise. Es ist ein Ankommen im eigenen Ursprung.
Bei einem großen Familientreffen der Nichten und Neffen sowie einiger Onkel und Tanten Ende März in Arpe wird schnell klar: Die Verbindung ist nie abgerissen. „Wir haben uns alle wiedererkannt“, sagen sie und lachen. Namen, Gesichter, Erinnerungen – vieles ist vertraut geblieben. Und vor allem: die Herzlichkeit. „Alle Menschen hier sind so freundlich. Wir haben uns sofort willkommen gefühlt“, sagt Susan.
Die Tage im Sauerland sind dicht gefüllt. Kückelheim, Heiminghausen, Bad Fredeburg, Berghausen, Niederberndorf, Wormbach, Oberelspe, Schmallenberg – Stationen einer ganz persönlichen Spurensuche. Orte, die bislang nur aus Erzählungen existierten, werden plötzlich lebendig. Und immer wieder diese leise Erkenntnis: Familie ist mehr als Nähe im Alltag. Sie ist Verbindung über Generationen hinweg.
Aufgewachsen in den USA
Aufgewachsen sind Susan und Laurie in Detroit, in einer internationalen Nachbarschaft mit vielen europäischen Einflüssen. Deutsche, Polen, Italiener – ein Stück alte Welt in der neuen. Der Vater arbeitete als Chemiker, entwickelte sogar eine besondere schwarze Farbe, die später unter anderem in der Filmindustrie Verwendung fand. „Vielleicht das schwärzeste Schwarz“, erzählen sie schmunzelnd, eine kleine Familiengeschichte, die zeigt, wie eng Herkunft und Lebensweg miteinander verwoben sind.
Doch so amerikanisch ihr Leben auch ist – das Sauerland war immer da. In der Sprache, in den Traditionen, in den Geschichten. Heute, bei ihrer Reise, spüren sie auch die Unterschiede. „In Deutschland sind die Menschen ruhiger, bedächtiger – aber sie schaffen unglaublich viel an einem Tag“, sagen sie. In den USA sei vieles schneller, hektischer, oft auch von politischen Spannungen geprägt. „Hier ist es einfach … schön.“

Und dann sind da die kleinen Dinge, die plötzlich große Bedeutung bekommen: frische Brötchen am Morgen, ein gutes Bier, Gespräche am Tisch. „Die Brötchen hier, die gibt es bei uns nicht. So knusprig, so lecker.“ Doch die Reise hat auch eine ernste Seite. Vor zwei Jahren ist ihr Bruder bei einem Unfall ums Leben gekommen. Ein Verlust, der noch immer nachwirkt. „Das war ein großer Schock“, erzählen sie. Gerade deshalb bekommt das Wiedersehen mit der Familie eine besondere Tiefe.
Was bleibt nach diesen Wochen im Sauerland?
Vielleicht genau das, was man nicht planen kann: ein Gefühl von Zugehörigkeit. Ein neues Verständnis für die eigene Geschichte. „Ich bin einfach glücklicher“, sagt Laurie. „Weil ich meine Familie gesehen habe. Weil ich das Gefühl habe, meine Sippe gefunden zu haben.“ Und am Ende steht ein Satz, der alles zusammenfasst: „Es ist toll, eine Sauerländerin zu sein.“



