
Ein altes Handwerk lebt im Sauerland weiter
Wer von Eslohe in Richtung Kreis Olpe unterwegs ist, dem sind kurz vor Cobbenrode bestimmt die drei einzelnen Gebäude aufgefallen. In einem dieser Häuser auf der rechten Seite lebt und werkelt der Rentner Wilhelm „Willi“ Büngener.
Willi Büngener hat im Jahr 1969 als Jugendlicher seine Ausbildung als Tischler bei Gottfried Bornemann begonnen. Dessen Vater Johannes meinte zu dem jungen Wilhelm Büngener: „Und du lernst das Drechseln wie dein Uronkel damals bei uns!“ Gesagt, getan. Nach Feierabend um 17 Uhr, nach bereits acht bis neun Stunden Arbeit, lehrte der Seniorchef dem Lehrling das Kunsthandwerk. Angefangen hat Willi Büngener mit einem Schlichtstahl und hatte aufgrund seiner noch etwas unbeholfenen Haltung des Werkzeuges direkt eine schmerzhafte Begegnung mit eben diesem. Trotz dieser Erfahrung hat ihn die Leidenschaft nie losgelassen.

Aber was bedeutet „Drechseln“ eigentlich? Drechseln ist ein zerspanendes Fertigungsverfahren von Holz und anderen Materialien, z.B. Horn oder Knochen. Gedrechselt wird manuell auf einer Drehbank oder maschinell auf einem Drehautomaten. Dabei dreht sich das Werkstück horizontal um seine eigene Achse und wird mit verschiedenen Dreheisen bearbeitet. Die Technik des Drehens/Drechselns gibt es seit der Antike.
In den 1980er Jahren kaufte Herr Büngener sich für stolze 600 DM eine Drechselbank von Heller & Köster, nachdem seine Frau Gisela ihn bestärkt hat, seine Fertigkeiten als Hobby an andere weiterzugeben. Begonnen hat er mit Schalen, die er seinen Kindern zu Weihnachten geschenkt hat. Diese waren mächtig stolz auf ihren Vater, dem Schalen aber irgendwann zu wenig wurden. Er besuchte einen Wochenendlehrgang zum Drechseln von Weihnachtsbaumschmuck in Bayern. Am Sonntag machte sich Willi Büngener dann um 4 Uhr in der Früh auf den Weg nach Hause, um bei der Taufe eines seiner Kinder dabei zu sein.

Volle Unterstützung
Mit den Jahren wurde die Drechselbank zuhause zu klein und Willi Büngener sah in der Zeitschrift „Business und Industrie“ eine Anzeige für eine größere Bank. Diese ersteigerte er und holte sie mit seinem Sohn in Wuppertal ab. Bis das große Gerät im Sauerland ankam, mussten einige Hürden genommen werden. So wurde die Bank in Wuppertal mittels eines Aufzugs ins Erdgeschoss gefahren und mit glitschigen Bohlen auf den mitgebrachten Anhänger gewuchtet. Im Sauerland angekommen, haben Willi Büngener, sein Sohn Dominik, ein Schwiegersohn und ein Freund zu viert die Drechselbank durch ein Fenster gedreht und gewendet, bis endlich alles an seinem Platz war. Zum Glück sind sein Sohn und der Freund Maurer, die gut Kraft in den Armen haben, ansonsten hätte Willi Büngener eine Freiluftwerkstatt einrichten müssen.
Schwiegersohn Stefan Postelt ist Elektriker und hat die Bank mit einem Wechselmotor ausgerüstet, damit Willi Büngener in zwei Richtungen arbeiten kann. Nach zwei Jahren ging der Motor jedoch kaputt und er konnte einen „neuen“ gebrauchten Motor für eine Kiste Bier vom Chef seines Schwiegersohnes bekommen.

Mit der kleinen Drechselbank ist er nun seit einigen Jahren auf Kreativmärkten in der Umgebung und am DampfLandLeute-Museum in Eslohe zu finden. Dort fertigt er Kreisel und kleine Spanbäume an, die er an die anwesenden Kinder verschenkt. Seine Frau Gisela war es, die die Idee einer Spendenbox hatte, weil viele Leute einen kleinen Obolus geben wollten. Mit diesen Einnahmen bedachte er 2025 das Kinderhospiz Balthasar. In zwei Jahren kamen so stolze 520 Euro zusammen.
Ein eigener Weihnachtsmarkt
Zu Corona-Zeiten hatte Willi Büngener die Idee, einen eigenen kleinen Weihnachtsmarkt am Haus an der B55 zu machen. Nach einem Artikel in der Tageszeitung gaben sich die Kunden bereits an einem Samstag ab 8 Uhr morgens die Klinke in die Hand, obwohl er den Verkauf erst um 9 Uhr starten wollte. Am nächsten Montag waren seine Regale leergefegt und er musste so viele neue Produkte herstellen, dass er einen ehemaligen Kollegen um Hilfe bat. Mittlerweile erzielt Willi Büngener in der Adventszeit einen guten Umsatz mit Weihnachtsbäumen und Drechselsachen. Drei Bananenkisten mit Rohlingen stehen schon bereit, um bis zur Adventszeit in dekorative Weihnachtsaccesoires verwandelt zu werden.
Um weiter auf sich und seine Drechselwerkstatt aufmerksam zu machen, hatte Nicole Manowski – eine Freundin der Familie – den Vorschlag gemacht, die Fenster des Verkaufsraumes zu vergrößern und auszuleuchten.

Die neuesten Produkte sind handgefertigte Einhandmühlen mit Keramikeinsätzen und Mahlwerk für Salz und Pfeffer sowie Brotkästen aus Zirbenholz, das nur im Hochgebirge wächst und aufwändig per Lastenhubschrauber aus den Schluchten geborgen wird.
Wer Willi Büngener live beim Drechseln erleben möchte, kann ihm bei den Dampf-Tagen im Frühjahr oder Herbst im Museum in Eslohe besuchen. Wer zu anderen Zeiten ein außergewöhnliches Geschenk sucht, kann nach vorheriger Anmeldung in seinen kleinen aber feinen Verkaufsraum „Dräggewiärkstie“ (Plattdeutsch für Drechselwerkstatt) eintauchen und wie in einer Schatzkammer stöbern.



