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Die Attendornerin Ursula Wanecki verkörpert als Double die ehemals mächtigste Frau der Welt
„Deutschlands Chancen nutzen“ – so lautete der Slogan auf einigen der überlebensgroßen CDU-Wahlplakaten im Sommer 2005. Darauf zu sehen: die Spitzenkandidatin in orangefarbenem Blazer, mit markanter Perlenkette und einem freundlichem Lächeln – Angela Merkel. Zu dieser Zeit kämpfte sie mit SPD-Kandidat Gerhard Schröder um die Gunst der Wählerinnen und Wähler. Was niemand ahnen konnte: In diesem Sommer sollte sich nicht nur für Angela Merkel eine entscheidende Chance bieten – auch das Leben von Ursula Wanecki nahm eine neue Wendung. Niemand. Außer vielleicht einem: ihrem damals sechsjährigen Enkel.
„Das ist Oma“, freute sich der Kleine in diesem Sommer, als er Angela Merkel auf den Plakaten und ihm Fernsehen sah. Er war fest davon überzeugt, seine Großmutter zu erkennen. „Und er hatte ja nicht ganz Unrecht. Ich trug tatsächlich den gleichen orangefarbenen Blazer wie Frau Merkel auf dem Plakat und sogar ähnlichen Schmuck. Es ist wirklich ein unglaublicher Zufall“, erinnert sich die heute 69-jährige.
Im Karnevalskostüm: Aus Ursula wird Angela
Bis die Attendornerin zur gefragtesten Doppelgängerin der ehemaligen Kanzlerin wurde, vergingen jedoch noch einige Monate. Zunächst inspirierte sie der kleine Enkel lediglich zu einer originellen Kostümidee für den Karneval. „Alle waren begeistert“, erzählt Ursula. „Meine Bekannten haben mich schließlich überredet, Fotos an eine Doppelgänger-Agentur zu schicken.“ Sie entschied sich für die Agentur von Jochen Florstedt. So begann ihre ungewöhnliche Karriere als Angela-Merkel-Double.
Professionelle Doppelgänger Agentur
Mit Jochen Florstedts Firma wählte Ursula eine der renommiertesten Agenturen Deutschlands, welche die gefragtesten Top-Doubles exklusiv unter Vertrag hat, darunter die Doppelgänger von Daniel Craig, George Clooney, Claudia Schiffer oder Angelina Jolie. Jochen Florstedt selbst ist seit über 45 Jahren in der Entertainmentbranche tätig und organisierte viele Veranstaltungen mit bekannten Musikstars und Bands, wie die Scorpions, Marianne Rosenberg oder der Kelly Family. Zur Doppelgänger Agentur kam er allerdings eher zufällig – und auch hier spielte der Karneval eine entscheidende Rolle : „Vor etwa 33 Jahren mimte ich im Rahmen einer Karnevalsparty mit einem Freund die Blues Brothers. Die Menschen wollten unbedingt, dass wir auf die Bühne gehen und eine Show machen,“ erinnert er sich. So kam der Stein ins Rollen. „Wir kauften ein Bluesmobil und brachten es auf bis zu 40 Auftritte im Jahr. Ich lernte dadurch die Welt der Doubles kennen. Diese Branche war damals allerdings oft eher zwielichtig: „Doubles wurden nicht selten betrogen.“ Deshalb entschloss er sich, die Szene zu professionalisieren und gründete seine eigene Agentur „Doubles.de“ in Mülheim an der Ruhr.“
Als Angela Merkel in die Medienlandschaft
Und diese Agentur kümmert sich nun auch um Ursula Wanecki alias Angela Merkel. „Mein erster Auftrag war es, Clips für eine Show von Stefan Raab zu drehen“, erinnert sich die gelernte Polnischlehrerin. „Doch ich hatte Angst vor meiner eigenen Courage und machte erstmal einen Rückzieher, bevor ich mich dann doch traute.“
Durch diese kleinen Clips wurde eine Kölner Werbeagentur auf Ursula aufmerksam und langsam nahm die Doppelgängerkarriere Fahrt auf. Für ProSieben stand sie vor der Kamera und produzierte die Werbefilme „Date mit der Kanzlerin“, um junge Menschen auf die Wahlen und politische Themen aufmerksam zu machen. Hinzu kamen weltweite Auftritte auf Messen, beim Oktoberfest, bei der Autoindustrie in Berlin, bei einer argentinischen Konzeptkünstlerin in Athen und sogar auf einer opulenten Geburtstagsparty auf Schloss Elmau war sie zu Gast. Dort feierte ein deutsch-russischer Oligarch gemeinsam mit hochrangigen russischen Politikern – und „Angela Merkel“ war der Überraschungsgast. Auch ihre Zusammenarbeit mit der heute-show und Oliver Welke bleibt ihr in bester Erinnerung: „Es war ein tolles Team – sehr organisiert und engagiert. Sie sind wirklich bemüht, politische Themen zu vermitteln und kritisch zu hinterfragen.“
Politisch engagierte Doppelgängerin
„Bei meinen Auftritten ist der erste Eindruck entscheidend“, erzählt Ursula von ihrer Arbeit als Doppelgängerin. „Dabei spielen neben dem Aussehen auch Mimik und Gestik eine Rolle. Mir fällt das leicht, denn ehemalige Kanzlerin und ich ähneln uns auch in diesen Bereichen. Nur meinen polnischen Akzent, den hat sie nicht.“, ergänzt die gebürtige Polin schmunzelnd. Ursula kam vor 40 Jahren als Spätaussiedlerin aus Schlesien nach Deutschland. Ihre Heimat, der Sankt Annaberg, liegt ihr auch heute noch sehr am Herzen. Sie reist regelmäßig dorthin und pflegt enge Kontakte zur deutschen Minderheit in Schlesien. Im Kreis Olpe setzte sich Ursula dafür ein, dass Polnisch als „Herkunftssprachlicher Unterricht“ angeboten wird.
Politisches Engagement und ein unverstellter Blick auf gesellschaftliche Themen sind Ursula besonders wichtig. So ist sie im Seniorenrat der Stadt Attendorn aktiv. Auch drehte sie für das lesbische Magazin „Straight“ als Angela einen Werbeclip, um zu zeigen, dass Homosexualität etwas völlig Normales ist. Der kleine Film kam sehr gut an – auch wenn er in ihrer Heimat Polen etwas kritischer betrachtet wurde. „Das ist mir aber egal, das ist meine persönliche Ansicht, die ich gern vertrete“, betont sie ihr politisches Interesse.
Starke Persönlichkeit: Ursula bleibt sie selbst
„Mir ist Bildung sehr wichtig“, betont sie. „Frau Merkel ist eine hochgebildete Frau. Und wenn ich sie verkörpere, möchte ich sie würdig darstellen und dazu gehören eine kultivierte Ausdrucksweise und eine gewisse Bildung. Ich möchte sie auf keinen Fall lächerlich machen. Ihre Aura spielt eine entscheidende Rolle, um ihre Präsenz authentisch darzustellen.“ Für Ursula und ihren Agenturchef Jochen Florstedt ist es von großer Bedeutung, dass bei jedem Auftritt klar wird: Es ist nicht Angela Merkel, die auf der Bühne steht, sondern Ursula Wanecki. „Wir wollen niemanden täuschen“, sagt sie.
„Ich wollte immer meine eigene Persönlichkeit und Individualität bewahren und mich nicht völlig in der Rolle der Kanzlerin verlieren. Die Gefahr besteht bei dieser Arbeit“, erklärt sie weiter. „Deshalb habe ich Privatleben und Job immer strikt voneinander getrennt.“
Stets auf dem Teppich geblieben
Ursula betrachtet ihre Tätigkeit als Double als bereicherndes Hobby: „Es hat mir viel gegeben. Ich hatte die Gelegenheit, viele prominente Persönlichkeiten zu treffen – darunter Politiker, Künstler und Schauspieler.“ Doch trotz des Erfolgs als Doppelgängerin kann sie nicht allein von diesem Nebenverdienst leben. Neben ihrer Tätigkeit als Double arbeitete Ursula als Bürokauffrau.
Ursula traf ihr berühmtes Vorbild nie persönlich, erhielt jedoch ein signiertes Buch von Angela Merkel. Dennoch gab es viele Begegnungen, bei denen Menschen glaubten, sie hätten nicht Ursula sondern tatsächlich die mächtigste Frau der Welt vor sich – sei es auf einem niederländischen Markt oder in einer Eisdiele in Attendorn. „Ein besonders amüsantes Erlebnis hatte ich bei einem Einkauf in Düsseldorf“, erzählt Ursula. „Die Verkäuferin war so überzeugt, dass ich Angela Merkel sei, dass sie kurzerhand das ganze Geschäft räumte.“
Auch wenn Angela Merkel mittlerweile in Rente ist, wird Ursula immer noch gelegentlich für Jobs angefragt. Doch sie freut sich ebenso über ihre zusätzliche Freizeit, die sie nutzt, um in ihre Heimat zu reisen oder einfach ein köstliches Eis in der Attendorner Innenstadt mit ihrem mittlerweile erwachsenem Enkel zu genießen – aber dann natürlich als Ursula und nicht als Angela.


