Ein bewegtes Leben zwischen Plattdeutsch, Pinguinen und Paohlbürgern

Spektakuläre Aufnahme der Victoria Falls

Quelle: Holger Bernert und Heinz Cramer

Das Leben von Heinz Cramer ist eine faszinierende Reise, die ihn von einer Schmiede im Sauerland zu den entferntesten Ecken der Welt und schließlich zurück zu seinen tiefen Wurzeln in der plattdeutschen Sprache geführt hat. Seine Geschichte zeigt eindrucksvoll, dass der Ruhestand eigentlich nur ein Vorwand ist, um immer wieder neu durchzustarten.

Am liebsten redet Heinz Cramer Mundart.Quelle: Holger Bernert und Heinz Cramer

In seinem Zuhause im Warsteiner Ortsteil Mülheim, wo er vor 84 Jahren als Kriegskind das Licht der Welt erblickte, sitzt Heinz Cramer und lächelt schelmisch. Dort, wo er mit seiner Frau Doris lebt, verbinden sich die Fäden eines außergewöhnlichen Lebens. Wenn man ihn fragt, welches Geräusch ihn am meisten geprägt hat – sei es das dumpfe und wuchtige Schlagen der Schmiedehämmer bei Siepmann, das sanfte Surren der ersten Computer oder das Dröhnen der Flugzeugturbinen – überlegt er kurz. Wahrscheinlich ist es die Mischung aus all diesen Klängen, die sein Leben so einzigartig macht. Heute widmet er sich voll und ganz der plattdeutschen Sprache. Wenn er auf die Bühne tritt, um „Dönekes“ zu erzählen, geht es um mehr als nur Unterhaltung. „Eine gewisse Leidenschaft spüre ich dabei“, erklärt er. „Aber wenn das Publikum überwiegend aus älteren Menschen besteht, wandelt sich die Leidenschaft eher in Wehmut.“ Seit über fünf Jahrzehnten bemüht er sich um den Erhalt des alten Sprachguts, doch das Interesse der Jüngeren bleibt leider gering.

Sein Geheimrezept? Über 100 Jahre alte Fotos, die er digitalisiert hat und mit einem Beamer an die Wand projiziert. „Sehr alte Fotos sind geeignet, denn nur sie zeigen, wie man das Leben von damals heute in plattdeutscher Sprache trefflich beschreiben kann. Hierzu verwende ich vorrangig Dokumentationen alter Häuser, des alten Kettenschmiede-Handwerks sowie des bäuerlichen Lebens vor 100 Jahren und früher“, sagt der umtriebige Rentner. Hinter einem Bild verbirgt sich sogar seine eigene Lebensgeschichte: „1937 brannte der Pieperhof in Mülheim nieder. Meine Mutter fand dort nach dem Wiederaufbau eine Anstellung als Hauswirtschafterin, wo sie meinen Vater traf und sich in ihn verliebte. Ein Jahr später wurde geheiratet.

Wäre der Hof nicht abgebrannt, würde ich wahrscheinlich heute nicht hier sitzen.“ Die Bilder sind der 1974 von ihm gelegte Grundstock eines Fotoarchivs des örtlichen Heimatvereins, den er vor 51 Jahren mitbegründet hat und mittlerweile das einzige noch lebende Gründungsmitglied ist. Seine Wurzeln sind tief.

„Van nix küemmet nix. Vamme Rüemmesietten kriett me bläoss ‘ne platten Äs.“

Heinz Cramer sieht sich als einen der wenigen Bewahrer der plattdeutschen Sprache im Sauerland

Über 46 Jahre war der gelernte Dreher bei den Siepmann-Werken in Belecke angestellt. Für die Menschen in der Region war die Firma alles: der Ort für Arbeit und Brot. „Goh no ‘me Siepmann, dao weuste wat diu hiärst!“, hieß es damals. Man konnte bequem zu Fuß zur Arbeit gehen, und die Frauen brachten ihren Männern das Mittagessen im Henkelmann vorbei. Als junger „Muerlmesker“ musste er sich seinen Platz unter den alteingesessenen „Biälsken Paohlbürgern“ erst verdienen. Unvergesslich bleibt die Begegnung mit einem älteren Kollegen: „Segg maol, här ui dann keine Aabet dao unnen?“, wurde er gefragt, als käme er von weit her. Heinz Cramer nahm es mit Humor und blieb. Aber er war nie der Typ, der auf der Stelle trat.

1966 traf er eine für damalige Verhältnisse mutige Entscheidung. Heinz Cramer entschied sich zur nebenberuflichen Umschulung zum EDV-Programmierer, um auf diese Weise dem Schichtdienst zu entgehen. Der Grund dafür war einfach und sehr menschlich. „Ich hatte damals eine junge Familie“, erinnert er sich. Dieser Wechsel von der Drehbank ins Büro prägte seine Sichtweise: „Jede Arbeit, egal wo, ist wichtig.“ Im Jahr 2000 war dann wirklich Schluss. Er ging in den Ruhestand. Und dieser dauerte genau eine Woche. „Durch einen glücklichen Zufall“, wie er es nennt. Unverhofft wurde plötzlich ein Job als Reiseleiter frei. Um eine Reisegruppe nicht unbetreut reisen zu lassen, sprang Heinz Cramer ein und machte diesen Job 20 Jahre lang, oftmals zusammen mit Ehefrau Doris.

Doris und Heinz Cramer in der verbotenen StadtQuelle: Holger Bernert und Heinz Cramer

Die beiden bereisten alle Kontinente, sahen die Antarktis und Arktis, flogen über die Victoriafälle und standen am Grab von Fidel Castro in Kuba. Knapp 58 Jahre nachdem er als junger Mann die Revolution im Radio verfolgt hatte, vielleicht einer der emotionalsten Momente. Eine der schönsten Anekdoten spielte sich in China ab. Am 11.11. um 11:11 Uhr stand er mit seiner Gruppe auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Unter dem strengen Blick des großen Mao stimmten sie spontan Kölsche Karnevalslieder an. „Das hätte ich für unmöglich gehalten“, lacht der ehemalige Reiseleiter heute. In diesem Moment musste er an Alexander von Humboldt denken: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung derer, die sich die Welt nie angeschaut haben.“ Diese Weltoffenheit, diese Leichtigkeit, hat er ins Sauerland zurückgebracht.

Schnappschuss am WasserlochQuelle: Heinz Cramer

Der rote Faden in seinem abwechslungsreichen Leben? Ein unerschütterlicher Wille zur Gestaltung. Sein Großvater war Bürgermeister, und er selbst engagierte sich 25 Jahre in der Kommunalpolitik, auch über Mülheim hinaus, er hatte 15 Jahre einen Sitz im Warsteiner Stadtrat. Heute schöpft er seine Kraft aus dem Humor, auch wenn er die Zukunft eher mit „Ironie und Sarkasmus“ betrachtet. Sein Rat an die junge Generation ist klar und direkt: „Weniger Smartphone und Netflix – dafür mehr Gespräche und Verantwortungsübernahme.“ Dann funkeln seine Augen wieder, und er fügt hinzu: „Ne’ Miule vull Plattduitsk draff äok liuter daobui suin“, und übersetzt gleich. „Ein Mund voll Plattdeutsch darf auch immer dabei sein.“