
Der Wind pfeift leise durch die ehrwürdigen Mauerreste von Kloster Himmelpforten und trägt Geschichten aus fast acht Jahrhunderten mit sich fort. Unweit des Möhneufers trifft die Mystik alter Zisterzienserinnen auf den pragmatischen Tatendrang eines modernen Heimatvereins.
Die Mitglieder des Heimatvereins Ense-Bremen hüten keine staubigen Geheimnisse. Sie halten die Geschichte lebendig. Vorsitzender Clemens Tillmann erinnert mit belegter Stimme an jene Schreckensnacht im Mai 1943, als die Wassermassen alles verschlangen. Pastor Joseph Berkenkopf blieb damals treu an seinem Platz und ging gemeinsam mit seiner Kirche in den tosenden Fluten unter. Dieses stille Opfer hallt bis heute in den Ruinen nach.

Besonders packend wird die Erzählung von Bernhard Söbbeler, wenn der Vorsitzende des Heimatvereins Niederense von Alois Westhoff berichtet. Der alte Fuhrunternehmer aus Niederense saß in jener Schreckensnacht auf seinem Lastwagen und versuchte verzweifelt, den störrischen Holzvergaser zu starten. Das Wasser kam unaufhaltsam näher, der Motor blieb stumm. Die gewaltige Flut riss den schweren Laster mit sich fort in die dunkle Nacht. In dieser Todesangst legte Westhoff ein heiliges Gelübde ab: Er versprach, ein kleines Heiligenhäuschen für Christophorus zu bauen, wenn er diese Hölle überlebte. Er schaffte es tatsächlich und bis zu seinem letzten Atemzug brannte dort eine Kerze als Zeichen der Dankbarkeit.
„Heimat ist kein Rückspiegel, sondern der Kompass für alles, was vor uns liegt.“ Clemens Tillmann
Tradition trifft Moderne
Clemens Tillmann leitet den Heimatverein Ense-Bremen seit zwölf Jahren. Der 78-Jährige versteht sich eher als Dirigent eines gut eingespielten Orchesters. Bewusst verzichtet er zum 50. Jubiläum auf das große Festzelt und setzt auf echte Inhalte. „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht gestalten und ist auf die Zukunft nicht vorbereitet“, ist sein Motto. In einer Zeit von TikTok und ständiger digitaler Erreichbarkeit bietet Kloster Himmelpforten Erdung. „Ich möchte erreichen, dass Jugendliche hier politische Bildung erfahren und verstehen, wie wichtig Zusammenhalt ist.“

Die moderne Technik bringt Romanus Bartels ins Spiel. Er hat das Heimathaus Ense-Bremen fit für die Glasfaserwelt gemacht. „Beamer sind Geschichte“, sagt der Geschäftsführer. Stattdessen leuchten moderne Monitore an den Wänden. „Wenn heute ein Paar im Hochzeitszimmer Ja sagt, kann die Verwandtschaft in Australien live über das Netz dabei sein.“ Der ehemalige Polizeibeamte zeigt, dass Tradition und Technik keine Gegner sein müssen. Sogar Firmen nutzen die Räume für Konferenzen.
Kloster Himmelpforten war oft am Boden und wurde immer wieder aufgebaut. Diese Kraft spürt man noch heute in jeder Fuge. Die Engelsköpfe kehrten nach Jahrzehnten aus Herdecke zurück und mahnen zum Frieden. Aus Feinden von einst wurden Freunde, die heute gemeinsam an der Ruine der Opfer gedenken. Es ist kein Ort des Grauens mehr, sondern ein Symbol für Versöhnung. „Die Mauern brauchen keine neuen Fugen, um stabil zu bleiben. Sie trotzen dem Wetter wie ein Fels in der Brandung“, meint Bernhard Söbbeler.
Wer hier vorbeifährt, sollte anhalten und durchatmen. Das Erbe der Nonnen lebt in der Arbeit der Ehrenamtlichen weiter. Man spürt den Stolz auf die eigene Scholle. Heimat ist mehr als ein Wort auf einem Schild. Es ist das Gefühl zu wissen, wo die eigenen Wurzeln stecken. Dieser Ort flüstert, dass man immer wieder aufstehen kann. Egal wie hoch das Wasser steht.


