Eine Frage der Ehre

Quelle: WOLL-Verlag

Bevor ich mich zu diesem wichtigen Thema „Der Einfluss der Lieblingsbiermarke auf das Ehrgefühl des Sauerländers“ äußere, möchte ich vorausschicken, dass ich mich weder als Expertin noch Kennerin und schon gar nicht als Abhängige des zur Diskussion stehenden Getränkes bezeichnen würde. Ich bin ganz einfach eine Beobachterin und versuche, den Sachverhalt völlig wertneutral zu beschreiben. Mir ist bewusst, dass ich mich in einer Männerdomäne befinde, aber im Zuge der Gendergerechtigkeit darf ich hoffen, dass männliche Leser es sowieso besser wissen und Leserinnen mir aus eigener Erfahrung zustimmen können.

Eindeutig ist das grammatikalische Geschlecht „neutral“ bzw. „sächlich“: es heißt: das Bier, egal mit welchem Ort oder Namen es verbunden ist. Im Unterschied dazu ist beim Wein (der Wein) von vornherein klar, wer hier gefragt ist, und die Apfelschorle verrät, ebenfalls a priori wer sie wohl am meisten schätzt. Das eigentliche Problem ist, dass es „das Bier an sich“ nicht gibt, sondern viele unzählig viele, individuelle Biere, je nach Geschmack, meint man zumindest. Ich bin mir nicht so sicher, ob das wirklich eine reine Geschmacksfrage ist. Im globalen, nationalen und überregionalen Raum dient das Bier zunächst zur einfachen Unterscheidung: Am Tisch mit dem Heineken-Bier sitzen natürlich Holländer, Budweiser trinken die Amerikaner, die Spanier genießen ihr Estrella, die Engländer meinen, Ale sei wirklich Bier usw. usw. Zeige mir, welches Bier du trinkst, und ich sage dir, wo du herkommst. Das klappt global gesehen fast immer, die geringe Fehlerqoute geht auf das Konto der Globalisierung: Weltenbürger können schon mal auf Biere, die außerhalb ihres Geburtslandes gebraut wurden, ausweichen, aber das ist eher selten. Merkwürdigerweise beobachten wir die Identifizierung über das Bier auch im überregionalen Raum: Für einen Warsteiner, der z.B. in Dortmund oder einer anderen Großstadt gefragt wird, woher er komme, gibt es nicht Cooleres, als lässig auf das vor ihm stehende Warsteiner hinzuweisen. Um also jederzeit als solcher identifiziert werden zu können, muss der Warsteiner außerhalb seines Heimatortes ganz schön viel Bier trinken. Das ist wahrlich ein Stück Lokalpatriotismus.

Ganz anders der Mescheder. Er kann in der Ferne noch so lässig auf ein Veltins verweisen und bewirkt damit gar nichts, weil es keine City of Veltins, kein Bad Veltinsburg oder auch einen Ort Veltins bei Meschede gibt. Das ist so gemein und unfair, dass der Mescheder auf solche Art der Identifizierung gänzlich verzichtet und sich ausschließlich dem Geschmack verpflichtet weiß: Veltins oder Warsteiner? Alle anderen Biere stehen gar nicht erst zur Diskussion. Nun ist es in Meschede durchaus möglich, ein gepflegtes Warsteiner zu trinken, ohne dass es zu Tumult, Aufstand oder Gewalttätigkeiten kommen muss. Ich selbst habe Mescheder Pohlbürger (= Mescheder Hochadel) beobachtet, die sich öffentlich und völlig ungeniert ein Glas Warsteiner genehmigten, wobei es natürlich auch die Superschlauen gibt, die sich das Warsteiner in Veltins-Tulpen servieren lassen, aber das ist so erbärmlich, dass es hier nicht weiter kommentiert werden soll. Wir folgern: Der Mescheder an sich ist tolerant, was die Bierwahl in seinen Restaurants und Gaststätten angeht. Das gilt allerdings nur und ausschließlich innerhalb der engen Stadtgrenzen, darüber hinaus hört die Toleranz schlagartig auf und wird durch die lokalpatriotisch geprägte Loyalität ersetzt: In der Fremde trinkt der Mescheder ausschließlich Veltins, selbst derjenige, der vielleicht lieber auch einmal ein anderes Bier genießt z.B. das einer Nachbarstadt.

Man muss sich dieses Phänomen in etwa so vorstellen, wie wir es bei Geschwisterkindern beobachten können: Untereinander geht es mehr oder weniger hoch her, je nach Erziehungsstil, aber nach außen hin werden Geschwister immer zusammenhalten. So auch die Mescheder Veltinsgeschwister, die ja eigentlich eher Veltinsbrüder heißen müssten, aber das wäre dann keine gendergerechte Formulierung. 

Nimmt man diese zeitintensiven und sorgfältigen Feldbeobachtungen des Mescheder Bierauswahlverfahrens ernst, kann sich nur ein Fazit ergeben: Veltins oder Veltins ist keine Frage des Geschmacks, sondern eine archetypische Frage der Ehre für jeden ordentlichen Mescheder Bürger und für fast jede ordentliche Mescheder Bürgerin natürlich auch. 

Sabina Butz in Mescheder Geschichten