
WOLL-Interview mit dem ärztlichen Direktor am Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft
Am 1. Juli 2025 wurde am Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft ein kleines Dienstjubiläum gefeiert. Seit nunmehr zwölf Jahren ist Dr. Christian Berndt dort tätig, zuletzt als Chefarzt für Innere Medizin und für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und gleichzeitig stellvertretender ärztlicher Leiter des medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) Grafschaft. Mit dem Dienstjubiläum erfolgte die Ernennung zum ärztlichen Direktor am Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft. Damit stellt der Kardiologe aus Soest, neben dem Geschäftsführer des Fachkrankenhauses, Stefan Schumann, und der Pflegedirektorin und Krankenhausoberin, Schwester M. Theodora Galantanu, das dreiköpfige Direktorium des Krankenhauses in Schmallenberg-Grafschaft. Im Gespräch mit Dr. Berndt über die neue Rolle, die Arbeit und über Grafschaft und das Schmallenberger Sauerland allgemein konnten wir kurz vor Erscheinen dieses WOLL-Extra-Magazins einiges Neues erfahren.
WOLL: Herzlichen Glückwunsch zur Ernennung als ärztlicher Direktor am Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft. Haben Sie damit gerechnet?
Dr. Berndt: Mittlerweile bin ich hier der Dienstälteste. Und das macht ja viel aus. Hier geht es nicht nur darum, ein guter Arzt zu sein, sondern dass man bekannt ist, gut vernetzt und in engem Kontakt mit der Geschäftsführung und Pflegeleitung bleibt.
Versorgungsauftrag
WOLL: Wie würden Sie den Leistungsumfang und den aktuellen Versorgungsauftrag für das Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft zusammenfassen?
Dr. Berndt: Von alters her sind wir ein Lungenzentrum. Seit 2013 sind wir zudem eine Klinik für Akutmedizin im Bereich Innere Medizin. Wir behandeln Bluthochdruck, Diabetes und alle wichtigen Infektionen – stationär wie ambulant, mit enger Verzahnung beider Versorgungsarten.
WOLL: Was macht den Standort Schmallenberg-Grafschaft im Vergleich zu anderen Fachkliniken in NRW einzigartig?
Dr. Berndt: „Kloster“ ist kein leeres Wort, sondern ein Ort der Ruhe. Hier ist die menschliche Zuwendung, Begegnung in bester Art und Weise noch möglich. Das schafft Vertrauen und Heimatgefühl.
WOLL: Wie haben sich die Patientenzahlen in den letzten Jahren entwickelt?
Dr. Berndt: Wir konnten die Zahlen bis 2019 stetig steigern. Dann brach 2020 während der ersten Corona-Phase alles ein. Vor allem aus Angst Angst blieben viele fern. Jetzt nähern wir uns wieder dem Niveau vor Corona.
Infrastruktur und Herausforderungen
WOLL: Welche infrastrukturellen Themen beschäftigen Sie derzeit am meisten?
Dr. Berndt: Wir wachsen jedes Jahr. Mittlerweile haben wir fast keinen Platz mehr. Die Notaufnahme muss vergrößert und neu gestaltet werden, mit mehr Kapazität und zeitgemäßen Interieur.
WOLL: Wie sieht es mit Parkraum und ÖPNV aus?
Dr. Berndt: Parkplatzprobleme und mangelhafte Anbindung sind spürbar, doch das größte Hindernis bleibt der Facharzt-Nachwuchs vor Ort.
WOLL: Welche neuen Behandlungsansätze planen Sie einzuführen?
Dr. Berndt: Moderne Geräte liefern zwar wichtige Daten, aber das Nachdenken und Entscheiden, was für den Patienten das Beste ist, ist noch viel wichtiger als jede Apparatur oder KI.
WOLL: Welche Rolle spielt die interdisziplinäre Zusammenarbeit?
Dr. Berndt: Wir bekennen uns dazu, uns täglich auszutauschen. Wenn einer etwas weiß, muss er es dem anderen beibringen. Nur so können wir dauerhaft höchste Qualität sichern.
Wartezeiten, Weaning und Weiterbildung
WOLL: Gibt es lange Wartezeiten auf Therapie- und Aufnahmeplätze?
Dr. Berndt: Stationär wartet kaum jemand länger als eine Woche – außer bei Weaning (= sanfte Entwöhnung nach Intensivbeatmung). Ambulant trennen unsere Mitarbeiterinnen akute Fälle am Telefon von Routineanfragen, um Dringende innerhalb von zehn Tagen zu versorgen.
WOLL: Vor welchen Herausforderungen stehen Sie be der Gewinnung von Pflegekräften und Ärzten?
Dr. Berndt: Ohne ausländische Kollegen könnten wir das gar nicht schultern. Unsere Generation geht langsam in Rente und der Nachwuchs muss gefunden werden. Das ist eine gewaltige Herausforderung.
WOLL: Welche Maßnahmen gibt es, um junge Fachkräfte zu binden?
Dr. Berndt: Wir bilden Fachärzte selbst aus – viele bleiben dann bei uns. Zusätzlich arbeiten wir eng mit den Universitäten Marburg, Münster, Köln und der FH Südwestfalen zusammen.
WOLL: Wie kooperieren Sie mit anderen Krankenhäusern im Sauerland?
Dr. Berndt: Wir arbeiten mit dem HSK-Klinikum Meschede zusammen, insbesondere im Notfall- und Schlaganfallbereich. Diese Netzwerke werden durch die Krankenhausreform noch enger geknüpft.
Vision und Ausblick

WOLL: Wo sehen Sie Ihr Haus in zehn Jahren?
Dr. Berndt: Ich sehe Grafschaft als überregionales Zentrum für Neuro-Reha und Intensivmedizin mit weiterentwickelter Frührehabilitation und kardiologischer Spitzenversorgung.
WOLL: Welche Rahmenbedingungen fehlen Ihnen heute, um diese Vision zu realisieren?
Dr. Berndt: Bessere Vergütungsmodelle für komplexe Frührehabilitation und klare gesetzliche Vorgaben wären entscheidend, um unsere Angebote flächendeckend auszubauen.
WOLL: Sie leben in Meschede und pendeln täglich nach Grafschaft – nervt Sie das?
Dr. Berndt: Überhaupt nicht. Die Fahrten durch die wunderschöne Sauerländer Landschaft sind Entspannung für mich. Außerdem: Meine Tochter wohnt in Schmallenberg, daher essen wir oft bei ihr. Das entschleunigt den Alltag und in der Pilzsaison findet man hin und wieder Ablenkung beim Sammeln am Wegesrand.
WOLL: Vielen Dank, Herr Dr. Berndt, für dieses Gespräch und die vielen Einblicke!
Dr. Berndt: Ich freue mich, mit Herz und Verstand für die Menschen in unserem Sauerland da zu sein.




