Deutsche Meisterin im Rhönradturnen 

Luisa Pohl - Deutsche Meisterin Rhönrad

Quelle: Julia Schmidt-Holthöfer

ESV Finnentrop Sporttalent Luisa Pohl aus Ostentrop

Rhönradturnen – eine Sportart, die Körperbeherrschung, Kraft, Ausdauer und Kreativität in besonderer Weise vereint. Obwohl sie in der deutschen Turnlandschaft eher eine Nische bildet, hat sie im Sauerland ein bemerkenswertes Zuhause gefunden: beim ESV Finnentrop. Was in den 1960er Jahren als kleiner Eisenbahnersportverein begann, entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem bedeutenden Standort des Rhönradturnens in Deutschland. In diesem Jahr konnte der Verein  beim Turnfest in Leipzig, auf dem die deutschen Meisterschaften ausgetragen wurden, besonders glänzen. Die 13-jährige Luisa Pohl hat den Titel „Deutsche Meisterin im Rhönradturnen“ nach Finnentrop geholt. WOLL hat mit ihr und ihrer Trainerin Annika Schmidt-Eickelmann gesprochen.

WOLL: Herzlichen Glückwunsch zum Meistertitel, Luisa! Wie hast du dich gefühlt, als du wusstest: Ich bin Deutsche Meisterin?
Luisa Pohl: Es war ein sehr schönes Gefühl, weil ich wusste, das harte Training hat sich jetzt ausgezahlt. 

WOLL: Wie lange turnst du schon im Rhönrad? In welchem Alter hast Du angefangen? Und wie bist du überhaupt dazu gekommen?
Luisa Pohl: Ich turne Rhönrad seit sechs Jahren. Ich habe mit sieben Jahren angefangen, regelmäßig zu trainieren. Auf die Idee, mit diesem Sport anzufangen, hat mich eine Tante meiner Mutter gebracht. Sie hat gesehen, wie ich auf dem Trampolin geturnt habe und meinte, ich wäre ein Turntalent und Mama solle mich doch mal beim Rhönradturnen in Finnentrop anmelden.

WOLL: Wie sieht dein Training aus – wie oft trainierst du pro Woche? Und was ist für dich das Besondere am Rhönradturnen?

Luisa Pohl - Deutsche Meisterin RhönradQuelle: Julia Schmidt-Holthöfer

Luisa Pohl: Ich trainiere wöchentlich zwei- bis dreimal je 2,5 Stunden. Wir machen uns mit Laufen und Dehnen warm und dann geht es ab ins Rad. Das Besondere am Rhönradturnen ist für mich die Vielfalt der verschiedenen Disziplinen.

WOLL: Was war für dich beim Turnfest in Leipzig das schönste Erlebnis – abgesehen vom Sieg? 
Luisa Pohl: Ich fand die Turnjugend-Party toll, die Zeit mit allen Turnerinnen und Turnern aus Deutschland zusammen.

WOLL: Was sind deine nächsten sportlichen Ziele?
Luisa Pohl: Ich möchte bei der WM Qualifikation sauber durchturnen. Das wäre für mich ein weiterer, toller Erfolg.

WOLL: Du hast in der Laufbahn schon viele Turnerinnen beim ESV trainiert, was macht Luisa besonders gut und wie konnte sie aus deiner Sicht mehr als alle anderen bei dem Turnfest in Leipzig überzeugen?
Annika Schmidt-Eickelmann: Luisa vereint drei Komponenten. Sie ist sehr ehrgeizig, körperlich mit allen Grundlagen ausgestattet – Kondition, Koordination, Kraftausdauer – und sie kann unglaublich gut umsetzen, was wir Trainer sagen.

WOLL: Was sind die Voraussetzungen, um an den Deutschen Jugendmeisterschaften (DJM) teilnehmen zu dürfen. Was sind die Besonderheiten und welche Wettkämpfe gibt es außerdem?
Annika Schmidt-Eickelmann:
Um bei den DJM zu starten, müssen sich die Turnerinnen und Turner qualifizieren. Die besten zwölf bis 13 pro Region dürfen dann zu den DJM. Die Teilnehmenden reisen aus ganz Deutschland an – von Senden-Ay in Südbayern über Würzburg und Berlin bis ins Ruhrgebiet. Insgesamt waren in Luisas Gruppe 25 Turnerinnen. Es gab dann noch die Altersklassen 12, 15 bis 16 und 17 bis 18, in denen die gleichen Regeln gelten. Das Turnfest fand vom 28. Mai bis 1. Juni 2025 statt. Es waren 80.000 aktive Teilnehmer und hunderttausende Besucher dort. Wir sind mit 18 Turnerinnen und Turnern sowie Trainern hingefahren. Dazu kamen fünf Turnerinnen, die uns auf dem Turnfest privat besucht haben. Beim Deutschen Turnfest machen wir immer mit. Leider gab es das letzte aufgrund von Corona 2017. Ansonsten findet es alle vier Jahre statt. Dazwischen gibt es noch das Landesturnfest (NRW). Dieses wird nächstes Jahr in Hamm ausgetragen.

WOLL: Wann sind die Trainingszeiten? Wie sind die Voraussetzungen, wenn man mitmachen möchte und wer kann mitmachen?
Annika Schmidt-Eickelmann:
Wir trainieren montags, mittwochs und freitags. Manchmal findet das Training auch am Wochenende statt. Mut, Kraft, Konzentrationsfähigkeit und Koordination – auch nach einem langen Schultag – sind wichtige Grundlagen. Wir haben eine Warteliste und laden meist mehrere Kinder gleichzeitig zum Probetraining ein. Ideal ist das Alter für den Einstieg zwischen sechs und neun Jahren. Da es ein sehr trainerintensiver Sport ist, können wir immer nur eine kleine Anzahl an Kindern aufnehmen. 

Luisa Pohl - Deutsche Meisterin RhönradQuelle: Julia Schmidt-Holthöfer

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Geschichte des ESV Finnentrop

Am 1. September 1960 legten 15 Eisenbahner den Grundstein für den Eisenbahner Sportverein Finnentrop. Mit dem Wandel der Bahn und der Mitgliederstruktur öffnete sich der Verein zunehmend – bis hin zur Umbenennung in ESV Finnentrop 1960 e.V.Ein Name ist untrennbar mit dem Rhönradturnen in Finnentrop verbunden: Adalbert von Styp-Rekowski. Der in Berlin geborene Finnentroper lernte den Rhönraderfinder Otto Feick persönlich kennen und war sofort begeistert. Bereits 1948 gründete er eine der ersten Rhönradabteilungen Deutschlands. Nach seinem Umzug ins Rheinland und später nach Finnentrop brachte er seine Begeisterung mit – und fand im ESV einen fruchtbaren Boden für seine Rhönradvision. Unter seiner Leitung entstand 1960 in Finnentrop eine eigene Rhönradabteilung, die schnell wuchs und überregional Aufmerksamkeit erlangte.

Wachstum, Erfolge und prominenter Besuch

Nur zwei Monate nach dem Start zählte die Rhönradabteilung bereits 150 Mitglieder. Schnell entwickelte sich der Verein zu einem wichtigen Standort auf der deutschen Rhönrad-Landkarte. Der große Durchbruch gelang 1965 mit der Ausrichtung der Deutschen Meisterschaften – ein Meilenstein für Verein und Sportart. Der Besuch von Bundespräsident Heinrich Lübke unterstrich damals die wachsende Bedeutung des Rhönradturnens.

In den folgenden Jahren etablierte sich der ESV Finnentrop als sportliches Aushängeschild. Deutsche Meistertitel, zahlreiche Podestplätze und die regelmäßige Teilnahme an nationalen Wettbewerben festigten den Ruf als leistungsstarker Verein. Darüber hinaus übernahm der ESV Verantwortung für die Ausbildung und Weiterbildung im Rhönradsport.

Luisa Pohl - Deutsche Meisterin RhönradQuelle: Julia Schmidt-Holthöfer


Generationswechsel und Neuorientierung

Mit dem Rückzug von Adalbert von Styp-Rekowski nach über 70 Jahren begann eine Phase der Neuorientierung. Der Verlust des prägenden Vereinsgründers machte sich bemerkbar – sportlich wie organisatorisch. Doch die neue Führung um Claudia Griffel und Paul Sieler brachte frischen Wind. 1984 richtete der ESV erneut die Deutschen Meisterschaften aus, diesmal mit Sieler als treibende Kraft. Er engagierte sich in den Folgejahren stark in allen Belangen.Der ESV Finnentrop hat es geschafft, aus einer Randsportart eine lokale Erfolgsgeschichte mit bundesweiter Strahlkraft zu machen. Was mit einer Idee und der Begeisterung einiger weniger begann, ist heute ein fester Bestandteil der deutschen Rhönradszene – getragen von engagierten Trainerinnen und Mitgliedern, die das Rad mit viel Schwung am Laufen halten.