Quelle: WOLL-Verlag
Mit „Und Oma wohnt nebenan“ legt Gabriele Wartberg-Friedrichs ein warmherziges, zugleich eindringliches Buch vor, das aus der Perspektive eines Kindes erzählt und dabei generationsübergreifende Familiengeschichte lebendig werden lässt. In scheinbar kleinen Momenten – einer Küchenschublade, sorgsam aufbewahrten Gegenständen, dem geheimnisvollen Rascheln von Seidenpapier – entfaltet sich ein Kosmos aus Erinnerung, Nähe und unausgesprochenen Geschichten.
Buchauszug
„Tief unten in der Schublade des großen Küchentisches, unter Omas Haushaltsbuch verborgen, in das sie akribisch jede noch so kleine Ausgabe einträgt, direkt neben dem vom vielen Gebrauch schon kurz gewordenen, aber immer sorgfältig gespitzten Bleistift, den Lebensmittelmarken für den jeweiligen Monat, ihrem abgegriffenen, abgewetzten Portemonnaie, der großen Schere und etwas aufgewickelter Kordel, liegt, sorgfältig in weißes, durch häufigen Gebrauch schon knittriges Seidenpapier eingeschlagen, der große Schatz der Familie! Den darf ich niemals, unter keinen Umständen, allein auspacken, nur mit Oma zusammen, das heißt, ich sehe zu, wie sie das macht, wenn sie es macht!! Die Schere darf ich natürlich auch nicht anfassen, denn „Messer, Gabel, Schere, Licht – sind für kleine Kinder nicht!“, so oft habe ich diesen Satz bereits gehört, dass ich ihn schon auswendig sagen kann! Wenn ich es recht bedenke, darf ich nichts in dieser Schublade anfassen und ausräumen, aber wenn ich artig bin und sie darum bitte, zeigt mir Oma manchmal das eine oder andere und beginnt zu erklären! Aber nur manchmal! Wie jedes Mal, wenn sie das weiße Seidenpapier in die Hand nimmt, raschelt es auch heute leise und geheimnisvoll beim Auseinanderfalten. Oma entnimmt ihm einige beschriebene braune Karten und legt sie vor sich auf den Tisch. Viele sind es nicht, aber ein paar schon. Eigentlich sehen sie alle gleich aus, nur sind manche fleckig, als hätte jemand darauf geweint oder sind ein wenig verschmiert, andere haben viele schwarze Striche, so dass von der Schrift nicht viel übrigbleibt! „Das ist die russische Zensur“, sagt einer meiner Onkel!“
Der Blick des Kindes ist neugierig, respektvoll und voller Staunen. Was zunächst wie eine liebevolle Alltagsbeobachtung wirkt, öffnet sich nach und nach zu einem größeren historischen Zusammenhang: Briefe, gezeichnet von Tränen, Zeit und Zensur, erzählen von Verlust, Trennung und den Spuren politischer Wirklichkeit im privaten Leben. Die Autorin verbindet dabei mit großer sprachlicher Sensibilität das Intime mit dem Zeitgeschichtlichen.
„Und Oma wohnt nebenan“ ist eine literarische Annäherung an Familie, Herkunft und das Erinnern selbst. Ein Buch über das Weitergeben von Geschichten, über das Schweigen zwischen den Zeilen und über die besondere Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln. Still, präzise und berührend – ein Text, der lange nachhallt und Leserinnen und Leser einlädt, den eigenen Familienschätzen nachzuspüren.
Der autobiographische Roman „Und Oma wohnt nebenan“ , der in Nuttler lebenden Autorin Gabriele Wartberg-Friedrichs , ist gerade im WOLL-Verlag erschienen und im Buchhandel und online erhältlich.
Quelle: WOLL-Verlag


