Ein Lichtlein brennt 

Quelle: Bild von Steen Jepsen auf Pixabay

Weihnachtsgeschichte von  Ursula Schröder 

Seit Lukas und ich Kinder haben, gibt es keine echten Kerzen mehr in unserem Weihnachtsbaum. Und seit das so ist, erklärt seine Mutter Hiltrud jedes Jahr, wenn sie Heiligabend bei uns erscheint: „Wie schade, dass es keine echten Kerzen mehr in eurem Baum gibt!“ 

Anfangs machten wir uns noch die Mühe, unsere Entscheidung zu begründen. „Wir haben einfach Angst, dass der Baum Feuer fangen könnte, Mutti. Man hört das doch immer wieder.“ 

„Da muss man halt aufpassen!“, belehrte sie uns dann und beschrieb in aller Ausführlichkeit, wie ihr inzwischen verstorbener Mann Norbert das getan hatte: Die Tanne erst kurz vor Weihnachten selber schlagen, vor dem Schmücken alle überstehenden Äste kappen, die Kerzenhalterungen immer wieder ausrichten, den Baum nie unbeaufsichtigt lassen und schließlich (für alle Fälle) einen Feuerlöscher hinter der Wohnzimmertür aufbewahren. „Ein bisschen Mühe kann man sich doch wohl geben, es ist schließlich Weihnachten! Dieser neumodische elektrische Kram ist einfach stillos.“ 

Alles gut und schön, aber wir waren doch beruhigter, nachdem wir eine Kette mit dreißig elektrischen Lichtern angeschafft hatten. Unsere ältere Tochter hatte damals gerade angefangen zu laufen, und der frischeste Baum und das regelmäßigste Kerzen-Ausrichten würde nichts nützen, wenn sie sich an einem Ast verfing und den Baum zum Kippen brachte. 

Wir waren damals sehr zufrieden mit dieser Lösung, zumal es dadurch so leicht war, den Baum mit einem Griff zum Stecker zu beleuchten. Schon im zweiten Jahr jedoch erkannten wir auch eine Tücke, auf die uns niemand vorbereitet hatte: Die Lichterkette brannte nicht, weil ein Birnchen (oder auch mehrere) kaputt waren. „Ich habe sie vor dem Wegräumen noch überprüft!“, versicherte Lukas ratlos. „Das kann doch gar nicht sein!“ 

Es war aber so. Wir hatten gerade noch Zeit genug, um Ersatzbirnchen zu besorgen, bevor der Fachhandel schloss. Und damit begannen viele Jahre, in denen wir uns immer wieder mit unserer Lichterkette duellierten. Manchmal holte Lukas sie schon am ersten Advent hervor und prüfte sie. Gelegentlich brannte sie, dann wieder nicht. Ich kaufte frühzeitig einen Dreierpack Ersatzbirnchen – aber dann mussten wir vier ersetzen. Also bestellte ich im Jahr darauf frühzeitig mehrere Dreierpacks im Internet mit dem Ergebnis, dass die Kette problemlos leuchtete, ohne dass wir auch nur eine Kerze ersetzen mussten. Dann wiederum hatten wir den Eindruck, dass ein böswilliger Elf sich in den Keller geschlichen hatte, um nicht nur die Lichterkette zu sabotieren, sondern auch die Packungen mit den Ersatzbirnen so gut zu verstecken, dass ich sie nicht wiederfand. 

Dieses Jahr versuchten wir nach allen unterschiedlichen Erfahrungen, optimal vorbereitet zu sein. Die Ersatzbirnchen lagen griffbereit in der Küchenschublade. Lukas hatte den Weihnachtsbaum bereits am 23. Dezember aufgestellt, der in diesem Jahr ein Samstag war, und machte sich mit einer gewissen Skepsis daran, die Lichterkette zu installieren. Beim letzten Test hatte sie geleuchtet, aber das konnte sich immer noch ändern, wenn die einzelnen Kerzen im Baum befestigt waren. Wir kannten unsere Kette ja lang genug. 

Wir waren sehr gespannt, als er den Stecker ergriff und sich der Steckdose näherte. Würden gleich alle der elektrischen Kerzen brennen? 

Sie taten es nicht. Lukas stieß einen Fluch aus. „Wo sind die Ersatzbirnen?“, fragte er mich. 

„Hier!“ Ich wollte ihm die Schachtel reichen. Aber leider passierten in diesem Moment zwei Dinge, die nicht gleichzeitig hätten passieren dürfen: Die Packung rutschte mir aus der Hand. Lukas machte einen Schritt rückwärts. Ein hässliches Knirschen zeigte an, dass er die drei Ersatzbirnchen zerstört hatte.

Für eine Sekunde schauten wir uns schweigend an. Dann sagte er mit finsterem Blick: „Jetzt reicht’s!“ Entschlossen entfernte er sämtliche Kerzen aus dem Baum. Statt sie wieder sorgfältig nebeneinander in die dazugehörige Schachtel zu verpacken, knüllte er sie achtlos zusammen, ging in den Flur und zog seine Jacke an. 

„Wo willst du hin?“, fragte ich. 

„Erst zum Elektroschrott und dann zum Baumarkt.“ Er sah auf die Uhr. „Die haben noch lang genug geöffnet.“ 

Ich nickte zustimmend. Es war eine gute Idee, endlich eine neue Lichterkette anzuschaffen. Während er mit dem Objekt seines Ärgers ins Auto stieg, entsorgte ich die Pappschachtel in der Papier-Mülltonne. 

Eine Stunde später kam Lukas zurück. Sein Gesichtsausdruck war schwer zu deuten. 

„Sag nicht, dass sie keine Lichterketten mehr hatten!“, rief ich aus. Man weiß ja, dass kurz vor den Feiertagen die Regale leergefegt sind. 

„So würde ich das nicht sagen“, erwiderte er und reichte mir eine Tüte. „Diese hatten sie noch. Ich habe sogar 50 Prozent Rabatt gekriegt.“ 

Es war, sagen wir mal, ein etwas gewöhnungsbedürftiges Modell. An einem zentralen Ring, der über die Spitze des Baums gestülpt wurde, waren viele Stränge mit bunten LED-Lichtern befestigt, die nach unten hängend die Form des Baums nachzeichneten. Dazu gab es eine Fernbedienung, mit der sich einstellen ließ, in welchem Rhythmus sie blinkten. Für ein paar Minuten standen wir sprachlos vor unserem Baum und ließen das optische Erlebnis auf uns wirken. 

„Wir könnten natürlich auch echte Kerzen verwenden“, räumte Lukas schließlich ein, offensichtlich selbst ein wenig verunsichert durch die überbordende Blinkerei. „Ich bin sicher, wir haben die Halterungen dafür noch im Keller.“ 

Und genug Kerzen hätten wir auch, denn ich hatte wegen der Erzgebirgs-Pyramide unsere Vorräte rechtzeitig aufgestockt. Es wäre eine Möglichkeit, aber … Ich erinnerte mich noch gut an die Diskussionen damals. Das beruhigende Gefühl, den Raum sorglos verlassen zu können. Die Kinder waren inzwischen groß, aber eine Katze hatten wir immer noch. 

„Nein, das lassen wir jetzt so bis Silvester“, befand ich. „Kein Feuerwerk ist farbenfroher.“ 

„Und du musst dir auch nicht die Mühe machen, noch mehr Schmuck in den Baum zu hängen“, ergänzte mein Mann. „Der würde nur den Effekt stören.“ 

Ich war kaum fähig, den Blick von unserem bunten, heftig blinkenden Baum zu wenden. „Jetzt bin ich gespannt, was deine Mutter dazu sagt.“ 

„Ich auch“, sagte Lukas. „Meinst du, wir sollten ihr vorher ein Beruhigungsmittel geben?“ 

Hiltrud erschien wie immer am Heiligabend gegen vier. Da es bereits dämmrig war, hatten wir unseren Baum in Betrieb genommen und führten sie ohne weitere Erklärungen ins Wohnzimmer, um die Sache hinter uns zu bringen. 

Aber ihre Reaktion fiel überraschend schwach aus. „Oh! Ihr habt andere Lichter am Baum?“ 

Lukas und ich sahen uns verblüfft an. „Setz dich doch“, forderte er seine Mutter auf. „Wir haben gerade Kaffee gemacht.“ 

Etwas umständlich nahm sie auf dem Sofa Platz. Und da sah ich es: beide Arme waren bis zu den Fingern verbunden. 

„Was ist denn mit dir passiert?“, rief ich erschrocken. 

Sie seufzte tief. „Ich bin auf der Couch eingeschlafen, und dann hat plötzlich der Adventskranz gebrannt. Ich konnte ihn gerade noch in der Küche in die Spüle werfen.“ 

Wir bedauerten sie angemessen und reichten ihr die Schale mit den Weihnachtsplätzchen. Es war überflüssig zu erwähnen, dass sowas mit elektrischen Kerzen nicht passiert wäre. 

www.ursulaschroeder.de