
Schmallenbergs neuer Bürgermeister Johannes Trippe
Seit dem 1. November 2025 ist Johannes Trippe aus Arpe Bürgermeister der Stadt Schmallenberg. Nach wenigen Wochen im Amt kann der 44-Jährige nun erstmals auf seine „ersten 100 Tage“ zurückblicken. Es war für ihn eine Phase des Kennenlernens, der Orientierung, aber auch des schnellen Handelns. Verwaltung, Politik, Bürgerschaft und wirtschaftliche Rahmenbedingungen stellen Kommunen vor enorme Herausforderungen. „Trotzdem stelle ich fest, dass Schmallenberg so stark ist, weil hier viele Leute mit anpacken“, sagt der Bürgermeister. Im Gespräch mit WOLL zieht Johannes Trippe seine erste persönliche und sachliche Zwischenbilanz.
WOLL: Herr Bürgermeister, wie haben Sie diese Anfangsphase persönlich erlebt?
Bürgermeister Trippe: Wir hatten in den ersten zwei Monaten ein strammes Programm und mussten im Dezember den Haushalt für 2026 verabschieden. Wenn man vor dieser Aufgabe steht, stellt man sich als neuer Bürgermeister schon einige Fragen. Eine gewisse Unsicherheit ist da. Aber zwischen Weihnachten und Neujahr habe ich zu Hause am
Kaffeetisch gesagt: Die Zeit ist wie im Flug vergangen. Viele Dinge sind selbstverständlicher gelaufen, als ich erwartet hätte. Man findet sich schnell ein. Man hat keine Eingewöhnungszeit. Bürgermeister ist kein Ausbildungsberuf – dafür gibt es weder ein Drehbuch noch ein Lehrbuch. Jeden Tag kommen neue Themen, die Entscheidungen erfordern. Es gibt wenig Zeit zum Überlegen und Zweifeln. Wenn man gerne Entscheidungen trifft, ist es ein schöner Job. Wenn nicht, sollte man über einen anderen Beruf nachdenken.
WOLL: Wie hat sich Ihr Blick auf Verwaltung, Politik und Verantwortung seit Ihrem Amtsantritt verändert? Wie unterscheidet sich Ihr heutiger Arbeitsalltag von Ihrer früheren Tätigkeit im unternehmerischen Umfeld?
Bürgermeister Trippe: Ich bin jemand, der gerne aus dem Bauch heraus entscheidet, muss als Bürgermeister aber mehrere Perspektiven im Auge behalten. Nimmt man zum Beispiel einen Bauantrag. Der Antragsteller möchte, dass dieser schnell genehmigt wird. Die Stadtverwaltung muss jedoch prüfen, dass keine Interessen Dritter beeinträchtigt werden. Es sind gesetzliche Rahmenbedingungen, Verordnungen und Normen vorgegeben, an die man sich halten muss. Ich befinde mich als Bürgermeister in einem anderen Umfeld – das war anfangs ein Umdenken. Ich kann nur nach Recht und Gesetz entscheiden. Darüber kann und will ich mich nicht hinwegsetzen.
Ich freue mich, dass ich in der Stadtverwaltung eine große Offenheit gegenüber meiner Person erlebe. Für mich ist die Stadtverwaltung Schmallenberg ein großes Dienst- leistungsunternehmen. Wir haben mittlerweile rund 390 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – nicht alle in Vollzeit, viele auch in Teilzeit, etwa in den Betreuungseinrichtungen. Die Stadt Schmallenberg ist damit Arbeitgeberin für 390 Menschen.
Ich gehe gerne ins Rathaus, mache diese Arbeit gerne und nehme auch die Termine außerhalb des Rathauses wahr, um unter die Leute zu gehen.
„Schmallenberg ist breit aufgestellt – und genau dieser Mix ist unsere Stärke.“ – Bürgermeister Johannes Trippe

Finanzielle Lage Schmallenberg
WOLL: In Ihrem Ausblick auf 2026 haben Sie von einem Haushaltsstrukturkonzept gesprochen. Was müssen wir uns darunter konkret vorstellen – und warum dieses Konzept?
Bürgermeister Trippe: Die finanziellen und wirtschaftli-chen Möglichkeiten der Stadt werden enger. Der Haushalt Schmallenbergs besteht zu mehr als 96 Prozent aus Pflichtaufgaben und zu weniger als vier Prozent aus freiwilligen Leistungen. Schmallenberg hatte viele gute Jahre in den kommunalen Finanzen. In dieser Zeit hat die Stadt auch freiwillig Aufgaben übernommen, die eigentlich anderen obliegen. Jetzt geht es darum zu prüfen, welche Aufgaben die Stadt übernommen hat, in welchem Umfang sie noch notwendig sind und ob man reduzieren oder vielleicht sogar erhöhen muss. Das macht im Grunde jeder zu Hause, wenn er merkt, dass die finanziellen Mittel knapper werden.
WOLL: Bedeutet das, zunächst mit dem Haushaltsstrukturkonzept die finanzielle Lage zu analysieren und anschließend über Maßnahmen zu diskutieren?
Bürgermeister Trippe: Genau. Bei den Bürgerinnen und Bürgern darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Stadt pleite ist oder wir uns vieles nicht mehr leisten können. Das ist nicht der Fall. Mit dem Haushaltsstrukturkonzept wird vielmehr alles geordneter und transparenter. Der Stadtrat hat deshalb bewusst auf kurzfristige Maßnahmen wie die Erhöhung von Hebesätzen bei der Grundsteuer oder Gewerbesteuer verzichtet.
Es gab drei Argumente für dieses Strukturkonzept. Erstens: Anfang November 2025 ist der neue Stadtrat angetreten, 16 von 38 Ratsmitgliedern sind neu. Wenn man innerhalb von sechs Wochen einen Haushalt mit Einsparungen oder Gebührenerhöhungen beschließen will, überfordert man den Rat. Wir verfügen über Rücklagen, um in Ruhe die richtigen Schlüsse aus dem Strukturkonzept zu ziehen. Jetzt müssen wir beginnen, die Ausgaben systematisch zu überprüfen.
Zweitens denke ich an die Stadtverwaltung. Die Stadt kann Investitionsvolumina zur Verfügung stellen, aber diese müssen auch administrativ abgearbeitet werden – Stichwort Bauüberwachung, Planverfahren und so weiter. Insgesamt sprechen wir hier über ein Volumen von rund 23 Millionen Euro.
Und drittens: Auch unsere Bürgerinnen und Bürger müssen die Chance haben, sich darauf einzustellen, dass vielleicht nicht mehr alles, was wünschenswert ist, kurzfristig finanzierbar bleibt. Das ist eine kommunikative Aufgabe.
WOLL: Wenn Sie eine Bestandsaufnahme machen: Wo steht die Stadt Schmallenberg gesellschaftlich und wirtschaftlich?
Bürgermeister Trippe: Schmallenberg ist so stark, weil hier Menschen leben, die anpacken und wissen: Wenn es uns gut gehen soll, müssen wir selbst etwas tun. Das gilt im Privaten, im Beruf und im gesellschaftlichen Leben. Das Ehrenamt hat in Schmallenberg ein breites Angebot auf die Beine gestellt. Es lebt davon, dass Menschen mitmachen, Verantwortung übernehmen und Dinge voranbringen. Das ist hier nach wie vor stark ausgeprägt – und ein enormes Pfund.
Wirtschaftlich haben wir viele inhabergeführte, mittelständische, kleinere und auch größere Unternehmen. Wir sind breit aufgestellt und verfügen über einen gesunden Branchenmix. Wir hängen nicht allein von einer Branche wie Automotive, Textil oder Tourismus ab. Diese Vielfalt ist unsere Stärke.

WOLL: Wie nehmen Sie die Stimmung in Wirtschaft und Bevölkerung wahr – zuversichtlich, abwartend, zurückhaltend oder zweifelnd?
Bürgermeister Trippe: Die Stimmung ist derzeit nicht euphorisch, aber es bricht auch niemand in Panik aus oder verfällt in Fatalismus. Ich merke jedoch, dass viele weiter- denken. Die Älteren wissen, dass es irgendwann wieder bergauf geht. Ich hoffe, dass wir die Talsohle erreicht haben. Die Nachfrage nach Gewerbeflächen ist für mich ein sehr positives Signal. Unternehmen denken über Kapazitätserweiterungen nach. Auch die Ausbildungsmesse mit über 70 Ausstellern, die junge Menschen suchen, ist ein starkes Zeichen. Ich bin überzeugt, dass es weitergeht, und ich bin optimistisch. Entscheidend ist, dass wir wieder eine positive Grundstimmung erzeugen.
WOLL: Schmallenberg verfügt mit Schmallenberger Sauerland Tourismus, Schmallenberg Unternehmen Zukunft und der Werbegemeinschaft Schmallenberg über starke Strukturen. Andere Kommunen setzen verstärkt auf klassisches Stadtmarketing. Wie sehen Sie das?
Bürgermeister Trippe: Die Frage ist, ob wir für die Außendarstellung der Stadt künftig richtig aufgestellt sind. Grundsätzlich sind wir gut strukturiert. Aber Strukturen müssen sich weiterentwickeln. Wir müssen den Gesprächsfaden immer wieder aufnehmen und prüfen, wie wir die handelnden Akteure noch besser vernetzen können, um Schmallenberg nach außen stärker zu positionieren und eine gemeinsame Geschichte zu erzählen. Wir werden keine Strukturen zerschlagen. Alle drei Organisationen haben ihre Berechtigung. Aber das Thema Stadtmarketing sollte möglicherweise noch klarer und sichtbarer dargestellt wer-den. Es geht darum, die Akteure enger zusammenzubringen.
WOLL: Vielen Dank, Herr Trippe, für das Gespräch nach den ersten einhundert Tagen im Amt. Wir wünschen Ihnen eine glückliche Hand im Amt und Unterstüzung auf allen Ebenen.




